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Apple, Linux, Windows: Religionsstreit der heiligen Betriebssysteme

Von Volker Berding

Die Debatte über das beste aller Betriebssysteme trägt deutlich sektiererische Züge. Analogien zu bekannten Religionsgruppen zu ziehen bringt zwar nichts, macht aber Spaß und fördert das Verständnis für die Macken des Anderen. Eine Blasphemie.

Microsoft: Katholizismus

Eine Religion mit deutlich ausgeprägten Hierarchien.

1. Die reinen Anhänger ("User"), von Gegnern abfällig auch "Microslaves" genannt. Sie leben in diesem Glauben, weil es alle tun und weil man ja keine Wahl hat. Der Glaube ist völlig unreflektiert, er ist einfach selbstverständlich. Außerdem gibt es ja schon in der Schule Religionsunterricht an gesponserten Windows-Rechnern. Jedes neue Produkt des Gottes Bill Gates wird angeschafft und bezahlt (Kirchensteuer), selbst wenn das alte noch gar nicht richtig lief.

William Gates III, genannt Bill: Jede Verkündigung verändert die Welt
AP

William Gates III, genannt Bill: Jede Verkündigung verändert die Welt

Aber man lebt ja mit so vielen Gleichgesinnten zusammen, dass man immer gut aufgehoben ist. Alle haben dieselben Probleme - das sind eben die Prüfungen, die Gott einem zwecks Festigung des Glaubens auferlegt. Außerdem gibt es üppig ausgestattete Kirchen (Windows XP mit Multimedia-System, DirectX 9 und DolbyDigital, animierte Ikonen, bunte Bildchen, zappelnde Assistenten), die einem den Glauben so richtig verschönen. Es gibt gar keine Bemühungen, den Glauben rational zu rechtfertigen oder gar minimalistisch zu leben.

2. Die Priester ("Admins", auch "Sysopen" oder "seltsam" genannt) Sie kennen sich in den Tiefen des Glaubens aus und sind in der Lage, komplizierteste Rituale auszuüben, die bei Laien immer wieder ehrfürchtiges Staunen hervorrufen. Sie sind unbeirrbare Anhänger des Glaubens. Auch sie sind der Meinung, dass die Fehler in Windows Prüfungen in der Festigkeit des Glaubens sind.

3. Vatikan ("Redmond", auch "der Campus" genannt) Hier wird die Lehre definiert und festgelegt, was die Gläubigen zu hören/sehen/kaufen bekommen und was nicht. Der Vatikan ist im Besitz des großen Plans und auch der kleinen geheimen Schriften, die einen normalen Gläubigen durchaus wanken lassen könnten. Momentan steht die Kirche unter Beschuss, weil ihr unlautere Taktiken vorgeworfen werden (Inquisition). Aber es sieht so aus, als ob eine kleine Entschuldigung und eine gewisse Liberalisierung ausreichen könnten. Ökumene ist zulässig, solange feststeht, dass Windows das Größte und einzig Wahre ist.

Der Retter der Welt ist ein Pinguin, und Linus Torvalds ist sein Prophet
DPA

Der Retter der Welt ist ein Pinguin, und Linus Torvalds ist sein Prophet

Linux: Evangelische Freikirche

Die Anhänger glauben, dass Gott als Idee in jedem von ihnen lebt und dass Linus Torvalds ihr Prophet ist. Ihre wahre Aufgabe ist das Forttragen des Glaubens und die Gemeindearbeit. Sie legen die heilige Schrift permanent selber neu aus, reflektieren ihren Glauben dauernd und begründen ihn rational.

Auch wenn sie in eine Vielzahl Untergruppen zerfallen sind (die Suselianer, die RedHatter, die Debianer und noch x andere Splittergrüppchen), die darüber streiten, welche Glaubensrichtung die korrekte ist, so haben sie doch alle zwei Dinge gemeinsam: den Erzfeind und Oberteufel Microsoft und einen wahren und feurigen Missionierungseifer.

Ökumene kommt für sie nicht in Frage. Die Welt kann in zwei Lager unterteilt werden: gut (= Linux) und böse (= alles andere, besonders Windows). Sie fühlen sich als die besseren Menschen, entsagen Kommerz und Tand und frönen der reinen Lehre. Wer Software als Eigentum bezeichnet, ist ein böser Mensch, wer auch noch Geld dafür nimmt, ist ein ganz besonders böser.

Hierarchien wie bei Microsoft sind hier noch längst nicht so ausgeprägt - schließlich muss jedes Gemeindemitglied sein eigener kleiner Priester/Admin oder wenigstens Laienprediger sein, um den Glauben wahrhaft leben und begreifen zu können.

Man ist sich jedoch bewusst, dass auf Dauer auch Gläubige gewonnen werden müssen, die keine priesterlichen Ambitionen besitzen. Darum ist man bereit, gewisse Zugeständnisse an den Folklorewillen und die Freude an Tand und Glitzer (KDE) zu machen - solange dadurch die Gemeinde wächst und Microsoft schrumpft. Sie gehen sogar so weit, ihren Glauben dorthin zu tragen, wohin selbst Microsoft kein Windows bringen würde: auf den Mac!

Apple Mac: Die Sekte

Der schon auf die Erde gekommene Prophet der Apfel-Jünger ist Steve Jobs. Dieser erscheint ihnen ein-, zweimal im Jahr (Apple Keynote) und verkündet seine neuesten Wunder. Die Anhänger fallen auf die Knie und bejubeln ihn und seine Produkte als das Beste, Schönste, Wunderbarste, was der Menschheit passieren kann, je passiert ist oder noch geschehen wird.

Steve Jobs, Mitbegründer, Chef und Messias der Apfelsekte
REUTERS

Steve Jobs, Mitbegründer, Chef und Messias der Apfelsekte

Sie sind so glücklich mit sich und ihrem Propheten, dass sie es gar nicht nötig haben, sonderlichen Missionarseifer an den Tag zu legen - sie leben ja schon im Paradies auf Erden!

Der Glaube kommt auch so zu dem, der bereit dafür ist. Nur dumm, dass so wenige erkennen, wie toll es einem doch in dieser Sekte geht. Alles ist so easy, alles sieht so super aus, alles funktioniert immer, man muss nichts lernen - man versteht intuitiv! Nimm doch noch 'nen Zug aus der Wasserpfeife.

Sie sind eine kleine Gemeinde, fröhlich Design- und Technik-bekifft, ohne den Ehrgeiz, eine Weltreligion werden zu wollen. Ihr MacOS ist ohnehin das beste und schönste und einfachste Betriebssystem auf der Welt.

Die Mac-Computer sind zwar etwas kostspielig, aber auch besser und hübscher und einfacher als diese komischen Intel-Maschinen. Da macht es auch nichts, wenn man zum Leben und Arbeiten ganz pragmatisch angehübschte Microsoft-Produkte unter MacOS laufen lässt. Wir leben nun einmal in einer christlich geprägten Welt.

Aber widerlich wird es, wenn jemand auf die Idee kommt, das tolle MacOS runterzuschmeißen und stattdessen Linux auf die arme Kiste zu bringen. Das ist, als würde man in den Hallen der Sekte das Kiffen verbieten, alle Fotos vom Sektenführer fortwerfen und dort einen Bibelkreis abhalten.

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