Apple-Konferenz Das Ende der Welt, wie wir sie kannten

In Cupertino hat Apple gerade überarbeitete iPhones vorgestellt. Doch unser Kolumnist meint: Es sind weniger die neuen Geräte, die unseren Alltag verändern werden. Es ist ein Software-Update.

Augmented-Reality-Anwendung auf einem iPhone
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Augmented-Reality-Anwendung auf einem iPhone

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Der bizarrste Moment der Vorstellung des iPhone X war zweifellos, als der Softwarechef des wertvollsten Unternehmens der Welt Emoji präsentierte, die sich der Mimik anpassen - und er bei der Live-Vorführung einen Kackhaufen mit Gesicht auswählte, der das Lächeln des iPhone-Benutzers in Echtzeit übernimmt. Es war wirklich so.

Ein lachender Kackhaufen als Apple-Vizepräsident - von der Absurdität des Weltenlaufs ist das nicht weit entfernt vom Moment, als man realisieren musste, dass Trump jetzt ernsthaft zum US-Präsidenten gewählt worden war. Die schiere Existenz digital animierter Exkremente wird sicher zur Vorzeigemetapher der Kulturkritik, ansonsten gab es wenig, was nicht durch Leaks und Unachtsamkeiten vorab bekannt geworden wäre.

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iPhone 8, iPhone X und mehr: Das waren die Highlights der Apple-Show

Die meiner Beurteilung nach größte und wichtigste Neuerung aber war kein neues Gerät. Es war eine Software, ein Teil von Apples mobilem Betriebssystem iOS namens ARKit, das Apple-Entwicklern bereits im Sommer vorgestellt wurde.

Eigentlich müsste man sich für solche technischen Details kaum tiefer interessieren, wenn nicht ein Technologiekomplex darunter das Zeug hätte, die digitale und damit auch die kohlenstoffliche Welt zu verändern.

Denn mit dem Update macht Apple über Nacht die (neueren) iPhones zu sogenannten Augmented-Reality-Geräten. Beziehungsweise zu "Mixed Reality"-Geräten, denn diese Bezeichnung vereint sinnvollerweise die beiden Technologien Augmented Reality und Virtual Reality.

Im Kern geht es dabei um eine Verschmelzung der Welten: Die digital vernetzte Welt wird sicht- und hörbarer Teil der dinglichen Welt. Man kann sich in ihr bewegen und mit dem digitalen Abbild von Personen und Dingen interagieren. Das iPhone dient gewissermaßen als Schlüsselloch, durch das man in diese andere, vermischte Realität schauen kann, wo mitten im Raum digitale Objekte stehen und sich verhalten, als seien sie real.

Das hört sich zunächst nach Spielerei an und dementsprechend bestanden Apples Vorführungen aus Spielen und Spielereien wie einer Snapchat-Maske, die sich in Echtzeit passgenau über das Gesicht legt. Es ist daher allzu leicht, die vermischte Realität zu unterschätzen, weil sie scheinbar belanglos daherkommt.

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Apple-Neuheit: Unser erster Eindruck vom iPhone X

Tatsächlich aber ist Mixed Reality das kommende Interface zur vernetzten Welt, vielleicht kann man sogar von einer Art Heimkehr des Digitalen sprechen: Internet is coming home. Man muss drei Schritte zurücktreten, um die Tragweite zu erfassen.

Von der Hardware zur Software zur vernetzten Software

Der Begriff Digitalisierung ist so allgegenwärtig wie diffus. Seit über 40 Jahren bezeichnet man damit einen irgendwie digitaleren Zustand als den gegenwärtigen. Digitalisierung ist, was man gerade noch nicht erreicht hat.

In den Siebzigerjahren war Digitalisierung, Daten auf Magnetbänder im Keller zu spielen, in den Achtzigerjahren Schreibmaschinen durch PCs zu ersetzen, die dann in den Neunzigerjahren mit dem immer gleichen Schlachtruf vernetzt wurden, später Cloud, bald künstliche Intelligenz.

Digitalisierung ist immer. Und nie zu Ende. Aber trotzdem muss es ja irgendeine definitorische Gemeinsamkeit geben. Gibt es auch, und zwar die Virtualisierung im weiteren Sinn, also die Verschiebung von lebensweltlichen Prozessen aller Art ins Digitale. Informationsströme, die zuvor analog organisiert wurden - Buchstaben fließen auf das Papier - wechseln in die digitale Sphäre.

Die Virtualität hat längst viel stärker Einzug in den Alltag gehalten, als die meisten Leute realisiert haben. In den letzten Jahren hat eine gigantische Verschiebung von der Hardware zur Software zur vernetzten Software stattgefunden. Konkret: Die meistbenutzte Digitalkamera der Welt war vor zehn Jahren ein Gegenstand.

