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Ausgedruckt: Das rasche Sterben des US-Zeitungsmarktes

Von , New York

In den USA ist die erste Großstadtzeitung der Medienkrise zum Opfer gefallen: Denvers "Rocky Mountain News" wurde kurz vor ihrem 150. Geburtstag eingestellt. Auch andere Top-Blätter stehen vor dem Aus. Experten fürchten das Ende des legendären US-Journalismus.

New York - Der letzte Nachruf, den die "Rocky Mountain News" veröffentlichte, galt ihr selbst. "Goodbye Colorado" lautete die Schlagzeile, die sich quer über die Titelseite der Zeitung aus Denver zog. Der Text darunter war lakonisch: "Unsere Zeit als Chronisten von Denver und Colorado, der Nation und der Welt, ist vorbei", verabschiedete sich die Redaktion von ihren Lesern. "Es war eine Ehre, Ihnen zu dienen."

Rocky Mountain News in einem "Stummen Verkäufer": Nach 150 Jahren die letzte Ausgabe
AFP

Rocky Mountain News in einem "Stummen Verkäufer": Nach 150 Jahren die letzte Ausgabe

Kurz vor ihrem 150. Geburtstag erschien die "Rocky Mountain News" am Freitag zum letzten Mal. Die Tageszeitung fiel dem Wirbelsturm zum Opfer, der gerade die gesamte US-Medienlandschaft verwüstet: Erst wanderten Leser und Anzeigen ins Internet ab, dann raubte die Rezession dem Traditionsblatt vollends die Geschäftsgrundlage. Das Ende kam am selben Tag, da Google begann, auch auf seiner News-Site Anzeigen zu schalten.

"Denver", hatte Verleger Rich Boehne, der Vorstandschef des Scripps-Konzerns, der geschockten Redaktionsversammlung am Vorabend verkündet, "kann keine zwei Zeitungen mehr ernähren." Somit bleibt in der 600.000-Einwohner-Haupstadt Colorados nur noch ein Titel übrig, die "Denver Post" des rivalisierenden Großverlags MediaNews Group.

"Sie haben uns im Stich gelassen"

Die "Rocky", wie sie in Denver nur genannt wurde, ist die erste US-Großstadtzeitung, die in dieser Mega-Krise in die Knie geht. Es ist ein dramatisches Signal, dass das Zeitungssterben hier noch viel schneller grassiert als befürchtet. Zumal die "Rocky" kein Käseblatt war: Sie gewann seit dem Jahr 2000 vier Pulitzer-Preise.

Ihr Abgang verlief nicht ohne Ironie: Das Internet, das ihr das Grab schaufelte, protokollierte am Ende auch die Beerdigung. So berichteten die Redakteure live aus der Kündigungsversammlung, via Microblogging-Service Twitter, und verewigten das Finale mit einem bewegenden, 22-minütigen Web-Video. "Es hätte nicht sein müssen", sagt der Sportreporter Jeff Legwold darin, den Tränen nahe. "Sie haben uns im Stich gelassen."

Zeichen der Zeit: In den letzten Wochen ist die US-Printbranche von so vielen, immer neuen Hiobsbotschaften erschüttert worden, dass der tatsächliche Tod eines wichtigen Blattes da kaum mehr überrascht. Sondern fast wie eine eiskalt-logische Konsequenz wirkt - und erst der Beginn eines noch größeren Desasters.

Was wird aus dem US-Journalismus?

Wie prekär die Lage ist, zeigte sich ebenfalls am Freitag, als die American Society of Newspaper Editors (ASNE) ihre für April geplante Jahrestagung absagte. "Unsere Teilnahme wäre nur gering", schrieb ASNE-Präsidentin Charlotte Hall an die Mitglieder. "Die Redakteure werden in diesen schweren Zeiten in den Redaktionen gebraucht."

"Uns stehen weitere Insolvenzen und Schließungen bevor", schreibt Steve Myers, der Chef-Blogger des Poynter Institutes, einer Journalistenschule mit eigenem Verlag ("St. Petersburg Times", "Congressional Quarterly"). Neben Myers' Blog prangt die Zeile: "Lohnt es sich noch, in den Journalismus zu gehen?"

In der Tat stellen die Horrormeldungen ein ganzes Berufsbild auf den Kopf. Was wird nun aus dem legendären US-Journalismus? Aus den großen, investigativen (und teuren) Coups? Was bedeutet das für die Qualität der Restzeitungen? Für die Macht der sogenannten vierten Gewalt?

Vielen Metropolen droht ein ähnliches Schicksal wie Denver: Nur noch eine Monopolzeitung - wenn überhaupt. Etwa San Francisco: Der "San Francisco Chronicle" ist die größte Zeitung der Region (Auflage: 339.000), die zweitgrößte an der Westküste und die zwölftgrößte Amerikas.

