Anonym im Netz: Hacker warnt vor mitlesenden Proxy-Diensten

Von Uli Ries, Las Vegas

Nicht nur Kleinkriminelle oder Freiheitskämpfer, sondern auch normale Nutzer wollen anonym durchs Netz surfen. Beispielsweise, um ihre Privatsphäre zu schützen. Ein Experte warnt vor zwielichtigen Angeboten - indem er selbst eins startete.

Proxy-Trick: Hacker stellt Surfern Falle Fotos
Chema Alonso / Informatica 64

Der spanische Hacker Chema Alonso hatte sichtlich Spaß, als er den zumeist amerikanischen Teilnehmern der Hackerkonferenz Defcon nicht nur die Schönheit seiner Heimat anpries - sondern auch sein jüngstes Bubenstück vorführte: Alonso hatte einen Server ins Netz gestellt, der vermeintlich die sonst unvermeidlichen digitalen Spuren seiner Nutzer verwischt.

Dieser sogenannte Anonymizer-Proxy reicht die Daten durch, der Nutzer bleibt unsichtbar. So wird die wahre Herkunft des Datenverkehrs verschleiert. Zahlreiche Listen im Netz führen solche Proxy-Server auf. Es genügt, die IP-Adresse des gewünschten Proxys im Browser zu hinterlegen, und schon rauscht der Datenverkehr vom eigenen Rechner zum Server und von dort zum eigentlichen Ziel im Netz.

Die von Alonso bereitgestellte Maschine hatte jedoch nicht das Wohl des Nutzers im Auge. Vielmehr zeichnete der Hacker unverschlüsselt übertragene Login-Daten für E-Mail-Konten oder Online-Dienste auf. Obendrein modifizierte der Server den Datenverkehr der um Privatheit bemühten Surfer: Automatisch fügte der bösartige Mittelsmann einzelnen Bestandteilen der vom Surfer aufgesuchten, legitimen Web-Seiten zwei Zeilen Programmcode hinzu. Das genügte, um später beliebige JavaScript-Dateien laden zu lassen - und den PC des arglosen Nutzers so zur Datenschleuder und fernsteuerbaren Waffe zu machen.

Jagd auf leicht verführbare Männer

Zu was der bösartige Mittler fähig ist, dokumentierte Chema Alonso unter großem Gelächter anhand einiger abgefischter Daten, die sämtlich von Kleinkriminellen stammten. Offenbar lockte der vermeintliche Spurenverwischer hauptsächlich zwielichtiges Cyber-Gesindel an. Da war der Spammer, der sich als Verkäufer von Arbeitserlaubnissen für Großbritannien ausgab. Oder der Abzocker, der sich mit gefälschten Frauenprofilen auf Online-Datingplattformen auf die Jagd nach leicht verführbaren Männern machte. Letztendlich ging es laut den von Alonso mitgeschnittenen Kommunikationen immer darum, dass die Männer ihrer virtuell Angebeteten Geld für ein Flugtickt überweisen.

Rechtlich ist dieser Lauschangriff natürlich vollkommen daneben. Daran ändert auch der Hinweis nichts, der auf der Website des Proxy-Servers prangte und alle Nutzer wissen ließ, dass ihre Kommunikation belauscht und mitgeschnitten wird. Wer die Proxy-IP-Adresse aus einer der einschlägigen Sammlungen kopierte, bekam diesen Hinweis nämlich nie zu sehen. Und selbst wenn, würde es das Vorgehen nicht rechtfertigen. Alonso scheint nach dem "Wo kein Kläger, da kein Richter"-Prinzip zu handeln und geht davon aus, dass die Online-Gauner ihn kaum wegen Datenschnüffelei belangen werden.

Aller Fragwürdigkeit der Methoden zum Trotz, machte der Vortrag eines überaus deutlich: Wie groß die Gefahr ist, bei der Suche nach Schutz im Netz in eine Falle zu tappen. "Natürlich kann jeder Kriminelle oder jede Behörde einen eigenen Proxy-Server ins Netz stellen und so an delikate Daten kommen. Wir wollten demonstrieren, wie leicht dies ist", sagte Alonso.

