AP-Chef Gary Pruitt "Auf Twitter bringen wir keine Breaking News"

Die Digitalisierung verändert das Geschäft mit Nachrichten. Gary Pruitt, Chef der Agentur Associated Press, verrät, wie sein Haus auf den Wandel reagiert und wie AP mit der Überwachung durch US-Behörden umgeht.

AP-Chef Garry Pruitt: "Die furchteinflößende Macht, die Regierungen heute haben"
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AP-Chef Garry Pruitt: "Die furchteinflößende Macht, die Regierungen heute haben"

Ein Interview von


Zur Person
Gary Pruitt ist seit Juli 2012 Präsident und Geschäftsführer der 1846 gegründeten Nachrichtenagentur Associated Press. Zuvor hatte er bereits dem AP-Verwaltungsrat angehört. Vor seiner Zeit bei AP leitete Pruitt die McClatchy Company, den drittgrößten Zeitungsverlag der USA.
SPIEGEL ONLINE: Menschen kommen heute auf andere Weise an Nachrichten als früher: durch Suchmaschinen oder Social Networks. Ständig stoßen sie dabei auch auf Associated-Press-Inhalte, oft ohne überhaupt zu bemerken, von wem sie eigentlich stammen. Ist das ein Problem für Sie?

Pruitt: AP verkauft so erfolgreich Inhalte an so viele Medienunternehmen, dass diese Inhalte im Internet manchmal allgegenwärtig erscheinen. Das kann eine Herausforderung sein. Manche Nutzer landen so schließlich auf den Websites unserer Kunden. Wir müssen gegen missbräuchliche Nutzung schützen, aber solange Links auf die Websites unserer Kunden gesetzt werden, halten wir das für fair. Wenn diese Kunden neue Leser über Suchmaschinen oder soziale Medien bekommen, umso besser.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie direkt mit Facebook oder Twitter?

Pruitt: Ja. Deren Modelle unterscheiden sich aber von denen der traditionellen Medienunternehmen, die Nachrichten lizenzieren wollen. Wir bringen auf Twitter deshalb keine Breaking News.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn nicht?

Pruitt: Zu aktuellen Nachrichten gibt es Tweets von unseren Journalisten, manche davon haben ziemlich viele Follower. AP selbst hat vier Millionen Twitter-Follower, aber brandaktuelle Nachrichten teilen wir zuerst unseren Kunden mit, über den Agenturticker. Weitere Informationen veröffentlichen wir dann später auch bei Twitter.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Wert einer aktuellen Nachricht gesunken und die Zeit, in der sie wertvoll bleibt, kürzer geworden?

Pruitt: Ich glaube schon. Eine Nachricht kann immer noch wertvoll sein, und Zeit ist immer noch ein wichtiger Faktor. Aber sobald sie draußen ist, gibt es so viele, so schnelle Verbreitungsmechanismen, dass man durchaus von einer Verwässerung des Wertes sprechen könnte. Wir sehen deshalb eine wachsende Bedeutung von Live-Events. Es gibt wachsenden Bedarf an Live-Video-Berichterstattung. Das ist ein Wachstumsfeld, in dem Zeitverzug nicht denkbar ist. Man weiß nie, was passieren wird, schließlich ist es live. Dort kann man noch immer ein Publikum binden. Wir hatten Live-Kameras vor dem Krankenhaus, als Prinz George geboren wurde. Die Leute haben sich das neben der Arbeit fortlaufend angesehen. Eine Menge Leute.

SPIEGEL ONLINE: Für die ursprünglichen Eigner von AP, Zeitungen in den USA, sind die Zeiten schwer. Trifft das auch AP?

Pruitt: AP ist 168 Jahre alt, und wir sind in einer starken Position. Wir haben keine Schulden. 2014 haben wir zum ersten Mal in sechs Jahren ein Umsatzwachstum erlebt. Wir haben es in der Regel nicht mit Endkunden zu tun, deshalb müssen wir keine Medienplattformen kaufen oder in sie investieren, seien es Zeitungen oder Magazine, Radio, Fernsehen, Kabel, digitale Medien. Heute ist das Fernsehen unser größter Kunde.

