Start-up meldet Bedrohungen Achtung, Gefahr!

Unfälle, Anschläge, Gewalt - eine Berliner Firma will Menschen rechtzeitig vor Gefahren warnen. Die Idee: Fast alles ist vorhersehbar, denn Daten gibt es genug.

So will Ava uns sagen, dass "alles gut" ist.
Ava

So will Ava uns sagen, dass "alles gut" ist.


Ein Abend im Jahr 2014, vor einem Klub in Austin, Texas. Die Menschen sind in Feierlaune, hier findet eine Party im Rahmen des Tech-Festivals South by Southwest statt. Doch während sich die Klubbesucher den Tag über mit den neuesten Technologien beschäftigt haben, lässt sie die Technologie an diesem Abend im Stich.

Sie ahnen nicht, dass sich einige Kilometer weiter gerade ein Unglück zusammenbraut. Ein junger Mann durchbricht mit seinem Auto eine Polizeikontrolle, es entwickelt sich eine Verfolgungsjagd durch die Stadt. Einige Minuten später rast der Mann in die Menschenmenge vor dem Klub, vier Besucher sind sofort tot, mehr als 20 verletzt.

Aleksandar Stojanovic ist ganz in der Nähe, er hätte ebenso gut in der Menge stehen können. "Die Menschen waren völlig unvorbereitet, sie hatten keine Chance", sagt der 40-jährige Unternehmer heute. Wie auch? Sie hätten schon eine Art siebten Sinn gebraucht, um die Gefahr zu spüren. Genau das ist heute mithilfe von moderner Technik möglich, sagt Stojanovic: "Das muss doch nicht sein, alle Daten waren da."

In den USA sei es sogar erlaubt, den Polizeifunk abzuhören, zudem habe jedes Polizeiauto Telemetrie, der Standort werde also permanent übertragen. Es hätte nur jemand diese wenigen Daten zusammentragen und die Menschen warnen müssen, dass sich eine Gefahr in ihre Richtung bewegt. Stojanovic ist überzeugt: Das wäre einfach gewesen, gerade an diesem Tag, an diesem Ort mit der unvorstellbar hohen Dichte an Smartphones in der Stadt.

Zusammen mit seinem heutigen Mitgründer Sascha Knopp hatte er schon länger über eine geeignete Start-up-Idee nachgedacht - "da war es irgendwie klar: wir können etwas Gutes für die Gesellschaft tun." Also gründeten sie Ava und werben seither mit dem Spruch "Deep data for a safe world" - "für eine sichere Welt". Sie nahmen sich vor: Den nächsten Anschlag würde ihr System "spüren", noch bevor die Polizei ihn verifizieren kann.

In London hätte es funktioniert

Warnung durch Ava
Ava

Warnung durch Ava

Im März 2017 ist es schließlich so weit: Das System läuft noch im Probebetrieb, London ist eine der Städte, die sie dafür ausgewählt haben. Entwicklerteams in Berlin und im serbischen Novi Sad haben unzählige Daten eingepflegt - aus sozialen Medien, von Behörden, von Newsseiten im Netz -, als die Computer auf einmal einen Anschlag melden.

Ein Attentäter war in eine Menschenmenge auf der Westminster-Brücke gefahren, vier Menschen starben, kurz darauf erschoss er einen Polizisten, bevor er selbst erschossen wurde. "Wir wussten von dem Anschlag in London bereits drei Minuten vor der Polizei", sagt Stojanovic heute. Womöglich hat das die Stadt London überzeugt, die heute Kunde des Start-ups ist, ebenso wie neun Dax-Unternehmen aus dem Bereich Mobilität, Tourismus und Sicherheit, die teils nicht genannt werden wollen.

Avas gefahrensensibles System lernt aus allen denkbaren Daten, die öffentlich verfügbar sind: Statistiken der Weltgesundheitsbehörde und der Vereinten Nationen, Zeitungsartikel und Nachrichten, die von einem selbst entwickelten Machine-Learning-System verifiziert werden sollen, Bilder von Webcams, öffentliche Polizeiberichte - "Und Töne!", ruft Stojanovic: Audiodaten gelten als besonders wertvoll, zumal Menschen weniger Angst vor Mikrofonen haben als vor Kameras, und häufig brauche man gar kein Bild: "Die Stadt Barcelona hat ihre Laternenmasten mit Mikrofonen ausgerüstet", sagt Stojanovic. Daraus könne man beispielsweise Schüsse erkennen, "und anhand der Wellenform sogar die genaue Waffe."

Kein Interesse an Nutzerüberwachung

Ergänzt werden die öffentlich zugänglichen Daten durch Daten ihrer Kunden, beispielsweise Porsche oder das Sicherheitsunternehmen GEOS. Die Erkenntnisse könnten zum Beispiel in Echtzeit in Navigationssoftware einfließen, sagt Stojanovic: "Navis weisen uns den kürzesten oder den schnellsten Weg, aber nicht den sichersten." Und dank der Daten aus der Vergangenheit können Prognosen erstellt werden, ähnlich wie es beim Predictive Policing geschieht. So mag ein Viertel, in dem in der Vergangenheit öfter eingebrochen wurde oder in dem Autos gestohlen wurden, kein guter Parkplatz für einen noblen Porsche sein.

Während die Gründer anfangs an eine eigene App dachten, verstehen sie sich inzwischen als Dienstleister, der die Grundlage einer solchen Anwendung liefert. Ihre Kunden können so eigene Anwendungen entwickeln, "die Daten werden dann lokal auf den Endgeräten verarbeitet", betont Stojanovic. Wer sich wovor fürchtet oder wo sich der Nutzer gerade bewegt, davon will Ava schon aus Datenschutzgründen nichts wissen.

