Arabische Blogger Digitale Dissidenten

Mit subversiven Texten riskieren sie Verhaftung und Folter - aber dafür haben Blogger in der arabischen Welt enorme Wirkung. Bei ihrem ersten internationalen Treffen sprachen sie über Angst und Erfolge - und tauschten Tricks für den digitalen Freiheitskampf aus.

Von Ulrike Putz, Beirut


Ab und an gibt es Sternstunden im Leben eines Bloggers. Für Ali Abdulemam kam eine solche 2002: Das Informationsministerium seines Heimatlandes Bahrain hatte den Redaktionen der lokalen Fernsehsender und Zeitungen eine lange Liste zukommen lassen. Über alle Themen, die auf dem Index stünden, dürfe in Zukunft nicht mehr berichtet werden, teilte die Zensurbehörde mit.

Am nächsten Tag stand der Chefredakteur einer der großen Tageszeitungen vor dem damals 24-Jährigen Abdulemam. In der Hand hatte er die Liste der Tabuthemen. Wenn sein Blatt schon nicht darüber schreiben dürfe, wie ihre Pressefreiheit beschnitten würde, könne es doch vielleicht Bahrains prominentester Blogger, so die Überlegung des Journalisten. Abdulemam veröffentlichte die Liste bei bahrainonline.org – und löste eine Welle von Anti-Zensur-Protesten aus, die den kleinen Inselstaat im Persischen Golf über Wochen in Atem hielten.

Knapp 30 der einflussreichsten Blogger aus der arabischen Welt kamen nun in Beirut zusammen. Bei dem - von den Nahost-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung organisierten - ersten internationalen Treffen der arabischen Blogger tauschte die Elite der Seitenmacher zwischen Casablanca und Bagdad Anekdoten und Tipps aus: Wie man mit einfachsten Mitteln übermächtige Regimes in die Bredouille bringt. Wie man Tabuthemen angeht und sich dabei trotzdem von den roten Linien, die man besser nicht überschreiten sollte, fernhält. Wie man es schafft, der Staatsmacht immer wieder ein Schnippchen zu schlagen und online zu bleiben. Und wie man aus dem Gefängnis freikommt, sollte die Obrigkeit doch mal beschließen, ihre Muskeln spielen zu lassen.

In Abdulemams Fall dauerte es drei Jahre, bis die düpierten Zensurbeamten Rache nahmen. 2005 veröffentlichte er einen Eintrag, der die Herrschaftsform der bahrainischen Königsfamilie kritisierte. "Ich wurde abgeholt und 17 Tage in Haft gehalten", sagt der heute 30-Jährige im Garten des Beiruter Kulturhauses. Drinnen sitzen seine 30 Kollegen mit ihren Laptops auf dem Schoß, reden und tippen parallel: Bei Blogger-Kongressen scheint die Diskussion gleichzeitig mündlich und im Netz geführt zu werden. Gleich gegen fünf Anklagen musste sich der Netzwerkspezialist verteidigen: Betreiben einer Website ohne offizielle Genehmigung, Beleidigung der Regierung in drei Fällen und Aufruf zu sektiererischem Hass. Er hat es allein seiner Bekanntheit zu verdanken, dass die Anklagen schließlich fallengelassen wurden: Etwa 150.000 Hits pro Tag verzeichnet Abdulemams Seite – und das bei einer Landesbevölkerung von etwa 700.000.

Mehr Möglichkeiten, größeres Risiko

Als zwei Tage nach seiner Verhaftung eine westliche Zeitung von seiner Festnahme berichtete, gingen seine Leser auf die Straße. Zwei Wochen später kam Abdulemam frei. Dass Blogs in der arabischen Welt teilweise eine solche Durchschlagskraft haben, liegt daran, dass sie eine klaffende Lücke besetzen. Freie Presse, Kritik an der Regierung: In den meisten arabischen Ländern ist das auch heute noch undenkbar. Satellitensender wie al-Dschasira oder al-Arabija schaffen es zwar immer wieder, Themen anzupacken, die kurz zuvor noch tabu waren. Aber auch sie unterliegen Regeln: den Gesetzen totalitärer Regimes und den Traditionen einer konservativen Gesellschaft.

Blogger können entscheiden, ob sie sich an die Beschränkungen halten. Diejenigen, die es wie Abdulemam nicht tun, leben zwar gefährlich, bieten aber oft auch den einzigen Einblick in Gesellschaften, die ausländischen Beobachtern sonst oftmals verschlossen bleiben.