SPIEGEL ONLINE: Und die Zeitungen?

Pruitt: US-Zeitungen machen knapp unter 20 Prozent unseres Umsatzes aus. Jahrzehntelang waren es 100 Prozent und vor 30 Jahren noch mehr als die Hälfte. AP hat sich angepasst, als das Radio aufkam, das Fernsehen, und jetzt sind es digitale Medien, Websites und Mobiltelefone. Heute sind unsere größten Kunden die BBC, das chinesische Staatsfernsehen, Yahoo, Microsoft, Comcast, Al Jazeera, die NBC-Senderkette, Disney, ESPN, ABC, Fox, andere große TV-Sender.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es aus der alten Garde der Zeitungen innerhalb der AP-Gremien Druck, sich gegen neue Plattformen wie Buzzfeed, Vox Media oder Quartz zu verteidigen?

Pruitt: Diese Plattformen zählen jetzt zu unseren Kunden. Zeitungsumsätze werden weiter unter Druck geraten. Jedes Mal, wenn ein neues Medium daherkommt, war das eine kontroverse Entscheidung für den Verwaltungsrat von AP: Verkaufen wir ans Radio oder nicht? Ans Fernsehen? An Internetportale? Jedes Mal wurde richtig entschieden: die Kundenbasis von AP zu erweitern und zu diversifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst der technische Wandel die Arbeit von AP?

Pruitt: Als AP anfing, waren unsere wichtigsten Werkzeuge Pferde, der Telegraf und Boote. Boote, die so schnell waren, dass sie die Transatlantikschiffe abfangen konnten, die sich dem Hafen von New York näherten, um die Nachrichten aus Europa direkt zu bekommen und dann zurück nach New York zu rasen. So konnte man berichten, bevor die Ozeanriesen einliefen. Das war vor den ersten Telegrafenleitungen durch den Atlantik. Heute liefern wir alles digital aus oder kaufen Satellitenkapazitäten ein.

SPIEGEL ONLINE: AP hat über die Jahre einige Konflikte mit den US-Sicherheitsbehörden gehabt. Hat sich das Klima für Journalisten in den USA verändert?

Pruitt: Wir sehen als Journalisten die furchteinflößende Macht, die Regierungen heute dank der Technik haben, um unsere Handlungen und unsere Kommunikation zu überwachen. Wir hatten einmal eine Story über al-Qaida im Jemen, in der es um einen geplanten Bombenanschlag auf eine Passagiermaschine Richtung USA ging. Die Bombe sollte in Libyen explodieren, am Jahrestag der Tötung Osama bin Ladens. Die US-Regierung bat uns, sie aus Gründen der nationalen Sicherheit fünf Tage zurückzuhalten. Es ging um eine laufende Operation, Menschenleben waren in Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Pruitt: Wir hielten die Story zurück. Als man uns fünf Tage später sagte, das Sicherheitsrisiko sei vorüber, veröffentlichten wir sie - und die US-Regierung setzte eine Untersuchung an. Wir erfuhren davon ein Jahr lang nichts. Dann wurde uns vom Justizministerium mitgeteilt, dass die Behörden heimlich viele unserer Telefondaten erfasst hatten: Mobil- und Festnetznummern unserer Journalisten, nicht nur von denen, die an der Story gearbeitet hatten, sondern auch von unseren Telefonzentralen in New York und Washington, im Abgeordnetenhaus. Tausende Telefonate von Hunderten von Journalisten, die an Hunderten unterschiedlichen Geschichten arbeiteten. Und empfangene und gesendete SMS. Lauter Dinge, zu denen sie kein Recht hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wir heute wissen, könnten US-Behörden so etwas theoretisch permanent machen, ohne dass es jemals jemand mitbekäme.

