Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Antje Schrupp: Bloggen als Bürgerpflicht

Von

Antje Schrupp ist eine feste Größe in der deutschen Blogosphäre. Sie schreibt über Feminismus, Politik und Philosophie und will vor allem Frauen ermutigen, sich öffentlich im Netz zu äußern. Doch viele verstehen gar nicht, wovon sie eigentlich spricht.

Antje Schrupp: "Ich finde es gut, wenn meine Ideen geklaut werden" Zur Großansicht
Antje Schrupp

Antje Schrupp: "Ich finde es gut, wenn meine Ideen geklaut werden"

Man könnte meinen, der digitale Graben verliefe an diesem Freitag genau hier, quer durch das Haus am Dom in Frankfurt, irgendwo zwischen Sektbar und Beamer. Am Klavier sitzt eine blonde Dame im Kleid und spielt "The Entertainer", im Saal sitzen rund 50 Frauen, eine davon ist die Bloggerin Antje Schrupp.

Das Frauenreferat des Limburger Bistums hat eingeladen zu einem Abend von Frauen für Frauen; sie sollen lernen, ihr "Profil zu schärfen". Es gibt einen Schminkkurs, ein Seminar zur Entscheidungsfindung und den Workshop von Antje Schrupp, darin soll es um den Auftritt im Internet gehen. Für so etwas gilt Schrupp als Expertin und hat damit den meisten Frauen hier etwas voraus.

Mit einem Sekt in der Hand lauschen sie der Pianistin, während Schrupp schon mal den Vordruck für die Rechnung ausfüllt. Sie lebt von Vorträgen und Workshops wie diesem - und zwar problemlos. Immer wieder wird sie eingeladen, als erfahrene Netznutzerin und Bloggerin. Gerade ist sie 48 Jahre alt geworden, und auch ihren Geburtstag hat sie mit Mikro auf einer Bühne verbracht. Eigentlich ist sie Politikwissenschaftlerin, promoviert, Feministin und ausgebildete Journalistin. In ihrem Hauptblog schreibt sie über Geschlechterdifferenzen, über Politisches und Geschichtliches.

Facebook ist etwas für Offliner

Mitte der achtziger Jahre hat sie beim evangelischen Pressedienst volontiert, danach war sie beim Hörfunk, aber heute arbeitet sie kaum noch als klassische Journalistin. "Die Honorare wurden immer kleiner, und gleichzeitig musste man immer mehr dafür tun", sagt sie, außerdem habe sich die Themensetzung zu sehr am Mainstream orientiert. "Ich hätte gern auch abseitige Themen behandelt. Nur gab es dafür kaum Platz." Jetzt hat sie allen Platz der Welt - im Blog. "Dass für die Berichterstattung eine spezielle Berufsgruppe zuständig ist, das geht ja sowieso dem Ende zu." Ihr Artikel zum pinkfarbenen Überraschungsei zum Beispiel wurde viel gelesen und geteilt: Laut dem Web-Dienst Rivva wurde der Text mehr als 300-mal retweetet.

Mehr als zehn Jahre hat sie kontinuierlich ins Netz geschrieben und ist mittlerweile zu einer Marke geworden. Davon kann sie leben. Nicht vom Bloggen direkt, aber ihre Thesen und Texte bringen ihr Einladungen ein: als Vortragende, als Expertin, als Lehrerin. Denn Antje Schrupp hat eine Gabe: Sie kann vermitteln zwischen denen auf der einen Seite des digitalen Grabens und denen auf der anderen. Sie kennt beide Seiten und wundert sich über keine.

Sie selbst bewegt sich selbstverständlich durchs Netz, hat aber gleichzeitig Bekannte, "gerade in der feministischen Szene", die das Web kaum nutzen. "Die drucken sich Artikel aus und bringen sie sich gegenseitig mit." Solche Leute erreiche man schwer im Netz. "Facebook benutze ich eigentlich nur, weil ich dort die Leute aus der Offline-Welt erreiche. Wenn die sich überhaupt im Internet bewegen, dann da."

"Ich telefoniere eigentlich lieber"

Im Haus am Dom entscheiden sich nur vier Frauen für den Internet-Workshop: eine Architektin, eine Karriereberaterin, eine Geigerin und eine Grafikdesignerin. Antje Schrupp beginnt mit einer Präsentation, doch schon nach wenigen Sätzen ist Schluss. "Was ist denn eine Timeline?", fragt eine Teilnehmerin, "können wir vielleicht erst mal die Begriffe klären - Twitter, Blog und so - ich weiß nicht, was das alles ist." Die Architektin sagt, dass sie eigentlich lieber telefoniere und der Rechner zu Hause grundsätzlich aus bleibe.

Schrupp lächelt. Geduldig beantwortet sie die Fragen, zeigt ihren Twitteraccount und erklärt. Die Frauen sehen die Timeline und lesen Tweets. "Warum sollte man denn da mitmachen?", fragt eine Frau, "mir erschließt sich der Sinn nicht."

Später sagt Antje Schrupp, dass sie die Teilnehmerinnen des Workshops keineswegs technikskeptisch fand, sondern recht offen. "Da bin ich von manchen Veranstaltungen ganz anderes gewohnt."

