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Aus dem Archiv geholt: Surfen wie 1996

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SPIEGEL ONLINE wird zehn Jahre alt. Noch einmal haben wir unsere ältesten Datenbestände aus dem Archiv gekramt und livegeschaltet. Reisen Sie mit unserer Zeitmaschine zurück ins letzte Jahrhundert - als Publizieren im Web noch ein großes Experiment war.

Layout von 1996: Bilder stören Textfluss, meinte mancher Leser
SPIEGEL ONLINE

Layout von 1996: Bilder stören Textfluss, meinte mancher Leser

Im zweiten und dritten Jahr von SPIEGEL ONLINE gab es einige Konfusion unter den Lesern. Das waren noch nicht so fürchterlich viele, aber sie waren anders als die heutigen: Die meisten von ihnen kamen aus technischen Berufen, kannten das Internet noch aus Vor-WWW-Zeiten und begleiteten die zunehmend schnellere Entwicklung des bunten Neu-Mediums mit einiger kritischer Distanz. Man könnte auch sagen: Sie verteidigten "ihr" Medium gegen die kecken Experimente der "Kommerziellen". Weit über 90 Prozent von ihnen waren Männer - und nur fünf bis sieben Prozent der Bundesbürger hatten überhaupt schon Online-Erfahrungen gemacht.

Als DER SPIEGEL sich 1994 ins Web begab, war das bei der Internetgemeinde auf viel Beifall gestoßen. Das Hamburger Magazin verschenkte da im Web Inhalte - nicht viel, aber immerhin im brandaktuellen Wochentakt - und mehr noch: Seine Redakteure waren mit einem mal ansprechbar und zur Kommunikation bereit.

Das waren sie freilich auch schon vorher, doch war es nun so viel leichter, sie zu erreichen: Ein Klick auf einen "Mailto"-Link, ein paar heiß und schnell in die Tastatur gehackte Zeilen und ab die Post! Schnell entwickelte sich eine Kommunikationskultur, in der Uly Foerster, erster Chefredakteur des Internetangebotes, in Lesermails der "liebe Uly" war und sich nach Kräften mühte, möglichst zeitnah zu antworten und mitunter Web-gerecht zurück zu duzen.

Schnell aber war der damals aus nur zwei Redakteuren bestehenden, in Teilzeit online produzierenden Redaktion klar, dass das Angebot des SPIEGEL möglichst bald professionalisiert werden müsste. Für ein Jahr war es ein schönes Experiment und eine mediale Pioniertat, als bundesweit erstes Nachrichtenmagazin einfach nur "drin" zu sein. Es brauchte nicht viel mehr, als eine "Homepage" in SPIEGEL-Rot, von der man möglichst im Wochentakt auf wechselnde Inhalte "linken" konnte.

Dann, ziemlich exakt ein Jahr nach diesem 25. Oktober 1994, als der SPIEGEL erstmals im WWW erschienen war, unternahm SPIEGEL ONLINE den ersten Schritt zur Professionalisierung. Dazu gehörten nicht nur ein neues, zeitgemäßes Design mit Navigationselementen und einem schwarzen Balken, in dem man zudem Werbung zu platzieren hoffte, sondern auch eine neue, einprägsame Adresse: www.spiegel.de. Bisher hatte die zum Beispiel für Nordlichter "http://hamburg.bda.de:800/bda/nat/spiegel/" geheißen, "http://muenchen.bda.de/bda/nat/spiegel/" für Süd-Surfer. Die neue wirklich einprägsame und logische Adresse setzte sich bald durch (auch, wenn einige kritisierten, eine solche Adressänderung sei destruktiv, weil damit Linkverzeichnisse draußen im Internet "beschädigt" würden).

Der Leser will es grau in grau

Schnörkelloses Design: Einfach nur "drin" sein
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Schnörkelloses Design: Einfach nur "drin" sein

In mehr als einer Hinsicht neigte sich damit die Zeit der sondierenden Experimente, des "einfach nur Drin-Seins" endgültig ihrem Ende zu. Vielen der frühen Net-Eleven gefiel das nicht, war das Internet ihnen doch per definitionem ein Medium der unkommerziellen Gegenöffentlichkeit. Dass der SPIEGEL nun zudem darauf verfiel, Farbe (!) und gelegentlich Grafik (!) einzusetzen, erschien großen Teilen der frühen Stammleserschaft als Sakrileg: War es in Zeiten von 14.4-Modems nicht oberstes Gebot, den Download klein zu halten?