Mit dem Siegeszug des Smartphones wurde dann die Kamera-App die meistbenutzte Kamera der Welt, bevor dieser Titel an die sozial vernetzte Kamera von Instagram und Facebook ging. Man erkennt darin gut das Grundmuster der Digitalisierung, eben die Verschiebung von immer mehr Funktionen und Prozessen in die digital vernetzte Sphäre. Aber bisher hatte diese Verschiebung eine Grenze, nämlich die Apparate selbst. Das Internet fand nur auf Geräten statt.

Zuckerbergs Ein-Dollar-Fernseher

Augmented Reality, Virtual Reality, Mixed Reality ändern das. Um diesen nicht unkomplexen Umstand zu verstehen, greift man am besten auf ein Zitat von Mark Zuckerberg zurück, mit dem er die Macht und Wirkung der vermischten Realität beschrieb.

"Denken Sie über die vielen Dinge nach, die gar nicht physisch vorhanden sein müssten. [...…] Statt eines 500-Dollar-TV-Geräts steht eines Tages eine Ein-Dollar-App vor uns."

Der Zugang zur vermischten Realität beginnt mit einem Smartphone wie dem iPhone. Für Laien besser vorstellbar dürfte er mit einer Brille wie der HoloLens von Microsoft sein, die die unmittelbare Umgebung für den Träger mit einer digitalen Informationsschicht anreichert. Dort ergibt Zuckerbergs Gedankenspiel - TV wird zur App - einfach verständlich einen Sinn.

Der Unterschied zwischen Smartphone und Brille ist aber eigentlich strukturell gering: Das heute meistverbreitete Instrument für virtuelle Realität ist ein Pappgestell, mit dem man sich ein Smartphone vors Gesicht schnallen kann.

Der Virtualisierung sind kaum mehr Grenzen gesetzt

Das ist die kommende, digitale Revolution: Vermischte Realität bedeutet, dass die Welt selbst zum Interface wird. Der umgebende Raum wird zur Darstellungsfläche, der eigene Körper zum Eingabegerät, denn oft wird übersehen, dass zur Augmented Reality nicht nur eingeblendete Projektionen gehören, sondern auch intelligente Kameras und Sensoren, die jede Bewegung registrieren und als digitalen Befehl interpretieren. Damit sind der Virtualisierung kaum mehr Grenzen gesetzt, mit massiven Folgen für unüberschaubar viele Industrien und Branchen.

Zum Beispiel in Verbindung mit dem "Internet der Dinge": Ein Lichtschalter ist nur noch eine virtuelle Fläche in der Nähe der Tür, in dessen Richtung man zeigen muss, um ihn zu aktiveren. Eine Computertastatur kann überall sein, solange die Tipp-Bewegungen im Raum erkannt werden. Ein Sofa, das man kaufen möchte, kann in der ganzen Wohnung betrachtet und mühelos digital herumgeschoben werden.

Sitzen kann man zugegebenermaßen nicht drauf, aber die entsprechende AR-App von IKEA lässt erahnen, wie die Zukunft des Möbelkaufs aussehen könnte.

Oder durch ein Gedankenexperiment, wie der Hausbau der Zukunft aussehen kann: Durch ein noch nicht existierendes Haus mit dem Architekten zu spazieren, die Veränderungen zu besprechen und in Echtzeit auszuprobieren.

Die Arbeitswelt könnte sich dramatisch dadurch verändern, dass Meetings nicht mehr persönlich, sondern virtuell abgehalten werden können. Und dadurch, dass Mixed Reality bedeutet, über jedem Gegenstand einen digitalen Layer samt Betriebsanleitung vorzufinden. Aber das sind nur die nächstliegenden Vermutungen, die leider oft wenig zielführende, lineare Verlängerung des Vorhandenen.

Die Instrumente der Menschen, sich die digitalgesellschaftliche Zukunft vorzustellen, haben sich in den letzten Jahren als bemerkenswert beschränkt herausgestellt (meine eigenen übrigens auch). Man macht bei der Abschätzung der Zukunft etwa oft den Fehler, Fortschritt punktuell zu betrachten. Als hätte man in den Achtzigerjahren gesagt: "Mobiltelefone setzen sich nie durch, wer soll denn die schweren Koffer mit den Akkus mit sich herumtragen?"

"Pokémon Go" war der Vorbote

Aber die verschiedenen Dimensionen des technologischen Fortschritts greifen ineinander, ergänzen und befruchten, bekämpfen und verdunkeln sich gegenseitig. Welche noch nicht absehbare Entwicklung die größte Prägekraft entwickeln wird, ist den meisten Leuten daher noch nicht einmal klar, wenn sie ihnen ins Gesicht springt wie der weiße Hai bei Marty in "Zurück in die Zukunft".

