Attentat in Las Vegas Die Fake-Flut

Findet irgendwo auf der Welt ein Anschlag statt, tauchen in den sozialen Netzen wenig später Falschmeldungen zum angeblichen Täter und vermeintlich Vermissten auf. Auch nach den Morden in Las Vegas kursieren Fake-Bilder.

Fake-Posting auf Twitter

Fake-Posting auf Twitter


Die Eilmeldungen zu den Schüssen in Las Vegas waren kaum rausgegangen, da ging es schon los mit den Falschmeldungen. Unter anderem über Twitter machten schnell Unwahrheiten die Runde - etwa, dass mehrere Täter an dem Attentat beteiligt waren. Oder, dass es sich bei dem Täter um einen bestimmten Islamisten gehandelt habe.

Ein Twitter-Nutzer verbreitete eine Fotomontage mit einem Bild, auf dem ein Mann mit Gewehr zu sehen ist. "Breaking News" steht dort drauf - der Schütze sei identifiziert worden. 32 Jahre sei er alt und zum Islam konvertiert.

Tatsächlich zeigt das Bild den Komiker Sam Hyde - viele machen sich einen Spaß daraus, nach Attentaten und Anschlägen Bilder von ihm als Täter zu verbreiten. "Fake News. Hör auf damit", schreibt ein Nutzer als Antwort unter den Tweet.

Nach Ereignissen wie diesen ist die Praxis, falsche Bilder zu teilen, durchaus verbreitet - sei es, um Verwirrung zu stiften oder Aufmerksamkeit zu erheischen. Neben Bildern von vermeintlichen Tätern werden auch Fotos von angeblichen Vermissten gepostet, oft handelt es sich dabei um Internet-Stars.

Oft erreichen die Nutzer damit ein breites Publikum: Im oben erwähnten Fall hat der Account bloß 17 Follower; der Tweet wurde allerdings mehrere Hundert Male geteilt und geliked.

Der vermeintlich Tote gab per Videobotschaft Entwarnung

Für Ärger sorgt in solchen Fällen immer wieder ein Twitter-Account mit dem Namen jack sins. Wer sich dahinter versteckt, weiß man nicht - dass es sich um einen Fake-Account handelt, sehr wohl. Das verrät schon das Profilbild. Das nämlich zeigt den YouTuber Review Brah, dessen YouTube-Kanal TheReportOfTheWeek mehr als 400.000 Abonnenten hat.

Sein Bild war schon nach dem Attentat von Manchester missbraucht worden, wurde zusammen mit anderen auf einer Übersicht angeblich vermisster Personen gezeigt. Das Gerücht, Review Brah sei bei dem Attentat umgekommen, hielt sich so hartnäckig, dass der vermeintlich Tote per Videobotschaft Entwarnung gab.

Einen ähnlichen Fake-Post hat nun wieder jack sins veröffentlicht. Zu dem Foto eines Mannes schreibt er, sein Vater werde nach den Schüssen von Las Vegas vermisst, man möge seinen Tweet doch bitte teilen und retweeten. Der Schmu flog allerdings schnell auf, weil jack sins nicht das Foto irgendeines Unbekannten, sondern den Pornodarsteller Johnny Sins zeigt, der wohl einigen Twitter-Nutzer bekannt ist (der Tweet wurde mittlerweile gelöscht).

Vom Magazin "Mashable" per Chat nach seinem Motiv für solche Fake-Posts befragt antwortete jack sins, er mache das wegen der Retweets und es tue ihm auch leid. Er würde es allerdings wieder tun.

Immer wieder kommt es aber auch zu ungewollten Fakes. So wie in dem Fall eines Tweets, in dem jemand die Nachrichtenmeldung zitierte: "Familie des Attentäters musste aus Libyen fliehen, weil er 'Regimegegner' war". Dieser Tweet wurde nun im Zusammenhang mit Las Vegas falsch retweetet, worauf der ursprüngliche Urheber eindringlich hinwies. Denn sein Ursprungs-Tweet stammte aus dem Mai, bezog sich damals auf einen ganz anderen Fall.