Tor-Netzwerk statt nur ein Anbieter

Der Hacker gab den Zuhörern daher den Tipp, sich besser auf das bewährte Tor (The Onion Routing)-Netzwerk zu verlassen. Tor existiert schon seit gut zehn Jahren und hat die technischen Kinderkrankheiten weitgehend hinter sich gebracht. Der Datenverkehr wird verschlüsselt über Netzknoten geschickt, die Freiwillige ins Netz stellen - mithören praktisch ausgeschlossen.

Wobei auch das von IT-Sicherheitsexperten weltweit geschätzte Netzwerk eine Sollbruchstelle hat: Die letzte Zwiebelschicht, also der Rechner im Tor-Netz, der den Datenverkehr ins offene Internet weiterleitet, kann theoretisch sämtliche durch ihn fließende Kommunikation belauschen. Von daher empfiehlt es sich, zumindest auf SSL-Verbindungen beim Surfen zu achten, zu erkennen am "https" oben links in der Browserzeile. Beim E-Mail-Programm heißen die sicheren Verbindungen IMAPS oder POP3S. Eine Anleitung, wie Tor zu installieren ist, steht auf der Website des Projekts.

Nur reicht in einigen Fällen nicht einmal SSL: In jüngster Zeit in der Szene viel diskutiert ist die Website Cryptocat. Der sichere Online-Chat wird als ideales Werkzeug für in Unterdrückerstaaten lebende Aktivisten beschrieben. Wobei Experten davon abraten, die Web-Version zu verwenden, da deren einzige Sicherheit gegen Lauscher das - bei entsprechender Hochrüstung auf Seiten des Angreifers - prinzipiell angreifbare SSL-Protokoll ist. Besser sei das derzeit schon verfügbare Plug-in für Googles Browser Chrome. Wie Cryptocat-Macher Nadim Kobeissi in einem Blogbeitrag schreibt, soll die bald verfügbare Version 2 seines Dienstes ausschließlich per Firefox- und Chrome-Plug-in funktionieren. Dies ist zwar weniger nutzerfreundlich. Aber wohin einen allzu viel Bequemlichkeit bringen kann, hat Chema Alonso ja eindrucksvoll demonstriert.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Habe ich geahnt
Spiegelwahr 02.08.2012
Das man Proxys nicht trauen kann, habe ich schon immer geahnt und jetzt gibt es den Beweis. Produziert eine Menge Müll und versteckt darin euere Schätze. Proxys sind wie Honigtöpfe, sie ziehen die Fliegen an. Was geheim bleiben soll gehört nicht ins Internet oder auf dem Computer.
2.
exterminate 02.08.2012
Zitat von SpiegelwahrWas geheim bleiben soll gehört nicht ins Internet oder auf dem Computer.
Dann müsste man jegliche Kommunikation übers Netz einstellen, denn generell möchte ich alles, wenn nicht als "geheim", dann doch zumindest als "vertraulich" verstanden wissen. Das ist aber schwierig bei Politikern und Behörden, die am liebsten eine Totalüberwachung der Bürger aka. Vorratsdatenspeicherung installieren würden, weil man ja eventuell damit hin und wieder einen Eierdieb fangen könnte.
3.
philosoph123 02.08.2012
Die Sicherung gegen ein Risiko beinhaltet immer ein neues Risiko. Wer mein mit obskuren Servern in Panama sich gegen Strafverfolgung zu schützen der sollte sich mal folgendes überlegen: Wie groß ist der Etat des FBI's pro Jahr z. B. oder CIA oder NSA. Und die sollen nicht mal 500.000$ um in z. B. ein Unternehmen zu gründen, eine Website zu erstellen und die benötigten Server aufzustellen? Wie blöd sind eigentlich Leute die meinen sie könnten sich auf einen Anonymizer für ihre Straftaten verlasssen?
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

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