Web-Test "wie beim Vorsingen"

Trotzdem droht ihm das Aus, falls der Hearst-Verlag keinen Ausweg aus dem Kostenstrudel findet. Ginge das so weiter, erklärte Hearst am Mittwoch, "werden wir keine Wahl haben, als schnell einen Käufer für den 'Chronicle' zu finden oder die Zeitung ganz einzustellen".

Dann bliebe der Stadt nur noch der "Examiner", dessen Auflage halb so groß ist. Die meisten Leute in San Francisco, bemerkte die Wirtschafts-Newssite "Marketwatch" spitz, hätten davon aber nicht in den TV-Nachrichten erfahren oder im "Chronicle" tags darauf. "Sondern durch E-Mail und Text-Nachrichten auf ihren Handys, Blackberry oder iPhones."

Ähnlich in Seattle. Dessen älteste Zeitung, der Pulitzer-gekrönte "Seattle Post-Intelligencer", wird voraussichtlich ab März nur noch online erscheinen. Hearst-Vize Ken Riddick begann Mitte Februar, die Redakteure persönlich auf ihre Web-Tauglichkeit zu prüfen. Von den rund 170 Mitarbeitern dürften nicht mal 20 übrig bleiben. "Man kommt sich vor wie beim Vorsingen", klagte Alt-Kolumnist Mike Lewis.

Auch die Schwesterzeitung "Seattle Times" steckt tief in den roten Zahlen. Vorige Woche versammelten sich rund 150 Leute zu einer erregten Bürgerversammlung im Rathaus. Titel: "Seattle als eine Stadt ohne Zeitung."

