Wegen Spendenaktion Anonymous-Anhänger sagen sich von WikiLeaks los

Für WikiLeaks haben Anonymous-Aktivisten einst gekämpft - jetzt sagen sich unbekannte Anhänger des Web-Kollektivs von Julian Assange und seiner Enthüllungsplattform los. Eine Spendenaktion von WikiLeaks markiert das Ende, die Entfremdung begann schon vorher.

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Anonymous-Aktivist: "Wir müssen zeigen, dass wir zum Handeln entschlossen sind."
REUTERS

Anonymous-Aktivist: "Wir müssen zeigen, dass wir zum Handeln entschlossen sind."


Ein Spendenaufruf auf der WikiLeaks-Website hat endgültig zum Zerwürfnis mit Anhängern des Web-Kollektivs Anonymous geführt. WikiLeaks-Gründer Julian Assange fordert in einem auf den US-Wahlkampf ausgerichteten Video dazu auf, die Plattform mit Geld zu unterstützen. Das Formular dazu prangt vor mehreren von WikiLeaks enthüllten Datenbeständen, ohne Spende, Twitter- oder Facebook-Nachricht gibt es keinen Zugriff, zumindest nicht über die WikiLeaks-Website.

Anhänger von Anonymous nehmen die umstrittene Spendenkampagne nun zum Anlass, um sich grundsätzlich über die Ausrichtung von WikiLeaks zu beklagen. Ihren Unmut erklären die Unbekannten in einem offenen Brief. In den vergangenen Monaten habe sich der Fokus von WikiLeaks verschoben - weg von der Veröffentlichung geheimer Regierungs- und Unternehmensinformationen, hin zu Julian Assange.

Sie seien interessiert an transparenten Regierungen, heißt es darin, und an der Enthüllung von der Öffentlichkeit vorenthaltenen Informationen. "Stattdessen hören wir nur von Julian Assange, etwa dass er mit Lady Gaga zu Abend gegessen hat." Man könne WikiLeaks deshalb nicht länger unterstützen. Die Unbekannten haben nach eigenen Angaben vor ihrer Stellungnahme mit etlichen Anhängern des Web-Kollektivs gesprochen: "Die große Mehrheit war von dieser aufdringlichen Aufforderung entsetzt."

"Operation Avenge Assange"

Der Bruch ist bemerkenswert, weil Anonymous-Aktivisten für WikiLeaks zum Teil hohe Risiken in Kauf genommen haben. Für die Enthüllungsplattform ist das Kollektiv einst in den Krieg gezogen. Die namenlosen Internetaktivisten starteten im Dezember 2010 Angriffe auf die Websites von Paypal, Mastercard und Visa, nachdem die Zahlungsdienstleister WikiLeaks die Zusammenarbeit aufgekündigt hatten.

Nach der Veröffentlichung von US-Botschaftsdepeschen und geheimen Berichten aus dem Irak-Krieg handelten die Unternehmen offenbar auf Druck der US-Regierung. In einem Aufruf von Anonymous hieß es damals:

"Warum sollten wir WikiLeaks unterstützen? WikiLeaks veröffentlicht geheime Informationen. Diese Art von Informationen, die der Regierung sagen: 'Hey! Sie können sich wehren, wenn sie wirklich wollen.' Regierungen versuchen derzeit, Websites zu zensieren, die sie nicht gutheißen. (...) Wir müssen der Welt zeigen, dass wir zum Handeln entschlossen sind."

Mit einer Software starteten die Anonymous-Aktivisten massenhafte Abfragen, Server der Unternehmen brachen unter den DDoS-Attacken stundenlang zusammen. Medien berichteten aufgeregt über einen "Cyberwar", Anonymous wurde weltweit bekannt. Für das lose Web-Kollektiv war es die zweite große Kampagne nach dem Start von Protesten gegen die Psychosekte Scientology ein Jahr zuvor.

Anonymous geht ins Gefängnis

Das FBI holte zum Gegenschlag aus. In den Niederlanden wurde ein 16-Jähriger festgenommen, der einen Chatserver bereitgestellt haben soll. Rund ein halbes Jahr später wurden 14 Anonymous-Aktivisten wegen "Operation Payback" und "Operation Avenge Assange" festgenommen.

Anonymous hatte sich zwischenzeitlich für eine gezielte Verbreitung und Auswertung von WikiLeaks-Informationen stark gemacht, zum Beispiel bei der "Operation Leakspin". Anonymous und WikiLeaks waren Verbündete in ihrem Kampf gegen Institutionen, für mehr Transparenz und die Verbreitung von Wissen.