Gerade in den ersten unübersichtlichen Stunden nach einem Ereignis kann es schwierig sein, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden. Nutzer sollten die Nachricht stets auf Plausibilität prüfen und kurz prüfen: Wo kommt die Nachricht her? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Was ist das für ein Bild? Wie Sie Fake News erkennen, lesen Sie hier ausführlich:

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

Besondere Vorsicht ist geboten, bevor man als Nutzer ein Bild, einen Tweet oder ein Posting teilt und dadurch weiterverbreitet. Wie gefährlich in der aufgeheizten Stimmung nach einem Anschlag die Verbreitung eines falschen Fotos sein kann, lässt sich kaum unterschätzen.

Nicht zuletzt zeigen solche Vorfälle auf schrecklich eindrucksvolle Weise, wie schnell und wirksam jedes Bild im Netz missbraucht werden kann. Und trotz aller Bemühungen: Oft sind Fake News kaum noch einzufangen. Nicht selten nämlich wird eine falsche Information tausendfach geteilt; die Richtigstellung erreicht aber erfahrungsgemäß nur noch einen Bruchteil der Leute - wenn überhaupt.

Sind auch Ihnen in den sozialen Netzwerken beliebte Artikel begegnet, bei denen es sich um Falschmeldungen, bewusste Panikmache, Übertreibungen oder verdrehte Fakten handeln könnte? Geben Sie uns per E-Mail gern einen Hinweis: antifakenews@spiegel.de

mak/juh



insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Actionscript 02.10.2017
1. Wer seine News von Twitter und Facebook bezieht
und alles glaubt, was da berichtet wird, ist schlicht und einfach naiv und gutgläubig. Wer Fake News verbreitet oder sich daran beteiligt ist schlicht und einfach kriminell.
otto_lustig 02.10.2017
2. Wieso die Bezeichnung Fake News?
Das löst doch einen Wettbewerb aus. Gehört ja zum Vokabular von Donald Trump und wer der sozial geistig Minderbemittelten möchte nicht wie Donald Trump sein? Der hat da Vorbildfunktion, auch intellektuell. Wobei, Intellekt bedeutet "geistiges Vermögen, nur duch Denken zur Erkenntnis zu kommen". Glaubt hier wirklich jemand, dass Donald Trump das kann? Wie wäre es mit idiotische News? Wie wäre es mit einer Umbennung der sogenannten Fake News? Vorschläge? Trump News? Rednack News?
widower+2 02.10.2017
3. jack sins?
Wie kann es sein, dass der Account noch nicht gesperrt wurde?
sozialismusfürreiche 02.10.2017
4. unrühmlich mal wieder Pipi-News.net
Und in dem Zusammenhang mit dem Amoklauf ist mal wieder die dt. Seite Pipi-News.net Wer den Fake News Bericht des wegen des zeigen von Hakenkreuzen zu 6 Monaten Haft auf Bewährung (Urteil nicht rechtskräftig) verurteilten dt. Michel Stürzt vom Hügel liest muß zum Schluss kommen ein Islamist, die Linke und Trump Hasser hat einen Anschlag dort in Las Vegas gemacht. Außerdem verbreitet er weiter die Information dass die kurzzeitig gesuchte Frau mit dahinter steckt. Ich hoffe das Urteil wird bald rechtskräftig und führt abschliessend wegen solchen seiner Beiträge zur wirklichen Inhaftierung.
josefinebutzenmacher 02.10.2017
5. Fake News auch hier!
Fake News werden gerne auch hier von einschlägig bekannten Foristen verbreitet. In der Regel unter dem Vorwand "Volk und Heimatland" erhalten zu wollen. Leider wird dagegen zu wenig unternommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.