Automatische Bilderkennung: Facebooks Gesichtskontrolle empört Datenschützer

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Facebook hat eine neue Funktion freigeschaltet - und kassiert dafür wütende Proteste. Seit dieser Woche bietet das Netzwerk einen Service an, der Nutzern beim Markieren von Personen auf Fotos helfen soll. Was in den USA längst Alltag ist, sorgt hier für Kritik bei Datenschützern.

Facebook-Nutzer im Visier: Automatische Gesichtserkennung für weniger Klick-Arbeit Zur Großansicht
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Facebook-Nutzer im Visier: Automatische Gesichtserkennung für weniger Klick-Arbeit

Hamburg/Berlin - Der Facebook-Vorgänger, den Mark Zuckerberg einst zusammengebastelt hatte, war ein Verzeichnis von Porträtfotos. Die Nutzer bekamen jeweils zwei davon angezeigt und sollten abstimmen, wenn sie attraktiver finden - Facemash hieß der Service, eine Harvard-Version von "Am I Hot or Not?". Die Bilder hatte er sich von den Websites der Wohnheime zusammengesucht - ohne vorher zu fragen. Dafür gab es einigen Ärger.

Acht Jahre später, Facebook ist mittlerweile das größte soziale Netzwerk der Welt, gibt es wieder Kritik. Diesmal sorgt eine eigentlich praktische Funktion in Deutschland und Europa für Ärger, die automatisch Personen auf Bildern erkennen und Profilen zuordnen soll.

Und so funktioniert die Gesichtserkennung: Lädt man ein neues Foto hoch, wird es mit den eigenen Facebook-Freunden abgeglichen. Glaubt das Programm, ein Gesicht zu erkennen, schlägt es vor, diese Person auf dem Bild zu markieren. Wer diese Markierung sehen darf, lässt sich in den Privatsphäre-Einstellungen festlegen - und wer nicht markiert werden will, kann die Markierung mit einem Klick entfernen.

Facebook erläutert, mit Hilfe der sogenannten Tags solle man sich in größeren Bildersammlungen besser zurechtfinden - oder auch sich selbst auf Bildern von Freunden entdecken. Nutzer hätten sich immer wieder beschwert, dass sie diese Namens-Markierungen bei jedem Bild neu eintragen müssten. Jetzt kann die Software bereits beim Hochladen eines Fotos automatisch bereits bekannte Personen erkennen und dem Nutzer entsprechende Namens-Tags vorschlagen.

In den USA ist diese Funktion seit Dezember aktiviert, nun wurde sie in den "meisten" Ländern freigeschaltet, auch in Deutschland. Allerdings ohne den Facebook-Mitgliedern vorher Bescheid zu sagen - und die Gesichtserkennung ist natürlich standardmäßig eingeschaltet. Am Dienstag vermeldete nur ein dürres Update im offiziellen Blog den Massenscan, eine deutsche Übersetzung der knappen Zeilen folgte erst am Mittwoch.

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Anleitung: Wie man der Gesichtsmarkierung entgeht
Da hatten etliche Facebook-Nutzer längst reagiert, schimpften auf die Informationspolitik des Unternehmens und erklärten, wie man es verhindern kann, für eine Markierung auf einem Foto vorgeschlagen zu werden. "Wieder einmal scheint es, dass Facebook die Online-Privatsphäre seiner Nutzer heimlich untergraben hat", schrieb Analyst Graham Cluley im Unternehmensblog der Sicherheitsfirma Sophos am Mittwoch. Marc Rotenberg, Präsident der gemeinnützigen Interessengruppe Electronic Privacy, kritisierte, dass Facebook-Mitglieder nicht die Möglichkeit hätten, selbst zu entscheiden, ob sie den neuen Service nutzen wollten oder nicht.

Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sagte am Mittwoch auf Anfrage, dass er auf datenschutzfreundliche Voreinstellungen gehofft hatte. "So, wie das System geregelt ist, ist das für den Nutzer intransparent", sagte Caspar. "Mit dieser Technik wird eine neue Ebene betreten - wo endet das? Werden demnächst auch Freunde von Freunden miteinbezogen? Da gibt es keine verlässlichen Regelungen."

Automatische Gesichtserkennung ist inzwischen technisch einfach, wegen möglicher Folgen für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte aber umstritten. Datenschützer warnen immer wieder vor Programmen, die auch Unbekannte identifizieren können. Der Internetkonzern Google Chart zeigen hat eine automatische Gesichtserkennungs-Technologie für Android-Handys entwickelt, hält sie aber wegen Datenschutz-Bedenken zurück - mit Google Goggles lassen sich nur Gegenstände und Bauwerke automatisch erkennen.

Die Google-Bildbearbeitungssoftware Picasa erkennt hingegen Gesichter. Auch Apple Chart zeigen bietet in dem Programm iPhoto eine solche Funktion an. Bei iPhoto können Nutzer allerdings vorab entscheiden, ob sie diesen Service nutzen wollen oder nicht. Beide Dienste erlauben es auch, Fotos im Netz zu veröffentlichen - bei Apple funktioniert das allerdings nur, wenn man zahlender Kunde des Online-Datendienstes Mobile Me ist.

Facebook hat sich mittlerweile entschuldigt: "Wir hätten es den Menschen deutlicher machen sollen, dass ihnen die Funktion jetzt zur Verfügung steht", teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.

