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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Eine Uhr, drei Sternstunden

Eine Kolumne von

Es lässt sich darüber streiten, ob es Sternstunden der Menschheit wirklich gibt. Wenn ja, haben sich gerade drei ereignet: Es geht natürlich um Apples neue Uhr, aber auch um Netzneutralität und die Small-Data-Kanzlerin.

Oh mein Gott, die Welt ist nicht mehr die gleiche wie gestern. Stefan Zweig hat in "Sternstunden der Menschheit" ein kulturelles Bedürfnis erkannt und geformt. Nämlich den Wunsch, es mögen einzelne Momente existieren, in denen sich der Lauf der Dinge veränderte. Eventuell ist dieses Konzept aber auch Unsinn; ein lindernder Unsinn dann allerdings. Wenn man sich die Welt erklären will, wenn man für das, was passiert, ein "Warum" braucht, um nicht wahnsinnig, drogenabhängig oder Schlagerfan zu werden - dann ist die Vorstellung, es gäbe entscheidende Schlüsselmomente, sehr tröstlich. Folgt man diesem Konzept, sind Anfang September 2014 drei eventuell schlüsselmomentfähige Digitalsituationen aufgetreten.

Apple-Watch-Vorstellung

Neben dem überfälligen Angriff auf den dysfunktionalen, unterentwickelten Markt für digitales Bezahlen (Apple Pay) und neuen iPhones hat Apple die Apple Watch vorgestellt. Eine Uhr, die nur in Verbindung mit einem iPhone funktioniert, was - je länger man darüber nachdenkt - um so tolldreister ist. Denn fast alle Funktionen der Uhr sind ohnehin im Smartphone eingebaut, fast wie ein Motorrad, das nur funktioniert, wenn man ein Auto dabei hat. Apple hat damit einen sensationellen Umsatzbooster gefunden, mit riesigen Spielräume beim preislichen Distinktionsgewinn. Bis gestern hörte sich "18-Karat-Gadget" an wie ein Begriff aus dem Katalog für Scheichbedarf. Heute schon ist es ein Standardprodukt der wertvollsten Technologiefirma der Welt.

Zwei Exklusiv-Funktionen der Uhr aber entscheiden über die Zukunft der Digitalen Sphäre, je nachdem, ob und wie sie von Konsumenten und Kooperationspartnern angenommen werden. Zum einen: Junge Smartphone-Nutzer ziehen ihr Gerät im Schnitt 150-mal am Tag aus der Tasche. Eine Uhr in Verbindung mit einem Handy wird diese Zahl deutlich reduzieren. Es könnte sich damit um den ersten, zarten Schritt handeln, dass Alltagstechnologie für Dritte weniger invasiv daherkommt. Zum anderen rücken die Sensoren der Apple Watch immer näher an den Körper heran, sie werden für Nutzer selbst also invasiver. Technosozial ist die Rückseite der Apple Watch damit wichtiger als die Vorderseite. Dort sind die Sensoren, die den Datenfluss aus dem Körper in die Cloud standardisieren werden. Die vielgeschmähte, digitale Vermessung des Menschen begann mit dem Geist, jetzt ist das Fleisch dran. Das radikale Effizienzdenken des Datenkapitalismus kollidiert mit der Wucht der Apple-Vermarktung mit dem Körper.

Internet Slowdown Day

Eine Zahl großer US-Websites simuliert an diesem Mittwoch durch absichtliche Langsamkeit die Abschaffung der Netzneutralität - als Protestaktion. Wenn es überhaupt geplante Schlüsselmomente gibt, sollte der "Internet Slowdown Day" am 10. September 2014 einer davon sein. Obwohl das leider unwahrscheinlich ist. Aber der Schlüsselmoment zu diesem Thema wird kommen - Netzneutralität ist nach dem Kampf gegen Totalüberwachung das wichtigste digitalgesellschaftliche Feld.

Merkels Meinungmaschinenmoment

Der Grünen-Politiker Malte Spitz hat die Bundesregierung verklagt, nur deshalb kam heraus, dass die Bundeskanzlerin in hoher Frequenz zu fast allen politischen Themen Meinungsumfragen erheben lässt. Das ist nicht verwerflich, sondern könnte sogar als Interesse an der Öffentlichkeit gewertet werden. Verwerflich jedoch ist, dass sich Sätze aus den Umfragen wortgleich in Regierungsdokumenten wiederfinden: Das ist Demoskratie, also Politik per Umfrage. Daraus kann eine Reihe von Problemen resultieren. In den meisten Fällen etwa führen Meinungsforschungsinstitute die Umfragen am Telefon durch, mit nur rund tausend Befragten. Eine kleine Zahl angesichts der Fehlerquellen und Ungenauigkeiten solcher Erhebungen und der Wirkung auf das Land.