Einfach machen es sich die Seitenbetreiber dabei nicht. "Bahrain zum Beispiel ist ein Land, in dem eine schiitische Mehrheit von einer sunnitischen Minderheit regiert wird, fast wie früher im Irak", sagt Abdulemam. Die Spannungen zwischen den muslimischen Konfessionen seien enorm, das Land gleiche einem Pulverfass. "Ein Blogeintrag von mir zu einem brisanten Thema kann da wirklich einiges auslösen", beschreibt Abdulemam seinen inneren Konflikt. "Ich frage mich, was wichtiger ist: die Wahrheit oder der Friede im Land." Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien seien wohl die arabischen Länder, in denen die Meinungsfreiheit am stärksten eingeschränkt sei, in denen ihren Kollegen am meisten Steine in den Weg gelegt werden, sagen die Blogger während der Kaffeepause.

Ein kleiner Sieg: Folterpolizisten landen im Gefängnis

Wael Abbas, einer der bekannten ägyptischen Site-Betreiber, ist trotzdem zuversichtlich. "Wir haben es geschafft, die Grenzen der Meinungsfreiheit zu verschieben. Wir haben über Tabuthemen wie Folter, Frauenrechte und sexuelle Übergriffe auf den Straßen gesprochen", schreibt der Autor von misrdigital im von der Nahost-Plattform Menassat eigens für die Konferenz eingerichteten Blog. Abbas hat tatsächlich einiges erreicht: Er war es, der ein Video veröffentlichte, das ägyptische Polizisten bei der Folter eines Verhafteten zeigte. Folter ist in ägyptischen Gefängnissen an der Tagesordnung, dass sie bewiesen werden kann, aber äußerst selten. Das Video löste einen Proteststurm aus, die Polizeiführung sah sich schließlich genötigt, die beiden betroffenen Beamten zu benennen. Sie wurden verurteilt und sitzen Gefängnisstrafen ab.

Ein arabisches Blog zu schreiben, heißt, seine Grenzen zu kennen. Ahmad Omran ist Experte, wenn es um vorauseilende Selbstzensur geht. "Auf www.saudijeans.org will ich beschreiben, wie wir in Saudi-Arabien leben, dieser Hölle auf Erden", sagt der Pharmaziestudent aus Riad. Online würde er sich vermutlich vorsichtiger ausdrücken – dort mag er noch nicht mal über zwischenmenschliche Beziehungen schreiben. "Verabredungen zwischen Männern und Frauen sind in Saudi-Arabien eine riskante Angelegenheit, in die ich lieber nicht verwickelt werde", schreibt der 24-Jährige in seinem jüngsten Eintrag. Beziehungen außerhalb der Ehe werden Saudis per Gesetz so gut wie unmöglich gemacht: Unverheiratete Männer und Frauen dürfen sich nur zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, wenn sie miteinander verwandt sind. Wie man diese Regel umgeht, um harmlose kleine Abenteuer zu erleben, darum drehen sich inzwischen Romane und auch mal der ein oder andere Zeitungsartikel.

"Ich habe das Gefühl, dass ich meinem Land helfe"

Omran schreibt lieber über relevantere Themen. "Nicht über Politik, Politik gibt es in Saudi-Arabien ja nicht", sagt er grinsend. "Wir haben keine Wahlen und kein Parlament." Er sagt, er wisse instinktiv, wo das dünne Eis beginnt, auf das er sich nicht begeben sollte. "Kritik an den religiösen Institutionen ist okay, genauso wie Stücke zu Frauenrechten. Schwieriger wird es, wenn es um politische Gefangene, wirtschaftliche Probleme und den Terrorismus geht." Dynamische IP-Adressen, häufige Wechsel des Hosts: Tipps, wie man den heimischen Häschern im Netz entgeht, waren in Beirut heiß gehandelte Ware.

Doch je populärer die Blogs werden, desto mehr Eifer verwenden arabische Staaten darauf, das Phänomen zu kontrollieren. "2005, das war noch das goldene Zeitalter", sagt der Bahrainer Ali Abdulemam von dem Jahr, in dem er verhaftet wurde. Heute würden Blogger in den Gefängnissen misshandelt. "Vor zwei Monaten gab es wieder einen Fall: Sieben Leute wurden verhaftet und gefoltert", sagt er. Obwohl die Gefahr für ihn zugenommen hat, will er seine Seite weiter betreiben. "Das Bloggen hat uns als Bahrainern erlaubt, ein bisschen frischen Wind um die Nase zu bekommen. Ich habe das Gefühl, dass ich als Blogger meinem Land helfe."



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