Apple-Fans Macht Euch doch mal locker!

Andere Marken haben Kunden, Apple hat Fans - und das kommt von "Fanatics". Warum, wundert sich SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Michael Stein, gebärden sich die Verfechter der coolen Macs oft nur so uncool?


Apple G4 "Quicksilver": Coole Produkte für eine design-bewusste Klientel

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Seit 1985 schreibe und berichte ich nun schon über Computer. Über die von Commodore, die von Atari, von Schneider, von Dell, von IBM, von Toshiba, von Fujitsu Siemens und über all die vielen anderen.

Und eben auch über die von Apple. Als Journalist freut man sich ja, wenn die Artikel gelesen, die Beiträge gehört und gesehen werden. Und man freut sich auch über Kritik - wenn sie konstruktiv ist. Wann immer ich aber über Geräte aus Cupertino berichte, kann ich sicher sein, dass mich die unflätigsten, unfreundlichsten und unqualifiziertesten Rückmeldungen überhaupt erreichen.

Offenkundig handelt es sich dabei stets um Macintosh-Benutzer, die sich in irgendeiner Weise beleidigt fühlen - ganz gleich, was der Inhalt des Artikels war. Irgendetwas gibt's offenbar immer auszusetzen. Das ist ein echtes Phänomen.

Warum das so ist, habe ich mich schon oft gefragt, und viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich das Gleiche. Denn schließlich arbeiten die meisten von uns ja selbst (auch) an Mac-Systemen. Selbst Apple-Mitarbeiter (!) bekommen nach einem Artikel, der nicht ausschließlich positiv war, erboste E-Mails und werden dafür verantwortlich gemacht, einen solchen Artikel nicht verhindert zu haben.

Passiert das, weil sich Mac-Nutzer den Besitzern von PCs permanent unterlegen fühlen? Weil Windows-PCs nun einmal insgesamt höhere Marktanteile haben, weil alle Welt von Windows spricht, weil Mac OS nach wie vor eher ein Nischendasein fristet? Geschieht es, weil die Mac-Nutzer insgeheim mit den Produkten oder den Marketing-Aktivitäten des Unternehmens von Steve Jobs unzufrieden sind?

Genesis: Für die Sekte der strenggläubigen Apple-Fundamentalisten verändert Apple seit mehr als 20 Jahren immer wieder die Welt
AP

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Warum herrscht in Mac-Kreisen bloß so eine ungeheuere Verkrampftheit? Warum freuen sich die Mac-Nutzer nicht einfach nur darüber, einen Computer zu benutzen, den nicht jeder hat? Denn wenn ihn jeder hätte, dann wäre er schließlich gar nicht mehr so exklusiv. Und: Echte Gründe, sich unterlegen zu fühlen gibt es eigentlich nicht.

Friedensangebot: Berechtigte Streicheleinheiten

Apple-Computer und -Geräte gehören schon seit Jahren zu den am meisten beachteten Produkten überhaupt. Wann immer das Unternehmen eine neue Entwicklung vorstellt, ist es damit technologisch und vom Design her weit vorne. Alle Medien berichten darüber, selbst der viel zitierte Mann auf der Straße kennt die Produkte. So war es beim ersten iMac, so ist es beim neuen iMac, so war es bei der drahtlosen Netzwerk-Technik "Airport", so war es bei Mac OS X.

Oft neidisch schielen PC-Nutzer auf die Benutzerfreundlichkeit, auf die leicht installierbaren und bedienbaren Geräte, die in aller Regel auch noch viel besser aussehen als ihre eigenen.

...und noch berechtigtere Peitschenhiebe

In der Mac-Szene und wohl auch in den Firmengebäuden des Herstellers trifft man jedoch häufig auf verkrampfte Arroganz.

Ich denke da nicht nur an die meist eher unfreundlichen Kontakte mit Apple-Nutzern ("Sie haben nicht genug gelobt!"), sondern auch etwa an Interview-Versuche mit Apple-Mächtigen, die mitunter an einem sehr eigentümlichen Verständnis von Kommunikation scheitern.

Steve Jobs redet von allen seinen Produkten natürlich nur in Superlativen: Warum sind seine Worte sakrosankt, während man das bei keinem anderen Unternehmer ernst nimmt?
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Steve Jobs redet von allen seinen Produkten natürlich nur in Superlativen: Warum sind seine Worte sakrosankt, während man das bei keinem anderen Unternehmer ernst nimmt?

Das alles passt irgendwie so gar nicht zu den meist coolen Produkten, die das Apple-Logo tragen. Darum die dringende Bitte: Macht Euch doch alle mal locker!

Völlig aus dem Häuschen sind die Macianer zurzeit, weil seit Anfang der Woche nun auch in Power Macs Prozessoren mit 1 GHz Taktfrequenz arbeiten. Im Spitzenmodell sogar gleich zwei Stück. Heiß wird darüber diskutiert, ob die neue Grafikkarte mit GeForce 4-Grafikchip von NVidia, der erstmals in einem Rechner verbaut wurde, den Mac nun besser oder schlechter, vor allem aber schneller als einen der verhassten "Wintel"-Fraktion macht.

Und so kochten zur entsprechenden Meldung im Newsticker des Heise-Verlages die Emotionen in kürzester Zeit wieder höher als zu jedem anderen Thema. "So ein Scheiß!" erbrach sich da etwa ein erboster Interessent ins Forum, weil der Apple-Store just in dem Moment, in dem er offenbar seine Bestellung absetzen wollte, gerade offline war. Ein anderer berauschte sich hingegen gerade an den technischen Daten und fand die neuen Maschinen "endgeil", während ein anderer Steve Jobs dankte und ihn anflehte, zur nächsten Macworld endlich Power Macs mit G5-Prozessoren zu bringen.

Ohne Worte.



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