Pruitt: Das ist richtig. In unserem Fall lief die Sache allerdings anders, als wenn die NSA Daten sammelt und in eine Datenbank steckt. Strafverfolger arbeiteten sich durch die Daten. Sie versuchten, Quellen zu identifizieren, im Hintergrund von AP-Recherchen. Dinge, die vom ersten Verfassungszusatz der USA geschützt werden, in dem es um den Schutz von Nachrichtenmedien geht. Aber ich stimme Ihnen zu: Sie haben zwar nicht das Recht dazu, aber die Macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst das die Arbeit Ihrer Journalisten?

Pruitt: Wir sind nicht naiv, was dieses Thema angeht. Wir sehen, dass Quellen zögern, mit uns zu sprechen, weil sie ihre Namen nicht mit uns in Verbindung bringen wollen. Es gibt eine abschreckende Wirkung. Wir arbeiten mit Verschlüsselung und anderen Techniken, um unsere Recherchen zu schützen. Unsere Reporter im Bereich nationale Sicherheit sind besonders betroffen. Sie müssen mit ihren Quellen anders umgehen, treffen sich öfter persönlich, benutzen altmodische Aufnahmegeräte, damit wir das weite Netz der Sicherheitsbehörden umgehen können.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
FeiHung 22.02.2015
1. Tja
da ist mit der Pressefreiheit also ein weiterer Eckpfeiler eigentlich demokratischer Staaten ins Wanken geraten (wenn sich Quellen nicht mehr trauen, sich zu äußern, war es das). Viele Pfeiler sind nicht mehr übrig, die die Demokratie stützen. Bald haben die Überwacher alle erfolgreich zum Einsturz gebracht.
der_durden 22.02.2015
2.
Zitat von FeiHungda ist mit der Pressefreiheit also ein weiterer Eckpfeiler eigentlich demokratischer Staaten ins Wanken geraten (wenn sich Quellen nicht mehr trauen, sich zu äußern, war es das). Viele Pfeiler sind nicht mehr übrig, die die Demokratie stützen. Bald haben die Überwacher alle erfolgreich zum Einsturz gebracht.
Wenn man nun liest, dass unser werter Herr Innenminister ein Gesetz auf den Weg bringen möchte, das Rechtsverstöße des BND in Zukunft nachträglich legitimiert dann wird mir schlecht. Auch andere Teile des Gesetzes sind beängstigend- Sämtlicher Schutz, der aus unserer Erfahrung z. B. mit der SA aufgebaut wurde, wird somit nach und nach aufgeweicht. Wenn ich die Summe all dieser Nachrichten betrachte, frage ich mich, wie es sein kann, dass einige Menschen, auch Foristen hier, für die VDS sind, oder zumindest nichts gegen diese Generalverdächtigung aller haben.
wo_ist_all_das_material? 22.02.2015
3.
Zitat von FeiHungda ist mit der Pressefreiheit also ein weiterer Eckpfeiler eigentlich demokratischer Staaten ins Wanken geraten (wenn sich Quellen nicht mehr trauen, sich zu äußern, war es das). Viele Pfeiler sind nicht mehr übrig, die die Demokratie stützen. Bald haben die Überwacher alle erfolgreich zum Einsturz gebracht.
So berühmt ist die Pressefreiheit hierzulande auch bisher nicht. Überlegen Sie nur, wie viele Nachrichtenagenturen es einmal gab! Heute beziehen wir doch alles aus einer Handvoll quellen, die auch ohne NSA leichter zu kontrollieren sind als mehrere Hundert. Ansonsten natürlich Zustimmung!
ctwalt 22.02.2015
4. Wie schön.....
Trägt der Herr ein Gebiss ?????
Dr.W.Drews 22.02.2015
5. Der Mann sieht aus wie ein Klon aus dem Modekatalog
Tut mir leid mit einem solchen Kommentar hier aufzutreten. Aber wenn Nachrichten von solchen "Darstellern" verkauft werden, dann schrillen bei mir alle Alarmglocken. Diese amerikanischen Anchor-Men sehen alle irgendwie künstlich aus. Und das ist der Grund waum ich diesen Leuten nicht über den Weg traue. Was verstecken diese "Männer" hinter ihrem wie bei einer alternden Schauspielerin aufgebrezelten Äußeren???
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