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1. Warum man die Facebook-Gesichtserkennung nicht ausschalten kann
2cv 08.06.2011
Zitat von http://danielbroeckerhoff.de/2011/06/08/warum-man-die-facebook-gesichtserkennung-nicht-ausschalten-kann/ Warum man die Facebook-Gesichtserkennung nicht ausschalten kann Die Nachricht, dass Facebook seine Gesichtserkennung in Deutschland live geschaltet hat sorgt derzeit für viel Aufregung on- und offline. Oft wird dabei auf Tutorials verwiesen, die erklären, wie sich die Gesichtserscannung deaktivieren lässt. Dabei wird jedoch nicht erwähnt, dass das schon rein technisch gar nicht möglich ist. Kollege Markus “@videopunk” Hündgen bringt es auf den Punkt: 1. Die Facebook-Gesichtserkennung lässt sich nicht abschalten. 2. Im Nutzerprofil abschalten lässt sich nur die Vorschlagsfunktion. 3. Die Gesichtserkennung läuft trotzdem bei Facebook und verknüpft somit bestehende Daten verschiedener Profile. 4. Wer die Gesichtserkennung abschalten will, muss sein Facebook-Profil löschen. Die Erklärung: Um zu wissen, ob jemand auf einem Foto ist, der vorgeschlagen werden möchte (oder eben nicht vorgeschlagen möchte), MUSS Facebook alle Fotos scannen. Erst dann weiß das System, ob die Person ihre Zustimmung gegeben hat oder nicht und macht entweder den Vorschlag oder lässt es sein. Ergo: Facebook scannt ab sofort ALLE hochgeladenen Fotos. Und das kann NICHT ausgeschaltet werden. Ob sich das Unternehmen tatsächlich merkt, wer auf welchen Fotos ist und wer daher mit wem enger befreundet oder verbandelt ist, wie Markus in Punkt 3. meint, ist derzeit noch Spekulation. Aber Facebook wäre nicht Facebook, wenn die Daten nicht irgendwie zumindest gespeichert werden würden.
2. Alberne Hysterie wegen Selbstverständlichkeiten
drkloebner 08.06.2011
Was ist das nur für eine alberne Hysterie, wenn moderne Data Mining Verfahren in absolut harmlosen Internetspielereien benutzt werden? Wieso regt sich keiner über den Bundestrojaner auf? Oder darüber, dass zur Zeit wieder GEZ-Drückerkolonnen übers Land ziehen? Mein Tip: Wer sich in naher Zukunft nicht damit abfindet, dass er in Videoüberwachungsanlagen automatisch identifiziert wird, soll sich am besten einfrieren lassen und erst nach dem dritten Weltkrieg wieder auftauen lassen. Die Technik ist nämlich verfügbar. Sollen wir warten, bis - oh wundersamer Zauber - öffentliche Stellen als alleinige Benutzer drüber verfügen? Je selbstverständlicher solche Technologien eingesetzt werden, desto weniger Chance gibt es zum Missbrauch.
3.
Ollie_ 08.06.2011
Jaja, empört euch mal schön. Etwas anderes können diese Datenschützer eh nicht. Mittlerweile ist das Netz voll von der Anleitung, wie man diese Gesichtserkennung sperrt.
4. Niemand wird gezwungen
mactor 08.06.2011
einen Account bei Facebook zu haben. Niemand muss da auch Fotos hinterlegen... Ich behaupte mal das dieses ganze Social-Web/Twitter Thema völlig überbewertet wird. Das ist meines bescheidener Meinung nach was für Personen die eindeutig zu viel Zeit haben...
5. Weshalb die Aufregung
diefreiheitdermeinung 08.06.2011
schliesslich kann man die Sache abstellen - dumm ist nur, dass hunderttausende von Benutzern sich entweder nicht die Muehe machen ihre Privatisierungseinstellungen anzusehen und anzupassen oder ganz furchtbar naiv sind. Dem ist nur begrenzt durch Aufklaerung abzuhelfen. Die Furcht der Deutschen vor Identifizierung bemerkte ich schon vor einem Jahrzehnt als ich nach DE zurueckkehrte und feststellte, dass alle jene, die einem Gerichtsverfahren unterzogen waren nur mit verpixelten Gesichter erschienen. Nur bei Ackermann z.B. - da wurde voll draufgehalten aber die Kleinkriminellen, denen laesst man eine voellig ueberzogene Privatsphaerenregelung angedeihen. Bald wird man es mit jeder anderen Person machen, die auf einem Fernsehbild oder Photo zu erkennen - selbst dann wenn sie gerade eine Bank ausraubt oder einen Polizisten oder einen U-Bahnfahrer angreift oder umbringt. Und dann kann man eigentlich Dokumentarfernsehen und Nachrichtensendungen einstellen. Und bitte keine Zivilcourage verlangen! Also die Furcht der Deutschen vor der Personenerkennung ist wiederum nur ein Mosaikstein einer inzwischen fast voellig paranoiden Gesellschaft. Wo eigentlich bleibt das Selbstvertrauen oder auch das Vertrauen in eine Justiz, die den Auswuechsen Herr wird ? Oder glauben wir in einer angeblichen Demokratie auch schon daran nicht mehr ? Die Datenschutzbeauftragten mit ihrem erhobenen Zeigefinger anscheinend auch nicht. Jene sollten sich vielleicht mal etwas mehr um die Folgen von hacking, Identitaetsraubm das Auspluendern von Bankkonten und aehnlichen wirklichen kriminellen Machenschaften kuemmern statt z.B. den Hackern auch noch dadurch zu helfen indem deren Privatsphaere (und Photo?) zu einem kleinen Heiligtum erklaert wird.
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Soziale Netzwerke
Facebook
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Fotostrecke
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