Termin beim ASMR-Doktor Kopf-Orgasmus durch Geflüster

Ein unvergleichbar schönes Kopfkribbeln - das versprechen sogenannte ASMR-Videos auf YouTube. Bislang war das Phänomen vor allem im Netz verbreitet. Jetzt bieten einige Kribbel-Experten persönliche Sprechstunden an. Der Selbstversuch.

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Die Agentur "ASMR yourself" will bei ihren Kunden eine Art Kopf-Orgasmus auslösen. Ich habe mir einen Termin geben lassen und hoffe im Wartezimmer auf das ultimative Kribbeln.

ASMR steht für "Autonomous Sensory Meridian Response", gewissermaßen Massage ohne Anfassen. Es ist nicht leicht, das Kunstwort zu übersetzen, sinngemäß heißt es in etwa "Persönliches Hochgefühl der Sinne" - oder eben Kopf-Orgasmus. Er wird beispielsweise durch Flüstern, Rascheln oder geschmeidige Gesten ausgelöst. In den vergangenen Jahren wurde ASMR zu einem YouTube-Trend.

Selbsternannte ASMR-Künstler beschwören in ihren Videos die Kamera mit Geflüster, falten geräuschvoll Handtücher oder bewegen einfach nur ihre Hände. Einige Zuschauer finden das anregend und entspannend zugleich, berichten von reduziertem Stress und besserem Schlaf. Blogs wie die fiktive "ASMR University" versuchen, das Gefühl zu ergründen.

Alles ist inszeniert

Zur Sprechstunde hat mich die ASMR-Agentur ins Foyer der Berliner Akademie der Künste gebeten. Es duftet nach Lavendel und Vanille. An der Rezeption erwartet mich eine Mitarbeiterin in violettem Blazer, die sich als Vivienne vorstellt.

Bevor ich meinen persönlichen ASMR-Künstler treffen darf, muss ich mit Vivienne einen Fragebogen ausfüllen. Mit sanfter Stimme fragt sie mich über meine Schlafgewohnheiten aus. Sie will wissen, ob ich lieber an den Armen oder am Hals gestreichelt werde. Ihre Stimme lässt mich zur Ruhe kommen. Ich könnte stundenlang bei ihr sitzen.

Dabei ist Viviennes sanfte Art nur geschauspielert. Auch der französische Vorname ist nicht echt, eigentlich heißt sie Yana Thönnes. Wer bei "ASMR yourself" einen Termin vereinbart, erlebt eine Theater-Performance. Bis hin zum Lavendelduft ist alles Inszenierung.

Trotzdem will "ASMR yourself" als Agentur ernst genommen werden: Gerade die Performance soll das Kopfkribbeln erzeugen. Tatsächlich gestalten auch viele ASMR-Künstler auf YouTube ihre Videos als Rollenspiel, beispielsweise als Besuch beim Wellness-Berater oder beim Arzt.

Flüstern als Geschäftsidee

Wie ein Arztbesuch fühlt sich auch mein Gespräch bei der ASMR-Expertin Gloria an. Sie trägt einen weißen Kittel und will herausfinden, welche Sinneseindrücke, sogenannte Trigger, mich am besten zum Kopf-Orgasmus bringen. "Bekommen Sie davon eine Gänsehaut?", haucht sie und streicht mit ihrem Fingernagel über die Innenseiten meiner Ellenbogen.

Der weiße Kittel gehört zur Rolle, genauso wie der Name Gloria. Ich dagegen soll keine Rolle spielen, sondern ehrlich antworten. Die Berührung am Ellenbogen gefällt mir, an den Knöcheln ist es weniger schön. Gloria verkündet, dass eine ASMR-Künstlerin namens "1000 Tingles" am besten zu mir passt. Sie führt mich in ein Wartezimmer, mein Kopf-Orgasmus steht kurz bevor.

Beim Warten starre ich wie hypnotisiert auf die raschelnden Baumkronen hinterm Fenster, die Performance wirkt bereits. Zwei Mitarbeiterinnen bin ich schon begegnet - ein enormer Aufwand für nur einen Kunden. Dabei möchte "ASMR yourself" mit seinem Angebot einmal Geld verdienen. Bislang hat die Agentur vor allem bei Theaterfestivals auf sich aufmerksam gemacht, künftig will sie sogar Unternehmen ansprechen. Auf Facebook hat "ASMR yourself" Ende Mai aber nur knapp über hundert Likes.

"Welcome", haucht meine ASMR-Künstlerin, als ich ihr Zimmer betrete. Sie sitzt hinter einem Mikrofon, trägt eine silbern glitzernde Bluse. Der Tisch vor ihr sieht aus, als hätte man eine Spielzeugkiste darauf ausgeleert. Eine rote Perücke liegt da, eine Diskokugel, eine schillernde Dinosaurier-Figur. Für mich liegt ein Paar Kopfhörer bereit. Als ich sie aufsetze, höre ich plötzlich jeden Atemzug von "1000 Tingles".