Es wirkt, als müsse sie immer wieder von vorne anfangen, als hole sie Menschen da ab, wo sie selbst vor vielen Jahren war. In den Neunzigern entdeckte sie das Netz für sich. "Für mich war das zuerst mal ein ideales Archiv für meine Texte", sagt sie. Sie experimentierte mit dem Medium herum und war begeistert: "Die Möglichkeit, von Computer zu Computer zu kommunizieren, fand ich toll." Sie hat sich in die Idee des Internets verliebt - und wollte selbst etwas dazu beitragen.

Männer kommentieren, Frauen halten sich zurück

Seitdem schreibt sie dort, angeblich vor allem für sich selbst: "Ich blogge wirklich nicht, um Leute zu erreichen. Mir ist egal, wie viele das lesen", sagt sie. Habe sie einen interessanten Gedanken, schreibe sie ihn auf, damit sie nicht mehr darauf herum denken müsse. Vielleicht interessiert ja jemanden da draußen, was sie denkt - vielleicht auch nicht.

Von diesem Konzept möchte sie andere überzeugen. Bloggen ist Bürgerpflicht, hat sie einmal geschrieben. "Pflicht ist im Sinne von Tugend gemeint. Es wäre doch schade um die vielen Meinungen und Ideen, die sonst nicht sichtbar werden", sagt sie. Gerade Frauen melden sich ihrer Meinung nach zu selten zu Wort, selbst ihre feministischen Beiträge kommentierten hauptsächlich Männer. Deshalb möchte sie Frauen ermutigen, sich online zu äußern.

Ganz früher einmal wollte sie Pfarrerin werden, ist aber davon abgekommen, weil sie keine Kirchenvertreterin sein wollte. "Aber nicht etwa, weil ich nicht verkündigen und missionieren wollte - das kann ich ja jetzt trotzdem", sagt sie und lacht. "Ich finde es sogar gut, wenn meine Ideen geklaut werden. Schließlich finde ich sie selber so toll, dass sie sich möglichst weit verbreiten sollen."

Für ihre Ideen möchte sie auch kein Geld haben. Nur ihre Zeit auf Konferenzen und Podien lässt sie sich bezahlen; wenn sie selbst vor Ort sein soll, macht sie das nur gegen Honorar, so wie heute hier in ihrer Heimatstadt. Wer keins zahlen will, könne sich ja eines ihrer Vortragsmanuskripte aus dem Netz ausdrucken und selbst vorlesen. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal das wundern.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Antje Schrupp - identifiziert als
CDeBruijn 26.09.2012
Spannendes Interview! - Passend dazu: Laut den aktuellen Virato Blog-Charts führte Antje Schrupp im August 2012 die Spitze der „Blogperlen“ in Deutschland an – gefolgt von Sascha Lobo (Platz 2). Quelle: http://bit.ly/vbcsmq812 (Die Platzierung ergibt sich aus dem Social Media Quotienten=Social Media Verbreitung/Anzahl der Beiträge). Die nächste Erhebung der Virato Blog-Charts für den Monat September ist für Anfang Oktober 2012 geplant. Es bleibt also auch weiterhin spannend, wie sich die "Blogperlen" entwickeln...
2. realistische Eigenwahrnehmung?
Martin Steffen 26.09.2012
---Zitat--- könne sich ja eines ihrer Vortragsmanuskripte aus dem Netz ausdrucken und selbst vorlesen. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal das wundern. ---Zitatende--- Oh, ja, so wird es sein, das unaufgeklaerte Volk laedt sich Festvortraege runter und liest sie sich selbst vor :-) Noch nicht mal Politiker sind so weldfremd zu glauben der geneigte Waehler hungert in diesem Ausmass nach Sonntagsreden
3. ...
champagnero 26.09.2012
Oh man. Diese selbstreferenzielle "Blogosphäre" geht mir so was von auf den Geist. 80% der Blogbeiträge befassen sich doch eh mit Themen, die man auf anderen Blogs gelesen hat. Zitat: "Es wäre doch schade um die vielen Meinungen und Ideen, die sonst nicht sichtbar werden" Ganz im Gegenteil um dieses größtenteils nichtssagende, quellenfreie Geseier wäre es mit Sicherheit nicht schade.
4. Verstehen
Quagmyre 26.09.2012
Zitat von sysopAntje SchruppAntje Schrupp ist eine feste Größe in der deutschen Blogosphäre. Sie schreibt über Feminismus, Politik und Philosophie und will vor allem Frauen ermutigen, sich öffentlich im Netz zu äußern. Doch viele verstehen gar nicht, wovon sie eigentlich spricht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/antje-schrupp-im-portraet-bloggen-als-buergerpflicht-a-857868.html
Ich auch nicht.
5. Banausen und Bildungsverweigerer allueberall....
Martin Steffen 26.09.2012
Zitat von QuagmyreIch auch nicht.
:-) Dann fix nachsitzen, Sie vernachlaessigen ihre Buergerplicht. Obwohl, Blogg-lesen ist laut A.S. nicht Pflicht, nur bloggen-schreiben. Damit ist auch fuer Schadensbegrenzung gesorgt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: