Aufregung um Wikipedia Die vielen Tode von Kenneth Lay

Dass es die Wikipedia schaffte, innerhalb weniger Minuten diverse Ursachen für den Tod des ehemaligen Enron-Managers Kenneth Lay zu veröffentlichen, sorgt für Diskussionen. So überzogen die Empörung darüber ist, offenbart der Fall doch ein Grundproblem der Wikipedia.

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Reine Internetnachrichten schaffen es nicht allzu häufig in die Mainstream-Medien. Als aber Wikipedia wenige Minuten, nachdem die Nachrichtenagenturen am Mittwoch den Tod des ehemaligen Enron-Managers Kenneth Lay gemeldet hatten, bereits dessen Biografie ergänzte, sorgte das für ein großes Hallo - und einigen Spott.

Kenneth Lay: Enron-Gründer starb nach heutigem Kenntnisstand an einer Herzattacke
REUTERS

Kenneth Lay: Enron-Gründer starb nach heutigem Kenntnisstand an einer Herzattacke

Denn binnen knapp 30 Minuten variierte dessen angebliche Todesursache etliche Male zwischen Selbstmord und Herzattacke. Aus einem "offenbar Selbstmord" (10.06 Uhr) wurde ein "Herzinfarkt oder Selbstmord" (10.08 Uhr), mutierte zu einem "keine Ahnung" in Gestalt der Aussage, die Ursache müsse noch gefunden werden (10.08 Uhr), entwickelte sich zur potenziell justiziablen Schuldzuweisung "so viele Leben ruiniert zu haben, führte schließlich zu seinem Selbstmord" (10.11 Uhr) und so weiter - eine Nachricht im Fluss, völlige Konfusion. Der sich daraus ergebende interne Streit resultierte Stunden später in einer Übernahme der offiziellen polizeilichen Mitteilung, ergänzt durch ein paar Infos eines lokalen TV-Senders.

Die Nachrichtenagentur Reuters stürzte sich auf den Vorgang, und binnen eines Tages berichteten allein im englischsprachigen Internet mehr als 1400 Zeitungen darüber. Der Grundton der Berichte: Da kann man mal sehen, was die für einen Unsinn treiben.

Man darf sich fragen, mit welchem Recht.

Denn gerade den Medienprofis sind solche Dinge alles andere als fremd: Nachrichtenagenturen liefern oft die ersten Schlagzeilen einer "Breaking News", korrigieren sich selbst, ergänzen Fakten, revidieren alles noch einmal, senden Updates und Zusammenfassungen hinterher, die die Faktenlage vom Kopf auf die Füße stellen - und das ist auch völlig in Ordnung so. Denn normalerweise arbeiten Redaktionen auf eine Deadline hin: Wichtig ist nur, dass bis dahin alle Fakten geklärt sind.

Der Preis der Aktualität

Für Angebote wie die Wikipedia, die es sich zum Ehrgeiz gemacht hat, höchstmöglich aktuell zu sein, ist es jedoch Glatteis. Ihre Zulieferer, von denen wir einmal annehmen, dass sie bei Lays Tod nicht Zeuge waren, bedienen sich aus Agenturen und Medien, können also in solchen Situationen auch nur Schlaglichter des aktuellen Kenntnisstandes wiedergeben: Wir kochen alle nur mit Wasser. Wie das Radio, das Fernsehen, wie Online-Newsseiten auch - nur verzeiht man denen das, Wikipedia aber nicht. Denn bei den Medien - auch bei SPIEGEL ONLINE - steht über so etwas "Eilmeldung", und in der wiederum ein "später mehr". Dann nämlich, wenn mehr bekannt ist. Das ist das Zugeständnis der professionellen, nahezu live arbeitenden Medien an die natürliche "Schwäche" der Nachrichtenquellen: Informationen müssen eben erst gesammelt und ausgewertet werden, bevor man "Wahrheiten" verkünden kann.

Wikipedia aber will ein Nachschlagewerk sein, sprich: eine verlässliche Quelle per definitionem. Ihre fleißig gepflegte Legende legitimiert diesen Anspruch aus der Kraft der informierten Masse. Kompetenz entsteht bei ihr aus der Selbstregulierungskraft der Community. Das ist schön und funktioniert - wenn diese genügend Zeit zur Selbstkorrektur hat - zumeist ja auch überraschend bis begeisternd gut.

Das Problem ist nur, dass die Wikipedia zu jedem Zeitpunkt so klingt, als sei alles endgültig. Zugleich aber spielt sie Zeitung - mit allen damit verbundenen Risiken. Auch hier kann man sich sehr berechtigt fragen, warum überhaupt. Wäre die Wikipedia kein aktuelles Nachschlagewerk mehr, wenn sie solche Einträge erst nach 24 Stunden veröffentlichte? Natürlich wäre sie auch dann noch sensationell aktuell.