"Das Ende einer Ära"

WikiLeaks geriet nach den Veröffentlichungen zunehmend unter Druck. Und damit nicht genug: Interne Streitereien und die Flucht von Julian Assange vor Strafverfolgung haben das Projekt WikiLeaks seitdem ausgezehrt. Ein anonymer Briefkasten auf der Website, um Dokumente einzureichen, wurde stillgelegt. Zuletzt sollte er Ende 2011 neu gestartet werden, das ist bis heute nicht passiert. Zuvor hatte WikiLeaks in einem dramatischen Appell wieder einmal mehr um Spenden geworben. Zwischenzeitlich arbeitete Julian Assange an seiner Biografie mit, moderierte für den russischen Auslandssender RT eine Talkshow und schrieb bei einem Buch über Internetfreiheit mit.

Mit dem prominenten Spendenbanner hat Assange nun etliche Anonymous-Anhänger vor den Kopf gestoßen. "Wir riskieren nicht Gefängnis, damit Zeug gegen Geld enthüllt wird", heißt es in einem Tweet. Der von mehr als einer Viertelmillion Twitter-Nutzern abonnierte Kanal AnonymousIRC meldete: "Das Ende einer Ära. Wir folgen @WikiLeaks nicht mehr und ziehen unsere Unterstützung zurück. Es war eine großartige Idee, ruiniert von Egos. Good Bye."

Kurze Zeit später veröffentlichten die Unbekannten ihren offenen Brief, um ihr Entsetzen in mehr als 140 Zeichen zu erklären.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
janne2109 12.10.2012
1. ....
grundsätzlich- ja auch ich möchte informiert sein über Dinge die hinter dem Vorhang meiner Regierung vor sich gehen, nein- ich möchte nicht, dass jedermann lesen kann was hinter den Vorhängen meiner Firma geschieht... ergo? Nicht alles ist für eine Öffentlichkeit bestimmt, gut und richtig. Das zum Thema Wikileaks.
spon-facebook-10000379949 12.10.2012
2. Medien...
Die Medien sollten dringend mehr Kompetenz an den Tag legen im Umgang mit Anons. Jeder Anon spricht für für sich selbst und so ein Brief spricht für einen oder eine kleinere Gruppe Anons aber selten für alle. Assanges Egofaggotry war aber vielen schon länger ein Dorn im Auge.
Dr.pol.Emik 12.10.2012
3. Der Reifheitsgrad mangelt allen Seiten …
… und belegt dass die Lügenbarone das Heft des Handelns noch fest in der Hand halten, solange die welt halt noch belogen werden will oder aus Sicht einiger Weniger, belogen werden muss. Das böse Bauchgrummeln der Masse reicht wohl noch nicht für einen Durchbruch von Wahrheit und Transparenz. WikiLeaks und die geplatzte Verhüllung (http://qpress.de/2010/12/07/wikileaks-und-die-geplatzte-verhullung/) … auch hier konnte die Welt, wenn sie wollte, eine Menge lernen, der Vorgang allein bis heute eine unübertroffene Posse. Der Fall mit der geplatzten Verhüllung ist ja auch noch nicht abgeschlossen, deshalb sitzt ja auch Assange immer noch in seinem Wahlgefängnis ein, einer Botschaft. Die Personenorgie und Selbstvermarktungskult von Julian dürften wohl tatsächlich die Hauptgründe sein, dass Wikileaks irgendwann Vergangenheit sein wird. Mal sehen ob danach eine bessere Alternative aufersteht, die es schafft die eigentliche Vision von Transparenz und Offenheit dauerhaft in unserer Gesellschaft zu implementieren … sofern denn die Gesellschaft reif genug dafür ist und die Schafe sich ihres Lebens und ihrer Macht bewusst werden … (°!°)
Hugh 12.10.2012
4. Weitere CIA-Assagne-Diffamierungskampagne?
Zitat von sysopREUTERSFür WikiLeaks haben Anonymous-Aktivisten einst gekämpft - sagen sich unbekannte Anhänger des Web-Kollektivs von Julian Assange und seiner Enthüllungsplattform los. Eine Spendenaktion von WikiLeaks markiert das Ende - die Entfremdung begann schon vorher. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/anonymous-anhaenger-sagen-sich-von-wikileaks-los-a-860909.html
Wer weiß denn schon ob das wirklich Anonymous-Aktivisten sind. Können doch auch CIA-Agenten bei ihrer üblichen Assange Diffamierungskampagne sein. Oder irgendwelche vom FBI "umgedrehten", genauer gesagt erpressten Scriptkiddies. Es waren ja schon Pläne für solche Kampagnen bekannt geworden, bevor Assange zwei Schwedinnen angeblich "vergewaltigt" hat.
spontiki 12.10.2012
5. Nervend
Diese Spendenaktion ist tatsächlich nervend. Warum soll ein Europäer für den amerikanischen Präsidentenwahlkampf spenden, wenn er sich die hochinteressanten, von Wikeleaks online gestellten Dokumente z.B. über Syrien anschauen will?
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