Und doch sehen wir - unabhängig von Apple mit seinen vielen Zumutungen, Machtproblemen und Lächerlichkeiten - in der vermischten Realität die nächste digitale Epoche heraufziehen. Die rund hundert Millionen Leute, die sich im Sommer 2016 mittels "Pokémon Go" durch die Straßen führen ließen, sie waren Vorboten einer neuen Welt.

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Erfolgreiche App: So steht es im Sommer 2017 um "Pokémon Go"

Und dass auch diese wie alle anderen Welten zuvor ihre dunklen Seiten haben wird, lässt sich an einer simplen Kombination dreier schon heute vorhandener Technologien erkennen: Augmented Reality, digitale Gesichtserkennung samt persönlicher Identifikation in Echtzeit sowie eine auf vielfältige Weise alarmierende Studie von September 2017, nach der man durch einen Musterabgleich mit großer Wahrscheinlichkeit am Gesicht einer Person die sexuelle Orientierung ablesen können soll. Geben Sie noch einen Schuss Saudi-Arabien hinzu, und fertig ist die Instant-Dystopie.

Vielleicht passt das animierte Exkrement-Emoji ja doch.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
sogehtdasnicht 13.09.2017
1. Aber bitte auch Lebensqualität verbessern...
Nicht alles was geht, verbessert auch die Lebensqualität. Und wenn man denkt, das regelt doch der Markt, der sei auf Touchscreens in Autos hingewiesen, die für Sachen wie Temperaturreglungen den wesentlich intuitiver bedienbaren Drehknopf ersetzt haben. Ansonsten ist eben vieles neues auch erstmal Spielerei und Kickifax, am Ende bleibt vielleicht als das eine Feature, auf das man sich bei Mixed-Reality freut, dass man mal ein etwas baut/konfiguriert/desgint, so wie Tony Stark seine Anzüge konstruiert. Jarvis lässt grüßen... aber bis dahin eben pokemon go... (Man überlege mal, wie viele Meetings heute virtuell passieren, da fragt man sich, wo diese vielen Ein-Tages-Geschäfts-Flugreisenden herkommen, warum es sowas überhaupt noch gibt?)
alangasi 13.09.2017
2. Super!
Endlich, endlich wird hier mal was über das Große und Ganze veröffentlich und nicht nur über den Preis oder die Displaygröße. AR ist neben Healtscare DAS kommende Ding in der Consumer-IT. Wenn hier jetzt noch den Spuren der Apple Watch Präsentation gefolgt wird, erkennt sich der eine oder die andere das sich hier ziemlich dicke Babys anbahnen.
marty_gi 13.09.2017
3. noetig oder nicht
Ich habe kein Problem damit, wie sich alles immer weiter entwickelt - nur, dass da jeder immer mitmachen muss, das finde ich leicht stressig. Apps, die immer groesser werden, und nur deswegen neue Geraete erfordern, obwohl die vorhandenen noch prima funktionieren und ihren eigentlichen Zweck erfuellen. Medienverwaltung auf Speichern und/oder Clouds, was zum Chaos oder Stress mutiert, wohingegen ein altmodischen Regal recht einfach zu haendeln ist. Die Abschaffung von Kundenkontakt durch ChatBots. Und so weiter..... Ich mache da nur sehr begrenzt mit - naemlich nur bei dem, was ich fuer mich wirklich essentiell und noetig erachte. Und das ist sehr wenig davon. Was also gerade an dieser neuen augemented/virtual-reality fuer mich sinnvoll sein kann, konnte ich bislang nicht entdecken. Ausser vielleicht an der Stelle, an der es meiner Ansicht nach wirklich auf breiter Basis gestartet ist (und nicht erst bei Pokemon Go): Der Nintendo Wii. Die aber nicht so wirklich "reality" ist und war, sondern Entertainment.
tonyhawks 13.09.2017
4. Olle Kamellen
Was haben wir denn da? Windows Hello jetzt von Apple und vielleicht nicht ganz so grottig wie von Samsung. AR? Ja endlich nach... HoloLens, Sonys AR Spielereien auf jedem Smartphone von denen schon seit Jahren. Google Goggles, Tango, Arcore... Das Einzige was wirklich was taugt, ist HoloLens.
wenneker 13.09.2017
5. Craig Federighi's Demo
Craig's Demo der Animojis (sp?) war der lebhafteste Höhepunkt einer ansonsten eher langweiligen Keynote. Ich finde es gut wenn sich ein VP nicht so tierisch ernst nimmt. Ich weiss, dass so etwas in Merkel-Deutschland nicht immer verstanden wird.
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