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Anti-Apostrophismus: Was soll da's?

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Nicht nur Sprachpuristen bringt er auf die Palme, der Apostroph an der falschen Stelle. Wenn Wortteile fälschlicherweise mit dem Auslassungszeichen abgetrennt werden, wie bei "CD's" oder "Info's" spüren immer mehr Menschen mittleres bis starkes Unwohlsein. Der Widerstand wird im Web organisiert.

[M] DPA

Gesehen hat man ihn vermutlich schon öfter. Und - so man nicht selbst zu seinen erklärten Freunden zählt - hat man vielleicht auch leise oder ein wenig lauter über ihn geflucht. Landauf, landab übernimmt der Apostroph nach und nach die Hoheit über Werbetexte, Überschriften und Hinweisschilder. Vor allem - und das ist tragisch - an Stellen, wo er überhaut nichts verloren hat.

Zwar erlaubt selbst der Duden mittlerweile - gewiss zähneknischend - die Abtrennung der Genitiv-Endung "s" durch Apostroph (Paragraf 97E), doch damit gibt sich das fiese kleine Auslassungszeichen keineswegs zufrieden. Nachweislich grammatikalisch falsch liest man tagtäglich von "Info's", die es zu erhaschen gilt, von "Snack's", die vertilgt werden wollen, und von "T-Shirt's" über die sich vor allem heranwachsende "Kid's" beinahe dumm und dämlich freuen. "Immer weiter greift das Phänomen des Apostroph-Missbrauchs um sich", beschreibt Daniel Fuchs, seines Zeichens Erschaffer der "Apostroph-S-Hass-Seite", das Problem. Dieses Problem hat übrigens auch einen Namen. Es heißt "Apostrophitis" und war schon Titeln wie dem SPIEGEL oder der "Süddeutschen Zeitung" Beachtung wert. Zuletzt widmete "Axe'l H'acke" im "SZ Magazin" den himmelschreienden grammatikalischen Verhältnissen einen Artikel.

Die Apostroph-Sichtungen sauber gegliedert: Daniel Fuchs

Die Apostroph-Sichtungen sauber gegliedert: Daniel Fuchs

Der Widerstand gegen die "totale Verblödung" - um noch einmal Herrn Fuchs zu zitieren - organisiert sich im Netz. Zunächst gibt es da mehrere fotografische Dokumentationen von den schlimmsten Auswüchsen der "Auslassungszeichen an die falsche Stelle setzen"-Krankheit. Auf der Apostroph-S-Hass-Seite zum Beispiel schön sauber aufgeteilt in die Rubriken "Plural-S", "Andere End-S", "Andere Buchstaben", "Verben" und "Genitiv" - denn der Apostroph sitzt im Detail.

Es gibt auch Apostroph-Hasser mit regionalem Background. Besonders verdient um die Dokumentation der grammatikalischen Missstände im Raum Heilbronn hat sich ein gewisser Gerd gemacht. Unter dem Titel "Kaufe alles aus Oma'ß Zeiten!" - der im Übrigen nicht aus Heilbronn, sondern aus Dresden stammt - zeigt dieser mutige Mann die ungeschminkte Apostrophen-Wahrheit aus dem Bermudadreieck zwischen "Muslim's Kebap", "Silvi's Nagelstudio" und "Öter's Getränkeladen". Wir erinnern uns: Diese Abtrennung ist zwar mittlerweile erlaubt. Unschön sieht sie trotzdem aus.

Die Zustände auf dem Münchner Viktualienmarkt, wo "Schmanker'l" vom "Grill'" und das "Honighäus'l" zu finden sind, hielt Matthias Ebermanns fest. Ein Wunder, dass er dabei nicht Auslassungszeichen-Amok gelaufen ist. Doch nicht nur das Bloßstellen der sprachtechnischen Fehlleistungen sehen die Anti-Apostrophisten als ihre Aufgabe an.

Gerd: Slogan aus Dresden, Bilder aus Heilbronn

Gerd: Slogan aus Dresden, Bilder aus Heilbronn

Auch ein schon fast philosophisch zu nennender Diskurs über die Motive des eigenen Handelns findet statt. Angestoßen wurde er vom Naturwissenschaftshistoriker Philipp Oelwein. Für ihn ist "nicht die Verwendung der falschen Apostrophe die Unsitte, sondern, dass dieser Umstand immer weitere Verbreitung findet."

Mit dem Kampf gegen den falschen Apostroph will er die "Kritik- und Gedanken- bzw Reflektionslosigkeit" bekämpfen, die er als Ursache des kollektiven Grammatikwahns ansieht. In einem - zugegebenerweise in letzter Zeit nicht wirklich häufig frequentierten - Diskussionsforum will Oelwein den Austausch zwischen seinesgleichen und den Gegnern der Apostrophen-Hatz fördern. ("Diskussion über das Pro und Contra des Apostrophenschutzes. Bitte nur ernstgemeinte Beiträge.")

Schlicht und theorielastig: Philipp Oelwein

Schlicht und theorielastig: Philipp Oelwein

Dann und wann müssen, angesichts des übermächtigen Apostrophen-Drucks, die Reihen der zurückwankenden Kämpfer wieder gefestigt werden. Denn die Schwächezeichen mehren sich. "Ich sage, dass mich langsam die Resignation packt. Der Feind ist einfach übermächtig", schreibt Daniel Fuchs auf seiner Seite. Und im Diskussionsforum klagt eine Kathrein in einen Beitrag mit dem Titel "Gebe ich's auf?" über ihre ignoranten Kollegen. "Nein, gib nicht auf, bleib beharrlich!", schreiben dann die Unterstützer. Das tut gut.

Dabei ist die Apostrophen-Problematik keine allein deutsche Angelegenheit. Auch in Frankreich ("Rollmop's au Vinaigre de Vin Doux") und den USA ("The Three Musketeer's") wurden bereits Fälle registriert. Und das, obwohl der Apostroph im Englischen dank der Genitiv-s-Abtrennung ("Ronny's brother") bereits jetzt einen gebührenden Platz in der geschriebenen Sprache eingenommen hat. Wir Deutschen werden folgen. Aber das scheint ihm ja nicht zu reichen, dem Apostrophen. Vielleicht ist er ja wirklich zu mächtig. Was soll's. Nicht's zu machen.

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