Während die Fachpresse über den Professionalisierungsschritt jubilierte, kochte der Leserzorn: Das damals "Meinung" überschriebene Forum von SPIEGEL ONLINE wurde mit Protestschreiben überschwemmt. Nutzer von Netscape 1.1 beklagten dort, dass plötzlich "ein Drittel des Textes" beim Ausdruck "schwarz auf schwarz" verloren ginge, Auguren orakelten, bald müsse man sich wohl die Artikel zwischen Werbungen "zusammensuchen" und die ganz harten Puristen bemäkelten, dass der Einbau von Bildern in Texte dazu führe, dass der Textfluss "selbst bei unterdrückter Bildanzeige" gestört werde. Denn natürlich surften die frühen Web-Fans weiter bildlos, bis sich das Thema durch wachsende Bandbreiten von selbst erledigte.

Bis dahin aber war optischer Fortschritt im Web erklärungsbedürftig. Die Redaktion wurde durch das vornehmlich skeptisch-kritische Leserecho überrascht. Die Macher selbst hatten ihren Relaunch als durchaus zurückhaltend empfunden. Uly Foerster in einem Editorial von 1995: "SPIEGEL ONLINE fährt auf der Infobahn, seit über einem Jahr, mit angepasster Geschwindigkeit. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Und nicht jeder, der überholt, kommt besser ans Ziel."

Das sahen die Leser genauso, nur gingen sie weiter. Gegen den anhaltenden Sturm der Entrüstung wehrte sich schließlich Alexander Koch, Grafiker bei der Düsseldorfer Web-Agentur WYSIWYG, in einem Artikel, in dem er das von ihm verantwortete Design verteidigte. Mit Erfolg, danach glätteten sich die Wogen.



Was allerdings auch einer neuen Zielgruppe zu danken war, die die frühen, Technik-affinen Leser schon sehr bald zahlenmäßig überholen sollte. Das neue Design lockte die "Surfer", die Freizeit-Internet-Nutzer, die das elektronische Medium erst durch das WWW entdeckten, durch zunehmende Werbung dafür (und manchmal durch wilde Gerüchte darüber, was für ein Schweinkram dort zu finden sei) - und durch die zunehmend umfänglicheren und attraktiveren Angebote darin.

Spätestens Ende 1995 begann sich der Boom des Internet also anzukündigen. Die "Kunden" des Webs bemerkten das viel eher als diejenigen, die ihnen dort später etwas verkaufen wollten. Noch sollte die "Gemeinde" aus Surfern und Web-Publizisten rund zwei Jahre haben, im Medium WWW, das langsam Gestalt annahm, zu experimentieren, neue Ausdrucks- und Stilformen zu suchen, ohne von den meisten "wichtigen" Entscheidern ernst oder auch nur wahrgenommen zu werden. Noch verbanden Macher wie Leser mit dem Web auch Freiheitsträume und Visionen von immanenten wie immensen Veränderungen.

Redakteur Uly Foerster: "Auf der Infobahn mit angepasster Geschwindigkeit"

Redakteur Uly Foerster: "Auf der Infobahn mit angepasster Geschwindigkeit"

Netscape und Yahoo sorgten für Aufmerksamkeit, doch noch waren die Schnarchzapfen in Banken und Großunternehmen, bei Venture-Capital-Firmen und auch in Ministerien nicht erwacht, um jedem, der laut genug "Internet!" schrie, Geld hinterher zu werfen. Noch hatte der damalige US-Vizepräsident Al Gore nicht verkündet, dass ja eigentlich er das Internet erfunden habe, noch schwadronierte kein deutscher Politiker kenntnisfrei von der "Datenautobahn", ihren Chancen und Gefahren. Und noch blies niemand das 1995/1996 keimende Neumedium zu einer Spekulationsblase auf, deren spektakuläres Platzen eine Wirtschaftskrise verursachen sollte, von der sich die Welt bis heute noch nicht erholt hat.

Der SPIEGEL hat mit seinem Online-Angebot all diese Zeiten nicht nur erlebt, sondern auch dokumentiert.

Die Webseiten, die wir heute noch einmal für Sie liveschalten, repräsentieren diese erste Zeit von SPIEGEL ONLINE. In Design und exemplarischen Inhalten decken sie den Zeitraum von Oktober 1995 bis Juni 1996 ab. Wir werden Ihnen in den nächsten Monaten immer wieder einmal anders zusammengestellte, "alte" Inhalte-Bouquets präsentieren.

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