"Hemisphere Project": US-Drogenbehörde nutzt größere Telefondatenbank als NSA

AT&T-Zentrale: Telefondaten an die US-Drogenbehörde geliefert Zur Großansicht
AP

AT&T-Zentrale: Telefondaten an die US-Drogenbehörde geliefert

Informationen bis zurück ins Jahr 1987: US-Drogenfahnder haben laut "New York Times" Zugriff auf eine gigantische Datenbank mit Details zu Telefonaten im AT&T-Netz. Der Umfang übertrifft den der NSA-Telefonüberwachung. Jeden Tag sollen vier Milliarden neue Datensätze hinzukommen.

Seit mindestens sechs Jahren sollen US-Drogenfahnder Zugriff auf Informationen aus einer Datenbank des Kommunikationsanbieters AT&T haben, berichtet die "New York Times". Die Datenbank soll Infos zu allen Anrufen enthalten, die seit 1987 über AT&T-Infrastruktur abgewickelt wurden. Die Erfassung könnte also auch US-Bürger betreffen, die selbst keine AT&T-Kunden sind. Laut "New York Times" ist die AT&T-Datenbank somit größer als die Sammlung von Telefon-Metadaten der NSA.

Bei AT&T ist die rechtliche Grundlage des Zugriffs auf das Material in jedem Fall eine sogenannte Subpoena, ein US-Rechtsmittel, das keine exakte Entsprechung im deutschen Recht hat. Mit einer Subpoena können Gerichte Dritte anweisen, bestimmte Informationen für Verfahren bereitzustellen.

Stimmen die Angaben aus den Präsentationsfolien können die Drogenfahnder Telefonate sehr lange Zeit zurückverfolgen. Auf einer Folie zum öffentlich bislang unbekannten "Hemisphere Project" heißt es, die Datenbank wachse jeden Tag um rund vier Milliarden Datensätze. Mithilfe der gespeicherten Roaming-Daten soll sich der Standort von Anrufern feststellen lassen.

Die "New York Times" schreibt, sie habe die Dokumente von einem Aktivisten erhalten. Der wiederum sei im Zuge von Polizei-Anfragen an die Unterlagen gekommen. Die Präsentation ist als "strafverfolgungsrelevant" gekennzeichnet, soll aber kein Geheimdokument sein. Trotzdem heißt es auf einer Folie: "Alle Antragsteller sind angewiesen, sich in keinem offiziellen Dokument auf Hemisphere zu beziehen."

Dem Bericht zufolge soll die Zusammenarbeit zwischen den Drogenfahndern und AT&T in Houston, Atlanta und Los Angeles besonders systematisiert sein: Demnach bezahlt die US-Regierung AT&T dafür, dass Firmenmitarbeiter in diesen Städten mit DEA-Agenten zusammensitzen und diese mit Kommunikationsdaten versorgen.

Programm soll notwendig sein

Von offizieller Seite aus wird das Programm laut "New York Times" gerechtfertigt: Das Hemisphere Project sei demnach sehr hilfreich dabei, Kriminelle zu finden, die häufig ihr Mobiltelefon wechseln. AT&T hat mehrere konkrete Fragen zum Programm bislang nicht beantwortet. Ein Firmensprecher teilte der "New York Times" mit, AT&T müsse wie andere Firmen auf zulässige Anordnungen der Strafverfolgung reagieren.

Bislang ist offen, ob auch andere Kommunikationsanbieter am Hemisphere Project oder ähnlichen Projekten beteiligt sind. Die Firmen Verizon, Spring und T-Mobile lehnten es der "New York Times" zufolge am Sonntag ab, das Thema zu kommentieren.

mbö

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Drogenprohibition: Verbrechen die gegen Menschlichkeit
hanfpiraten 02.09.2013
Es ging nie darum, Schäden durch Drogen abzuwenden, sondern im Gegenteil darum, die Gesellschaft durch künstlich erzeugte Kriminalität, Gewalt, überhaupt Misstände, zu sabotieren, um profitablen "Schutz" anbieten zu können und darum, Märkte zugunsten weniger Profiteure zu verzerren (Gefängnisindustrie, Alkohol, Tabak, Pharma, Öl, 'Sicherheit'/Überwachung, Chemie, Waffen etc.), Seit Jahrzehnten sorgt diese Politik dafür, dass bei Polizei und Justiz ausschließlich Menschen eingestellt werden, die aus Sadismus, Eigennutz oder Ignoranz bereit sind, Unschuldige zu verfolgen. Dank Verboten bleiben nicht Millionen von Menschen einfach nüchtern, sondern werden allenfalls dem Alkohol, Tabak, Medikamenten, Forschungschemikalien, legalen Naturdrogen, "Schnüffelstoffen" etc. zugetrieben. Hinzu kommen im Falle der willkürlich illegalisierten Substanzen der Reiz des Verbotenen, die effektive Verunmöglichung von Jugendschutz und Schadensminimierung, Szenenbildung und finanzielle Anreize durch überhöhte Preise. Prohibition tötet und das war auch nie anders geplant!
2. Daten sammeln heisst nicht Daten nutzen
herrschickhilfe! 02.09.2013
Da koennen sich die Drogendealer und Produzenten ja ganz gelassen zuruecklehnen. Da das Drogenproblem - weder die illegale Einfuhr aus dem Süden des Kontinents noch der Verbrauch oder der Vertrieb wesentlich beeintraechtigt sind - trotz der hamsterhaft erhobenen Datenmengen, kann man getrost davon ausgehen, dass das alles auf einem grossen unübersichtlichen Haufen liegt, vor dem sich niemand wirklich fürchten muss. Sammeln allein nutz nix, man muesste die Daten auch verwerten koennen.
3. der
belzeebub1988 02.09.2013
dümmste kommentar den ich je gelesen habe, lieber hanfpirat. nach einmal heroin oder meth sind sie direkt süchtig nach einer kippe oder nem kurzem vodka nicht. man braucht sich doch nur mal die fotos der süchtigen anschauen. grad was meth oder krokodil aus einem machen sieht man da ganz deutlich. .aber nein aus ihrer sicht wird ja alles inszeniert um die lobbys am laufen zu haben..ich wünsche ihnen nie das sie mit ansehen müssen wie sich jemand der ihnen nahe steht mit dem zeug kaputt fixt...vielleicht würden sie dann mal richtig denken und sich nicht alle 10 min ne joint hinter die kauplatte ziehen
4. optional
kf_mailer 02.09.2013
warum dieser Aufwand, unter der Nase der USA ist Afganistan während der US Besatzung zum größten Heroinproduzenten aufgestiegen. Ein Schelm, der Arges dabei denkt.
5. Beim Namen
movfaltin 02.09.2013
Eine Benennung der Antidrogenbehörde fehlt im Artikel. Daher sei hier zur Verständlichmachung erläutert, dass es sich bei der (expliziten) nationalen Antidrogenbehörde der USA um die "Drug Enforcement Administration" (DEA) handelt. Hat nichts mit Sprit und Texaco zu tun - und auch weniger mit Agenten in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen, die mit der MP im Anschlag aus Helikoptern springen, wie uns das Hollywood (schwarz-)weismachen will. Immerhin: Das Kürzel DEA taucht einmal im Text auf.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Überwachung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare
Zum Autor
  • Natalie Stosiek
    Markus Böhm schreibt von München aus am liebsten über Medien und die Menschen dahinter. Als "Kioskforscher" setzt er sich voller ungesunder Begeisterung bloggend mit Zeitschriften auseinander.

Netzwelt auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel.



Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.