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23. Februar 2012, 11:47 Uhr

Arbeitsbedingungen in China

Apple-Kontrolleure finden haufenweise Mängel

Kurz vor Apples Hauptversammlung erhöhen Bürgerrechtler den Druck auf den Computerhersteller. Es geht um Vergiftung, gefährliche Arbeitsbedingungen und unfaire Entlohnung bei chinesischen Zulieferern wie Foxconn. Sogar die zahmen Kontrolleure der FLA entdeckten bereits "haufenweise Mängel."

Zwei Wintek-Arbeiter wenden sich in einem offenen Brief an alle Apple-Kunden: "Ihr kennt uns nicht, aber ihr kennt unsere Arbeit," heißt es in dem Schreiben, das die Bürgerrechtsorganisation SumOfUs.com am Mittwoch veröffentlichte. Guo Rui-Qiang und Jia Jing-Chuan geben an, zu den 137 Opfern des Giftskandals zu gehören, der die Debatte um die Produktionsbedingungen bei Wintek im Jahr 2011 anfachte. In ihrem Brief bemängeln die beiden Arbeiter, dass trotz des Skandals und der Versprechen von Apple, den Vorfall aufzuklären, noch immer keine Verbesserungen zu spüren seien. "Je mehr Leute wissen, was wir durchmachen mussten, desto mehr sieht sich Apple zu Änderungen gezwungen, damit andere Arbeiter nicht durchmachen müssen, was wir erlebt haben."

Mit einer Petition, die bereits über 115.000 Menschen unterschrieben haben sollen, wollen Guo Rui-Qiang und Jia Jing-Chuan zusammen mit SumOfUs.com Apple zur Besserung - und letztlich zur Zahlung von Entschädigungen zwingen.

Doch der offene Brief dürfte noch das kleinste Image-Problem sein, das Apple derzeit heimsucht: Die Kontrolleure der Fair Labor Association (FLA) - deren Unabhängigkeit durchaus umstritten ist - haben laut Bloomberg nach einer vorläufigen Einschätzung bei Apples Zulieferer Foxconn bereits "haufenweise Mängel" entdeckt. Am heutigen Donnerstag findet Apples Jahreshauptversammlung statt. FLA-Chef Auret van Heerden sagte, er erwarte "schon bald sehr bedeutsame Ankündigungen". Bis dahin habe Apple aber Zeit, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen.

Apple wehrt sich gegen TV-Doku

Zunächst aber kritisierte Apple einen TV-Bericht der amerikanischen Fernsehsendung ABC News. Apple hatte erstmals ein Kamerateam in die Foxconn-Produktionsanlagen gelassen. Für den Bericht interviewte das Team Arbeiter, filmte die Produktionsanlagen und das nahe gelegene Arbeiterdorf.

Einige der Aussagen der Arbeiter fand Apple offenbar "missverständlich": In einem Statement kommentierte das Unternehmen einzelne Szenen und Aussagen - etwa, dass eine Arbeiterin 6.000 iPad-Rückseiten pro Tag von Produktionsresten reinige. In Wirklichkeit reinige sie nur 3.000 - weil dies das Plansoll pro Zwölfstundenschicht sei und die Arbeiterin ja kaum täglich und rund um die Uhr am Fließband stehen könne. Andere Richtigstellungen betrafen die angeblich unfaire Bezahlung. Die Kontrollinstanz FLA berichtigte außerdem eine Aussage, wonach Apple und FLA "seit fünf Jahren miteinander in Kontakt stünden". Richtig sei vielmehr, dass der Kontakt 2007 aufgenommen worden, aber dann immer wieder unterbrochen worden sei. Beigetreten sei Apple der FLA erst Ende 2011.

Aber der Vorwürfe nicht genug: Eine Nichtregierungsorganisation hat dem Appleinsider-Blog mitgeteilt, dass Foxconn minderjährige Arbeiter regelrecht vor den FLA-Kontrolleuren versteckt haben soll. Sie seien in andere Arbeiterdörfer verlegt und zu den möglichen Kontrollzeiten nicht zu Überstunden eingeteilt worden. Die minderjährigen Arbeiter seien zwischen 16 und 17 Jahre alt gewesen. Apples Zulieferer-Kodex erlaubt minderjährige Arbeiter, solange diese 16 Jahre oder älter sind und sie keine besonders schweren oder gefährlichen Arbeiten ausführen.

Was an diesen Berichten dran ist, wird sich wahrscheinlich bald zeigen. Die FLA will sich offenbar als unabhängig und kritisch positionieren. Noch vor wenigen Tagen erklärte FLA-Chef van Heerden, Apples Produktionsanlagen seien "erstklassig" - was eine Unabhängigkeit der Kontrolleure zweifelhaft machte.

Doch selbst die Entdeckung von "haufenweise Mängeln" dürfte chinesische Arbeiter und Arbeiterinnen nicht davon abhalten, sich bei Foxconn um einen Job am Fließband zu bewerben. Laut Reuters ziehen noch heute täglich Tausende Arbeitsmigranten nach Shenzhen, um bei Foxconn und Co. eine zumindest temporäre Anstellung zu finden - obwohl Geschichten über harsche Arbeitsbedingungen auch dort kein Geheimnis sind.

fko

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