Arianna Huffington "Wir sind sehr opportunistisch"

Die "Huffington Post" ist gerade in Frankreich gestartet, dann kommen Spanien, Italien, danach Deutschland. Kritiker werfen der Web-Zeitung Billigjournalismus vor - aber das ist Polemik, widerspricht Gründerin Arianna Huffington. Man habe lediglich das Netz verstanden.

Arianna Huffington (beim DLD-Kongress in München): "Leidenschaften ansprechen"
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Arianna Huffington (beim DLD-Kongress in München): "Leidenschaften ansprechen"


SPIEGEL ONLINE: Wann startet die deutsche Ausgabe der "Huffington Post"?

Arianna Huffington: Vorher sind noch zwei andere europäische Ausgaben dran, Spanien Ende März, in Zusammenarbeit mit "El País", und Italien im April mit "L'Espresso" und "Repubblica".

SPIEGEL ONLINE: Mit wem werden Sie in Deutschland kooperieren?

Huffington: Wir wissen es noch nicht. Wir sprechen mit mehreren möglichen Partnern, mit welchen, wird noch nicht verraten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief denn der Start der französischen Ausgabe am Montag dieser Woche?

Huffington: Die Zahlen sind eindrucksvoll. Über 300.000 unique visitors und über 1,7 Millionen Seitenaufrufe.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit den übrigen internationalen Sites aus?

Huffington: In Kanada liegen wir bei 3,8 Millionen Besuchern im Monat, in Großbritannien bei 4,1 Millionen. Überall, wo wir hingehen, bringen wir viel Traffic zu anderen Seiten, weil wir viele Quellen verlinken. Der "Splash", unser Startseiten-Aufmacher, war am Montag über die erste Rede des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande. Darunter haben wir diverse andere Zeitungsartikel zum Thema verlinkt, eine exklusive Videogeschichte und mehrere Blog-Einträge. Wir versprechen unseren Lesern, ihnen das Beste aus dem Web zu präsentieren, egal, ob wir es selbst machen oder aggregieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Verlage, gerade hier in Deutschland, bezweifeln den Wert solcher Verlinkungen. Stoßen sie hierzulande auf viel Widerstand?

Huffington: Wir sprechen nur mit Verlagen, die auch mit uns sprechen wollen. Wir sind sehr opportunistisch, was unser Wachstum angeht: Wir gehen nur dahin, wo man uns will.

SPIEGEL ONLINE: Die "Huffington Post" enthält sehr verschiedenartige Inhalte. Originalgeschichten von den angestellten Journalisten, Blog-Einträge von Gastautoren und stark suchmaschinenoptimierte Inhalte wie den Artikel, der nur die Antwort auf die Frage enthält, wann der Superbowl anfängt. Wie viel Traffic generieren diese unterschiedlichen Facetten des Angebots?

Huffington: Wir sind sowohl ein journalistisches Unternehmen als auch eine Plattform. Wir haben heute etwa 400 Redakteure und Reporter, mehr als 200 davon haben wir seit dem Zusammengehen mit AOL angeheuert. Als Plattform bieten wir Menschen, die Bloggen möchten, Reichweite.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist es mit der Suchmaschinenoptimierung? Wie viel Traffic bringen Ihnen Artikel ein wie "Wann fängt der Superbowl an"?

Huffington: Das verändert sich. Vor einem Jahr war es je ein Drittel direkter Traffic, ein Drittel über Suchmaschinenoptimierung und ein Drittel von Social Networks wie Twitter oder Facebook und über Links von anderen Sites. Jetzt liegen wir bei 46 Prozent direktem Traffic, 15 Prozent kommt von sozialen Netzwerken, 15 Prozent von anderen Seiten und 24 Prozent von Suchmaschinen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker, die Ihnen vorwerfen, Ihr Angebot bestehe zu wesentlichen Teilen aus Schrott für Suchmaschinen, liegen also falsch?

Huffington: Die kennen offenkundig unsere Seite nicht. Wir haben 50 Rubriken, 24 davon wurden erst kürzlich gestartet, darunter sind Bereiche wie Bücher, Kultur, Kunst, Hochzeiten. Unser Ziel ist es, die Leidenschaften von Menschen anzusprechen, welche auch immer das sein mögen. Wir haben kürzlich eine Seite für Schwule und Lesben eingerichtet, "Gay Voices", die innerhalb von eineinhalb Monaten zur Nummer eins der USA in diesem Bereich geworden ist. Jetzt hat die Seite 4,8 Millionen unique visitors im Monat.

SPIEGEL ONLINE: Was die reinen Zugriffszahlen angeht, haben Sie mittlerweile sogar die "New York Times" hinter sich gelassen. Sind Sie einfach besser als die Konkurrenz darin, sich die Werkzeuge des Netzes zunutze zu machen?

Huffington: Die "Huffington Post" basiert auf Gemeinschaft. Die ganze Seite ist konstruiert, um die Benutzer zu involvieren, und genau diese Architektur ist eines der wichtigsten Dinge, die wir unseren internationalen Kooperationspartnern bringen. Die Leute konsumieren in der "Huffington Post" nicht einfach Geschichten. Sie teilen sie mit anderen, kommentieren, reichen sie weiter. Seit unserem Start im Jahr 2005 sind 130 Millionen Leserkommentare auf der Seite erschienen.

SPIEGEL ONLINE: US-Journalisten haben Ihnen immer wieder vorgeworfen, Geschichten einfach zu klauen, wiederzukäuen und für das Social Web zu optimieren.

Huffington: Unsere Redakteure bekommen dauernd Auffrischungskurse in Sachen Urheberrecht, über korrekte Verlinkung. Beispielsweise darf man nicht mehr als einen Absatz zitieren, dann verlinkt man zur Originalquelle. Manchmal setzen wir auch nur einen Direktlink. Wir bekommen täglich Hunderte Anfragen von Journalisten, auf ihre Sachen zu verlinken, weil sie wissen, dass ihre Artikel so mehr Publikum bekommen.

Das Interview führte Christian Stöcker



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