Nicht nur, dass lange Zeit und teilweise noch heute nur Festnetztelefone angerufen wurden. Vor allem handelt es sich bei denjenigen, die überhaupt Telefonumfragen über sich ergehen lassen, schon um eine problematische Vorauswahl. Eine Generation digital geprägter Bürger empfindet solche Anrufe als Telefon-Spam - nur wenig überspitzt gesagt wird die Regierungspolitik also von Bürgern bestimmt, die auf Spam antworten. Was erklären könnte, warum Merkels Digitalpolitik ist, wie sie ist: zwischen irrelevant und netzbürgerfeindlich.

Abgesehen von methodischen Fallstricken hat die Fragestellung massiven Einfluss auf die Ergebnisse einer Umfrage. Ein simples Beispiel aus den USA: Bei der Frage, ob auch "Homosexuelle" Soldaten sein sollten, waren 34% der Befragten "sehr dafür". Die gleiche Frage mit den Begriffen "schwule Männer und Lesben" führte zu 51% Zustimmung. Je nach Formulierung ein Drittel oder die Hälfte Zustimmung - Merkels Politik gerinnt so entweder zur Politik des Zufalls oder der Manipulation durch suggestive Fragestellungen von wenigen Bundesbürgern, ausgewählt mit unklaren, intransparenten Methoden.

Hier ist der Schlüsselmoment ein Moment der Erkenntnis: Barack Obama wurde wegen seines datengestützten Wahlkampfes als Big-Data-Präsident bezeichnet. Im September 2014 wird klar: Angela Merkel ist die Small-Data-Kanzlerin. Sie lässt ihre Politik maßgeblich bestimmen durch Datenerhebung und -auswertung von ein paar hundert Bürgern mit Festnetzanschluss sowie Lust und Zeit für Fragespiele mit fremden Leuten. Ein Datenmodell beherrscht Deutschland - und es kommt nicht von Google oder Facebook, sondern von ein paar Telefon-Demoskopen: Angela Merkel ist die erste Datenpopulistin. Die Welt ist tatsächlich nicht mehr die gleiche wie gestern.

tl;dr

Mit der Apple Watch beginnt die Gesundheitscloud, der Kampf für Netzneutralität geht weiter und Angela Merkel ist die Small-Data-Kanzlerin.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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insgesamt 49 Beiträge
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1.
waynechuckts 10.09.2014
Reicht langsam mit den iWatch-Artikeln.
2. Apple ist nicht dazu dazu da, die Welt zu verbessern
Libertarian 10.09.2014
"Das radikale Effizienzdenken des Datenkapitalismus kollidiert mit der Wucht der Apple-Vermarktung mit dem Körper." Selten so einen antikapitalistisch gefärbten Schmuh im Jargon der Eigentlichkeit gelesen. Habermus lässt grüßen. Aber, Herr Lobo: Entscheidet nicht der Konsument, was ihm gut tut? Eben.
3. Wie oft schon
muskat51 10.09.2014
hat der unzureichend informierte Konsument sich entschieden und später, als es längst zu spät war, gejammert "wenn ich das doch nur vorher gewusst hätte..."? Es ist wichtig, dass gut informierte Konsumenten entscheiden; und dazu trägt Sascha Lobo bei.
4. Pluspunkt Angela Merkel
auweia 10.09.2014
Während frühere Machthaber ausser auf sich selbst höchstens auf ein paar enge Berater gehört haben, deren Eigeninteressen auch nicht immer klar war, bezieht die Kanzlerin, wie jetzt bekannt wurde, immerhin ein Minipanel von 1000 mehr oder weniger repräsentativ ausgewählten Personen in die Entscheidungsfindung mit ein. Ich finde, das ist ein Fortschritt. Munter bleiben!
5. Spiegelt zu 99% meine Meinung
Thaelmann 10.09.2014
Das 1% sind die vielen Fremdwörter, die mir jetzt nicht so über die Lippen gekommen wären ;). Hat Spaß gemacht zu lesen. Danke Sascha.
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Sascha Lobo

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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