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Forum - Medienkrise - Braucht die Gesellschaft Massenmedien?
insgesamt 171 Beiträge
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    Seite 1    
1.
DJ Doena 19.02.2009
Das hat doch nichts mit Massenpresse an sich zu tun. 1) Im Idealfall bringt die Zeitung die Nachrichten von gestern, schlimmstenfalls von von vorgestern. Persönlich würde ich die Zeitungsleser, die über das Niveau von "BILD" hinauslesen, eher in der Angestelltenklasse oder höher vermuten (Nichts gegen Arbeiter, aber für meinen Punkt glaube ich, dass die Unterscheidung richtig ist). Angestellte sitzen aber oftmals den ganzen Tag vor dem PC und genauso wie Zeit fürs Käffchen ist, so ist auch Zeit mal bei der Nachrichtenseite vorbezuschauen. D.h. Die wichtigsten Nachrichten hat man schon aus dem Web aufgesauft oder bekommt sie abends von den TV-Nachrichten präsentiert. 2) Das Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe. Dennoch lese ich beide weiter als Papier, eben weil sie noch interessante und lesenswerte Artikel haben, die tweilweise über Wochen und Monate recherchiert wurden und nicht zwingend eine tagesaktuelle Relevanz haben.
2. wir nicht ..
systemfeind 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
aber die herrschende Klasse braucht Massenmedien ( oder weshalb arbeiten einschlägig bekannte Kreise mit Hochdruck an einer Zensursoftware ? )
3.
TheBear, 20.02.2009
Zitat von DJ DoenaDas hat doch nichts mit Massenpresse an sich zu tun. 1) Im Idealfall bringt die Zeitung die Nachrichten von gestern, schlimmstenfalls von von vorgestern. Persönlich würde ich die Zeitungsleser, die über das Niveau von "BILD" hinauslesen, eher in der Angestelltenklasse oder höher vermuten (Nichts gegen Arbeiter, aber für meinen Punkt glaube ich, dass die Unterscheidung richtig ist). Angestellte sitzen aber oftmals den ganzen Tag vor dem PC und genauso wie Zeit fürs Käffchen ist, so ist auch Zeit mal bei der Nachrichtenseite vorbezuschauen. D.h. Die wichtigsten Nachrichten hat man schon aus dem Web aufgesauft oder bekommt sie abends von den TV-Nachrichten präsentiert. 2) Das Problem der heutigen Zeitungen ist: Sie bestehen fast aus nichts mehr anderem aus den gleichen Agenturmeldungen, die besagte Nutzer schon oben im Web gelesen haben. Hintergrundberichte, aufwendige Recherche - wurde alles als zu teuer abgeschafft und die Redaktionen bis auf die Knochen abgemagert. Damit macht sich aber die Zeitung selbst obsolet. Ich lese im Prinzip nur noch zwei Zeitschriften: Spiegel und c't. Und bei beiden merke ich auch da, wieviele Artikel ich überblättere, weil ich sie bereits bei Spiegel Online respektive Heise Online gelesen habe. Dennoch lese ich beide weiter als Papier, eben weil sie noch interessante und lesenswerte Artikel haben, die tweilweise über Wochen und Monate recherchiert wurden und nicht zwingend eine tagesaktuelle Relevanz haben.
Geht mir genauso. Ich habe mich schon krank geärgert, wenn ich mir einen Papier-SPIEGEL gekauft hatte, und dann darin viele Artikel finde, die ich schon im SPON gelesen habe. Meine Reaktion: Ich kaufe keinen Papier-SPIEGEL mehr. Ich hatte auch schon an den SPIEGEL darüber geschrieben. Keine Reaktion. Wenn man aber erst mal sein Kaufverhalten geändert hat, liest man schliesslich nur noch Web-Blätter, dann aber auch andere. Was ich mir wünsche: Aktuelle Nachrichten nur auf Web-Seiten, gut und aufwendig recherchierte Artikel mit Hintergrundinformationen in wöchentlichen (oder gar monatlichen) Papiermagazinen. Tageszeitungen lese ich schon gar nicht mehr, besonders nachdem mir etwas wirklich "erstaunliches" passiert ist: In eine Papiertageszeitung las ich einen Artikel, der (von den genannten Daten her) völliger Unsinn war. Als ich die Redaktion anrief, entschuldigte sich der "Verfasser" damit, dass er die Daten von einer Webseite(!) genommen hatte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt Papierseiten mehr Glauben schenken zu können als Webseiten...
4. Wir brauchen primär Qualitätsmedien
Peter Kunze 20.02.2009
Zitat von sysopImmer mehr Zeitungsverlage schrumpfen in der Wirtschaftskrise ihre Aktivitäten zusammen. Doch ihre Kunden interessiert das kaum, sie halten das Modell der Massenpresse für überholt. Was denken Sie - brauchen wir Massenmedien?
Tach, Eine gute Zeitung funktioniert für mich persönlich wie folgt: - Klare Trennung von Faktenbericht, Recherchebericht und ggf. Kommentar. Der Kommentar kann als einziger Abschnitt eine eventuell vorhandene politische Prägung des Blattes durchscheinen lassen. - 1:1-Abdrucke von Pressediensten welche eh jeder auf dem Internet schon überflogen hat sind zu unterbleiben. Zusatzinformationen oder eigene Recherchen zum Artikel sind unabdingbar. - Die Relevanz der Artikel hängt linear von der gesellschaftlichen Bedeutung des behandelten Themas ab. - Geeignetes Lektorat um nicht nur die Rechtsschreibung sondern auch die stilistische Qualität zu prüfen. Als Vorbild taugt im deutschen Sprachraum kanpp die NZZ um obige Ansprüche erfüllt zu sehen. Bye Peter
5. Bis auf Heise ...
schmoggelmopps 20.02.2009
... kann man doch heute kein Blatt - von Bild bis Spiegel - mehr als unabhängig bezeichnen. Mir ist das besonders im letzten Jahr (2008) klar geworden, als die "Qualitätsblätter" z.B. anfingen, Männer-Bashing zu intensivieren. Vor lauter "Männer-sind-scheiße"-Hintergrund- und Vordergrundrauschen ist mir klar geworden, wie das so funktioniert, mit dem "Journalismus". Und das betrifft ja nicht nur das Thema "Geschlechterkampf", sondern viele weitere Themen. BILD hat in der Zentrale z.B. Personenkontrollen nach Flughafenmanier installiert - sie werden wissen warum. Am besten erkennbar ist das Ganze für mich am Fall "Eva Herman", die nie gsagt hat, was alle schrieben, dafür aber quer durch die Bank Schellen kassiert hat. Sämtliche Prozesse hat sie wohl gewonnen - darüber schreibt aber niemand - die Emanzipation der Frauen, die jetzt endlich die wirtschaft ankurbeln sollen, scheint in Gefahr. Dazu gibt es eine spannende, minutiöse und mit Quellenangaben vollgepackte Abhandlung in Buchform von Arne Hoffmann ("Der Fall Eva Herman") http://www.amazon.de/Fall-Eva-Herman-Hexenjagd-Medien/dp/393956205X/ref=sr_1_8?ie=UTF8&s=books&qid=1235131418&sr=8-8. Dieser ist für mich ein eindeitiger Indikator dafür, wie Medien funktionieren - genau, wie der Fauxpas letztens u.a. hier bei SPON, bei dem Stefan Niggemeier vom BILDblog fast die gesamte deutsche Presselandschaft geneppt hat, als es um den vollständigen Namen des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ging. SPON und weitere Blätter haben den Namen wohl ausschließlich bei Wikipedia nachgeschlagen - einfach lachhaft, einfach enttäuschend. Insofern halte ich "die Medien" heute allesamt für sehr unglaubwürdig und bin froh, dass es Kommentarfunktionen im Internet gibt - denn DA erfährt man oft viel eher, wie die Menschen denken. Na Spons? Bin gespannt, ob mir meinen Beitrag veröffentlicht, Ihr "Qualitätsjournalisten" ...
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