Apple iTunes Musikindustrie will höhere Preise erzwingen

Die Musikindustrie ist nicht glücklich mit dem Pauschalpreis für Musikdownloads bei Apples Download-Shop iTunes. Zwei der vier großen Labels wollen eine deutliche Preiserhöhung. Branchenbeobachter befürchten, das könnte die Kunden zurück zu den illegalen Tauschbörsen treiben.


Apple-Chef und Pop-Ikone Steve Jobs: Auf dem Download-Markt fast Monopolist
REUTERS

Apple-Chef und Pop-Ikone Steve Jobs: Auf dem Download-Markt fast Monopolist

Als Apples iTunes Anfang August auch in Japan begann, Musik über das Internet zu verkaufen, klafften erstmals große Lücken im Repertoire: Musik von Sony BMG und der Warner Music Group suchte man dort vergeblich. Die beiden großen Labels hatten Apple die nötigen Lizenzen verweigert. Den Grund dafür fand nun die "New York Times" heraus: In ihrer aktuellen Ausgabe berichtet sie über einen schwelenden Konflikt zwischen Apple und Teilen der Musikindustrie.

Dass die einstige Harmonie zwischen der durch massive Umsatzeinbußen gebeutelten Branche und dem Download-Vorreiter Apple, der noch immer weltweit über 70 Prozent aller legalen Musik-Downloads für sich verbuchen kann, inzwischen deutliche Risse bekommen hat, berichteten vor Wochenfrist schon die "Washington Post" und das Entertainment-Branchenblatt "Billboard". Den Bossen der Musikwelt ist Apples Stärke im Marktsegment ein Dorn im Auge. Apple diktiere mit zu großem Selbstbewusstsein die Bedingungen. Für die Musikindustrie aber falle dabei nicht genug ab.

Tatsächlich rechnet sich das langsam wachsende Geschäft mit legalen Downloads über iTunes eher für Apple als für die Musikfirmen. Die enge Integration von Hardware, Software und Shop im iTunes-Geschäftsmodell nutzt Apple vor allem als Kaufanreiz für seine iPod-Player. Die bringen es in den USA auf Marktanteile, die noch immer auf satte 80 Prozent der Verkäufe von MP3-Playern geschätzt werden: 21 Millionen der als gut, aber nicht billig bewerteten Geräte gingen bisher über die Ladentheke. Apple ist es mit der Vermarktung von Musik und iPods gelungen, sich die eigenen Bilanzen gründlich zu sanieren.

Das weckt Missgunst in den Reihen der Musikindustrie, die nach einer leichten Erholung im letzten Jahr nun wieder erleben muss, wie ihre Umsätze einbrechen.

Die Gretchenfrage: Kunden werben - oder melken?

Vor zweieinhalb Jahren hatten die großen Musikkonzerne Apple günstige Lizenzgebühren zugestanden, um endlich einen Markt für legale Downloads zu schaffen, den sie gegen die Szene der kostenlosen P2P-Börsen in Stellung bringen wollten, über die vor allem Raubkopien verteilt werden. Der Apple-Deal setzte die Standards auch für den Rest der keimenden Branche: Wer teurer als Apple daherkommt, kann direkt wieder einpacken.

Jetzt wächst der einst marginale Markt der legalen Downloads zu einem spürbaren, kleinen Geschäft heran (geschätzt: circa zwei Prozent der Gesamtumsätze der Musikindustrie) - und manche Firmen im Musik-Business sehen den Zeitpunkt gekommen, daran auch zu verdienen.

Flexible Preise: Zuckerbrot und Peitsche

Sony BMG und Warner drängen, wie Jeff Leeds in der "New York Times" berichtet, auf eine Erhöhung des Preises von 99 Cent auf 1,49 Dollar für den Einzeldownload aktueller populärer Songs. Zum Ausgleich solle der Preis für ältere Stücke deutlich gesenkt werden.

Das aber halten auch viele Brancheninsider für keine gute Idee. Zu groß sei die Gefahr, dass eine Erhöhung der Download-Preise die Kunden wieder in die Arme der P2P-Börsen zurücktreiben könne. Aus Kundensicht hat Apple sowieso alles richtig gemacht: Auch Marktbeobachter halten die 99-Cent-Schwelle für die preisliche Oberkante, die der Kunde online akzeptiert.

Zu den Kritikern des Preisdrucks gegen Apple gehört Jimmy Iovine, Chef des Universal-Labels Interscope, der laut "New York Times" die Phase der Kundenwerbung längst nicht für abgeschlossen hält: "Ich glaube nicht, dass die Zeit schon reif ist. Wir müssen noch viel mehr Menschen daran gewöhnen, ihre Musik online zu kaufen. Ich glaube nicht, dass Preiserhöhungen ein Weg sind, Kunden zu gewinnen."

Eine Frage des Stils?

Doch es scheinen auch nicht nur die Preise zu sein, an denen sich der Streit zwischen den Labels und Apple entzündet.

Ein wichtiger Punkt ist die nicht nachlassende Abhängigkeit der Industrie von Apple beim Online-Verkauf - bedingt auch durch das Fehlen gemeinsamer Standards und Formate. Hilary Rosen, bis 2003 Chefin der mächtigen Musiklobby RIAA, wünscht sich offene Standards für den ganzen Markt: Egal, wo man seine Songs kaufe, sollten diese auf jeder Hardware abspielbar sein. Sie glaubt, dass das die Verkäufe von Apple sogar noch beflügeln könne - sowohl online, als auch in Bezug auf iPods.

Apple dagegen fühlt sich wohl mit dem Status Quo, und das bringt manchen der Plattenbosse, die selbst einst als "mächtig" galten, in Rage. Mitte August zitierte die "Washington Post" einen Musikmanager mit einer Aussage über die Atmosphäre in Lizenzverhandlungen mit Apple. "Das ist mehr wie ein Monolog", sagte der auf Anonymität bestehende Manager dem Blatt. "Die sagen mehr oder minder 'So wollen wir das machen', und wenn man etwas einzuwenden hat, ist man ein Idiot. Das ist, als verhandele man mit einer Sekte."

Frank Patalong



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