Diversität in der Tech-Branche Diese Frau finanziert keine weißen Männer - aus Prinzip

Wer baut am nächsten großen Ding? Investoren vertrauen oft auf weiße, männliche Gründer. Arlan Hamilton findet das abstoßend - und hat eine Millionenwette auf Frauen und Schwarze abgeschlossen.

Arlan Hamilton
Backstage Capital

Arlan Hamilton

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Eine ganze Zeit lang sah es nicht gut aus für Arlan Hamilton. Ihr Lebenstraum war weit davon entfernt, Wirklichkeit zu werden. Hamilton, heute 37, hatte kein Geld für Lebensmittel und bezog Essensmarken. Sie war obdachlos und kam mal bei Freunden an der US-Westküste unter, mal im Motel. Manchmal schlief sie in ihrem Auto.

Doch Hamilton hatte sich festgebissen und weigerte sich loszulassen: Sie wollte eine Eintrittskarte in die verheißungsreiche Start-up-Welt des amerikanischen Silicon Valleys. Und sie wollte diese Eintrittskarte nicht nur für sich, sie wollte sie weitergeben an die, die in der Tech-Welt ihrer Meinung nach bislang viel zu selten eine Rolle spielen: Frauen, Mitglieder der LGBT-Community (die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) und Gründer, die allein schon dadurch Nachteile haben, dass sie nicht weiß sind.

Hamilton entschied sich, beim alles entscheidenden Punkt anzusetzen: Geld. Wer sich mit seiner Idee selbstständig machen möchte, um dem Erfolg von Gründern wie Mark Zuckerberg von Facebook oder Evan Spiegel von Snapchat nachzueifern, braucht zunächst einmal eine Finanzierung. Eigene Ersparnisse reichen selten aus. Aber es gibt findige Investoren, die früh Geld geben, um später - im Erfolgsfall - etwa von Firmenbeteiligungen zu profitieren. Die gesamte Start-up-Welt dreht sich um solche Finanzierungsrunden, um Risikokapital und um die Fonds, die es verteilen.

Risikokapital geht an weiße Männer

Hamilton wollte einen solchen Wagniskapitalfonds aufsetzen, um ausschließlich bislang unterrepräsentierte Gründer und ihre Ideen zu fördern. "Rund 90 Prozent des Risikokapitals im US-Tech-Sektor geht an weiße Männer", sagt Hamilton. "Für alle anderen ist das beleidigend, lächerlich."

Am Morgen war Hamilton noch in London, nun ist sie aufs Berliner Tech Open Air gekommen. Abends geht es weiter nach Dublin, sie hat viele Termine.

Hamilton ist keine Wohltäterin und möchte genauso Geld verdienen wie andere. In der Ignoranz der Investoren-Welt sieht sie aber ihren Wettbewerbsvorteil. "Viele denken, dass eine Frau, eine Lesbe, ein Schwarzer oder ein Lateinamerikaner doch keine lukrative Idee haben kann oder die Disziplin, sie umzusetzen", sagt Hamilton. "Dabei müssen genau diese Menschen doppelt so hart für ihre Chancen arbeiten. Es lohnt sich, in solche Überlebenskünstler zu investieren."

Siegestanz auf dem Supermarkt-Parkplatz

Hamilton traute sich zu, gute Geschäftsideen aufzuspüren, die die ebenfalls überwiegend weißen und männlichen Riegen der Tech-Investoren schlicht übersehen hatten. Das Problem: Für ihre eigenen Investoren-Träume brauchte auch Hamilton fremdes Geld. Sie ging hausieren, doch erhielt anfangs nur Absagen. Im Silicon Valley kannte niemand Arlan Hamilton. Sie zog um - in ihr Auto.

2015 kam die rettende Nachricht: Eine prominente Tech-Investorin, Susan Kimberlin, sagte Hamilton und ihrer Firma Backstage Capital Geld zu. "Ich stand auf einem Supermarkt-Parkplatz und habe angefangen zu tanzen. Es war eine Mischung aus Moonwalk und schlechten Roboterarm-Tanzbewegungen", sagt Hamilton über den Wendepunkt. Sie war im Spiel, hatte eine bekannte Förderin. Weitere Schecks trudelten ein.

36 Millionen Dollar - für schwarze Gründerinnen

Mittlerweile besteht das Portfolio von Hamilton aus 100 Start-ups. Wildfang ist dabei, eine feministische Modemarke von Frauen, und Airfordable. Dieses Start-up macht Privatflüge für Menschen in Raten finanzierbar.

Rund die Hälfte der Ideen, die Backstage Capital finanziert, sind nach Hamiltons Schätzungen solche, die in genauer Kenntnis einer Marktnische auch auf diese zielen. "Die andere Hälfte meines Portfolios besteht aus Ideen, die keine Rückschlüsse auf die Identität meiner Gründerinnen und Gründer zulassen."

Hamilton steigt früh ein, meist in der ersten Finanzierungsrunde. Sonderlich finanzstark ist ihr Fonds noch nicht, Start-ups bekommen zwischen 25.000 bis 100.000 Dollar. "Wir sind oft der Investor mit dem kleinsten Scheck", gibt Hamilton zu. "Aber wir sind die ersten, die anrufen." Vor wenigen Wochen kündigte sie einen neuen Fonds an: 36 Millionen Dollar schwer, die Tranchen von je einer Million ausschließlich auszahlbar an schwarze Gründerinnen.

Eine schwarze Hand erkennt der Seifenspender nicht

Ursprünglich arbeitete Hamilton als Tourmanagerin. Noch heute liebt sie es, auf Konzerten den Bass wummern zu hören. Gebürtig aus Mississippi kam sie als junge Frau über Texas nach San Diego - und fühlte sich sofort angezogen von der groß denkenden, ehrgeizigen Szene des nahen Silicon Valleys.

Sie überlegte, selbst ein Start-up zu gründen, und kam mit anderen Gründern - wie sie schwarze Frauen - ins Gespräch. "Da habe ich gemerkt: Keine von denen hatte je auch nur einen Termin bei einem Investor", sagt Hamilton.

Warum aber findet sie es überhaupt so wichtig, wer hinter einem neuen Produkt steht? In ihrer Antwort erzählt sie von einem Seifenspender. "Es gibt ein Video, das zeigt, dass er jedes Mal Seife ausgibt, wenn ein Weißer seine Hand darunter hält. Dann kommt eine schwarze Hand ins Bild und nichts passiert. Der Seifenspender erkennt sie nicht." Hamilton lacht und schüttelt den Kopf. "Ich sage es mal so: Wenn wir bald autonome Fahrzeuge haben, will ich, dass sie mich als schwarze Frau auf der Kreuzung sehen."


Zusammengefasst: Risikokapital in der Tech-Szene geht normalerweise überwiegend an weiße Männer. Die Amerikanerin Arlan Hamilton finanziert als Investorin ausschließlich Frauen, People of Color und Mitglieder der LGBT-Community. Sie sieht ihre Offenheit für bislang übersehene Gruppen als Wettbewerbsvorteil.

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