Dazu kommen die Web-Community-typischen Skurrilitäten der Wikipedia. Mit großer, lobenswerter Transparenz wird die interne Diskussion geführt. Nur verläuft die leider nicht immer so, dass es die Wikipedia als ernsthafte Quelle schmücken würde. So gab es in den letzten Stunden Stimmen, die Lays Tod für "angeblich" halten: Möglicherweise stecke dahinter eine Konspiration des FBI. Vielleicht hätten Lays "Freunde in der Bush-Regierung" diesen in Wahrheit außer Landes geschafft. Man solle doch erst einmal abwarten, wie Lay beigesetzt werde: Ein Urnenbegräbnis könne zu denken geben...

Für Häme ist das alles aber kein Anlass, sondern für eine interne Diskussion bei den Wikipedianern: Solange "Wiki" für ein Angebot von und für die Community stand, konnte man sich so etwas leisten. Heute aber schaut die Welt auf Wikipedia. Wenn die nicht Zeitung sein will, sondern wirklich Nachschlagewerk, stünde ihr oft eine Entschleunigung gut an - und leider vielleicht auch ein wenig mehr Geheimniskrämerei. Aktualität ist eines, Hyperventilieren etwas anderes. Ein Thema öffentlich zu diskutieren ist gut, die Hintergrunddiskussion zu einem ernsten Beitrag aber zur Plattform für Gerüchte und Konspirationstheorien zu machen, wohl kaum.

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insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
kohlesurfer, 19.01.2006
1. Es lebe die Vielfalt!
Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. Eben dies ist all jenen ein Dorn im Auge, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, mit einseitig festzementierten Sichtweisen Diskussionen zu führen. Es lebe die Vielfalt!
thomas noller, 19.01.2006
2.
Ich dachte immer die Aufgabe eines Nachschlagewerks sei es eine möglichst enge und präzise Beschreibung eines Begriffes zu liefern? Wie dem auch sei. Ich bin weiß Gott kein Wikipedia-Hasser und finde das wiki noch eines der nützlicheren Anwendungen des Internets ist, aber die Art und Weise wie z.B. meine Studenten in einer schriftlichen Arbeit (die wissenschaftlichen Charakter haben soll) mittlerweile zu 90% Wikipedia Definitionen zitieren (denn es geht halt schnell), ist mir, und auch meinen Kollegen an der FH, langsam nicht mehr geheuer. Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Verwendung von Wikipedia-Material, allerdings sollte hier eine ausreichende Balance zwischen wiki-Zitaten und Quellen aus der Fachliteratur vorliegen. Persönlich finde ich manche Artikel gerade auf der deutschen Seite sehr POV-lastig und oft auch politisch schlichtweg tendenziös. Das Problem ist eben, das die Leute zu den Dingen über die sie schreiben meist einen persönlichen (oder auch leidenschaftlichen) Bezug haben, der einer wirklich objektiven Betrachtung (die es ja eigentlich nicht zu 100% gibt) u. U. im Wege stehen kann. Was nicht bedeutet, dass ich Wiki nicht verwende. Man sollte es aber hier und da noch einmal mit anderen Quellen abgleichen.
Duesentrieb, 19.01.2006
3. Wikipedia und das Establishment
Der Streit um Wikipedia hat einen einfachen Grund. Dadurch das die Eikipedia immer mehr User und damit Gewicht hat, werden die kontrahären Positionen immer ausschließlicher, d.h. die Anforderungen die an die Wikipedia gestellt werden lassen sich nicht mehr unter einen Hut bringen. Deshalb sollte sich die Wikipedia in zwei Versionen aufspalten. Dadurch lässt sich vermeiden der Wikipedia das "Zaumzeug" anzulegten, gleichzeitig werden die User die sich eine zweite/andere Britannica wünschen auch bedient. Version 1: So wie sie jetzt ist. Frei, kostenlos, ungeprüft, unsicher und höllisch dynamisch. Version 2: Ein geprüfter Auszug aus Version 1 der das Gegenteil ist. Abhängig von Einnahmen, kostenpflichtig, geprüft, sicher und (was die einzelnen Artikel betrifft) statisch. Die Auslese und Prüfung von Artikeln mus durch zwei Institutionen erfolgen. 1) Eine Institution die bestimmen welche Artikel geprüft werden und die sich auch bezahlen lässt, damit bestimmte Artikel schneller geprüft werden. 2) Eine vollkommen unabhängige Institution welche die von 1) angegebenen Artikel prüft und abhängig von der Prüfung dieselben Artikel von Ver1 in Ver2 überführt. P.S. Dies ist eine Vortführung meines letzten Postings in die bessere Gruppe.
Kurt G, 19.01.2006
4. Wikipedia.de geschlossen
Nach Spon hat das Amtsgericht Hamburg wikipedia.de per einstweiliger Verfügung vom Netz genommen. Ein weiterer Aberwitz nach der bereits unglaublichen Entscheidung gegen Heise. Hier wird weltweite Kommunikation in deutschen Amtsstuben zerrieben. Kurt G
ein_bayer, 19.01.2006
5.
---Zitat von kohlesurfer--- Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. ... ---Zitatende--- Es kann mehrere Meinungen geben, aber nur eine Wahrheit. Nur so zur Begriffsklärung ... Und wer verschiedene Meinungen sucht, bekommt diese auch ohne Wiki zu genüge. Lebensnotwendig ist Wiki nicht, vielleicht für manche Menschen einfach bequem, aber mehr schon nicht.
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