Ihr richtiger Name ist Neele Hülcker. Sie hat Komposition studiert, arbeitet seit Jahren als Künstlerin. Nun will sie mich in Ekstase versetzen. Dafür streicht sie mit einer Bürste durch die rote Perücke. Das Mikrofon verstärkt das Geräusch zu einem angenehmen Rauschen. Nur das Kopfkribbeln will sich bei mir nicht einstellen.

Zu verkopft, um entspannend zu sein

"Nicht jeder ist für ASMR empfänglich", wird mir Performerin Rahel Spöhrer später sagen. Bei einigen Kunden würden die Trigger schlichtweg nicht funktionieren. Mein Problem sind aber nicht die Trigger. Es ist die skurrile Performance, die mich vom Kribbeln abhält - das Glitzerkostüm, das quietschbunte Spielzeug, die blumigen Künstlernamen. Es fällt mir zunehmend schwerer, mich darauf einzulassen. Mich beschleicht das Gefühl, die Agentur inszeniert eine Parodie auf ASMR-Videos.

Doch die Überzeichnung gehört zum Konzept. "Die Agentur will dadurch die Mechanismen der Dienstleistungsgesellschaft zeigen", erklärt mir Rahel Spöhrer. Es ist also durchaus gewollt, wenn mir mein Besuch mit der Zeit immer absurder vorkommt. Einige Kunden brechen auch mal in Gelächter aus, wie Neele Hülcker verrät.

Die Flüsterstunde als Gesellschaftskritik: Ein schwieriger Spagat. Zum einen verspricht die Agentur echte Erholung, zum anderen will sie ihr eigenes Angebot parodieren und kritisch hinterfragen. Das Konzept ist am Ende doch etwas zu verkopft, um entspannend zu sein.

Zum Schluss meiner Sprechstunde streut sich "1000 Tingles" Knallzucker auf die Zunge und hält ihre Lippen vors Mikrofon. Während die Süßigkeit knisternd in ihrem Mund explodiert, funkelt mich die Künstlerin erwartungsvoll an. Mir wird das Ganze zu intim. An einen Kopf-Orgasmus ist nicht mehr zu denken.



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Seite 1
Eduschu 27.05.2015
1.
Ich rate denjenigen, die das (gegen Geld) ausprobieren möchten, erst einmal zu einem VHS-Kurs in Autogenem Training. Dort kann man bereits feststellen, ob man für sanfte Stimmen oder Geräusche empfänglich ist. Zu meinem Leidwesen musste ich dabei erkennen, dass es mir unmöglich ist, auf diese Art zu entspannen.
noalk 27.05.2015
2. banal genial
Gibt's wirklich Menschen, die für sowas auch noch Geld bezahlen? Es gibt effektivere Methoden, den Oxytocin-Pegel im Körper zu erhöhen.
the_dodger 27.05.2015
3. YouTube kostet nix
Anstatt dafür Geld auszugeben einfach mal ein paar entsprechende YouTube Videos ansehen. Bei mir funktioniert es und ich finde dieses dabei ausgelöste Kribbeln sehr angenehm. Dafür Geld ausgeben oder in eine Art Sprechstunde gehen würde ich aber sicher nicht.
eosphoros 27.05.2015
4. Kicks vor free
...wie Nr.3 schon sagte: YouTube quillt über vor entsprechenden Videos. In der Regel sind das junge, hübsche Damen, die dort agieren. Wer für Geräusche, insbesondere Stimmen, empfänglich ist, kann sich da durchaus einen entspannenden Kitzel abholen. Eine auf ein bestimmtes Ergebnis fixierte Erwartungshaltung steht dem Genuß wohl eher im Wege... von daher mußte der oben geschilderte Versuch wohl scheitern. Ausprobieren lohnt allemal!
arnesaknussem 27.05.2015
5. ... und zum x-ten Mal dasselbe Schema
Wer nix kann, aber sich trotzdem gerne als Fachmann und Mitglied einer geheimnisvollen esoterischen In-Group fühlen will, startet einfach mal einen neuen Wellnesstrend. Ein bisschen Wortgeschwurbel mit Pseudofachtermini und dazu die Zauberworte "neu" und "Trend" verleihen dem Ganzen einen hippen Anstrich. Und unsere immer sattere Gesellschaft rennt dem Ganzen wie einer neuen Religion aufgeregt gackernd hinterher. Und fühlt mit treuherzigem Augenaufschlag angeblich wirklich etwas. In einem halben Jahr kräht kein Hahn mehr danach; es ist den ehemaligen Mitläufern eher peinlich, dem mal aufgesessen zu sein. Und bei dem Thema "flüstern" fällt mir in diesem Zusammenhang eher der Begriff "Geldflüsterer" ein. Unser Geld wird dabei beschworen. Von den neuen Gurus. Mann, wenn Ihr nichts mit Eurer Zeit anzufangen wisst, dann tut doch mal was Sinnvolles und rennt nicht jedem Bauernfänger hinterher. Ihr seid einfach nicht ausgelastet. Und wenn Ihr Geld übrig habt, gebt es denen, die es brauchen, statt es solchen Möchtegerngurus hinterher zu schmeissen.
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