Warnungen abhängig vom Nutzer

Aber wäre ein Fehlalarm nicht fatal, würde er Menschen nicht in Panik versetzen, so wie zuletzt beim falschen Raketenalarm auf Hawaii? "Unsere Algorithmen sind sehr gut darin, Falschmeldungen zu erkennen", sagt Stojanovic. Jede Quelle werde mit einem Trustscore versehen, einer Punktzahl, die ihre Vertrauenswürdigkeit angibt. Immun sei das System natürlich trotzdem nicht gegen Fehleinschätzungen: "Deshalb sieben wir radikaler und prüfen im Zweifelsfall lieber mehrfach", so Stojanovic. Bestimmte Kategorien müssten zudem von Menschen freigegeben werden.

Das System könne sich zudem an Nutzer anpassen, da selbst Gefahren in unmittelbarer Nähe für verschiedene Menschen verschieden bedrohlich sind: So hätte man an Silvester beispielsweise am Kölner Hauptbahnhof Frauen warnen können, dort nicht auszusteigen. Die Erkenntnisse werden also kontextualisiert. "Für einen Polizisten ist eine Rockerversammlung gefährlich, für einen Rocker hingegen eine Polizeistation", sagt Knopp und grinst. Objektive Gefahren gibt es wenige.

Ava-Mitgründer Sascha Knopp
Ava

Ava-Mitgründer Sascha Knopp

"Wir wollten, dass die Gesellschaft von den zunehmend verfügbaren Sensoren profitiert, und nicht nur, dass Leute besser getrackt werden", sagt Knopp, "wir wollten einen positiven Nutzen schaffen, den jeder unterschreibt." Allerdings haben Forscher immer wieder gezeigt, dass Anonymität dahin ist, sobald man nur genügend Daten miteinander abgleicht.

Auch wenn keine einzelnen Personen getrackt werden: Wenn man die verwendeten Daten nach einer anderen Systematik auswertet, wäre es nicht möglich, eben doch einzelne Personen zu überwachen? "Das wäre eine Retro-Anwendung, wie es sie heute so oft gibt", sagt Stojanovic, "das Denken der Vergangenheit um moderne Technologie ergänzen, anstatt neu zu denken."

Aus Knopps Sicht käme es einem "unentschuldbaren Versäumnis" gleich, all die Daten nicht zu nutzen, die heutzutage verfügbar sind, wenn sie - wie im Falle eines Anschlags - Hunderte Menschenleben retten können. "Gute Entscheidungen sind ohne das Zusammenführen von Informationen nicht möglich." Während früher dafür Trommeln oder Rauchzeichen bis hin zu Alarmsirenen zum Einsatz kamen, seien es heute eben die Technologien unseres Zeitalters.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
altai 27.03.2018
1. Wir wussten 3 Minuten vor der Polizei
ist eine Behauptung. Mehr nicht.
hdudeck 27.03.2018
2. Wenn ein System erkennt, das in einem begrenzten
Gebiet der Notruf von vielen gleichzeitig gewaehlt wird, ist das System schneller, da bevor ein Dispatcher den Anruf entgegennimmt, analysiert und entsprechende Schritte einleitet hat das System schon lange erkannt, das sich eben in diesem Gebiet etwas groesseres Ereignet hat und kann entsprechend warnen . Kann man auch mit Hilfe von Meta Daten beweisen, da diese von unabhaengigen Zweitgeraeten (Cell Phone) erzeugt wurden.
grommeck 27.03.2018
3. Erst überall die privaten Daten klauen, dann wahrsagen und Kohle
abgreifen. Genau solche Drecksfirmen darf es nicht geben, genauso wenig wie die tolle Polizei die angeblich Verbrecher schon vorbeugend erkennt. Auch wenn sie mal unschuldig sind, aber shit happens. Schnüffler!
widower+2 27.03.2018
4. 3 Minuten vor der Polizei?
Toll! Geht es laut Artikel bei der Idee nicht eher darum, vor dem Anschlag zu warnen, bevor er passiert? Was ist der Nutzen, wenn ich von einem Anschlag eher weiß als die Polizei?
box-horn 27.03.2018
5. übertriebene Erwartungen
Nein - sie haben das Ereignis nicht vorhergesehen. Die statistische Zunahme an Ereignissen, die auf ein mögliches Ereignis hinweist, erlaubt keine sehr genaue Prognose des eintretenden Ereignisses. Unbenommen ist es möglich, aus den Daten herauszufiltern, DASS "etwas" passieren wird, jedenfalls, wenn das "etwas" vorher in den Daten Wellen schlägt, die hoch genug sind. Man kann es vielleicht auch räumlich grob eingrenzen. Aber niemand weiß, wie genau "es" beschaffen sein wird, und ob "es" überhaupt stattfindet. Es lassen sich mit wenig Phantasie genug Scenarien vorstellen, die wegen der scheinbaren Harmlosigkeit der Begleitumstände an und für sich keine aus dem allgemeinen Datenrauschen herausfilterbaren Wellen schlagen und darum auch nicht statistisch vorhersagbar sind. Hinzukommt die Schwierigkeit, den Schweregrad des Ereignisses für den einzelnen als mögliches Opfer betroffenen einzugrenzen. Daß etwa eine Gruppe von Menschen durch einen PKW oder LKW angefahren wird, weil der Fahrer plötzlich einen Schlaganfall hat und daher die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, oder ein Attentäter absichtlich in die Menge rast, macht im Ergebnis für den Einzelnen keinen Unterschied. Möglicherweise kann das Attentat einigermaßen genau vorhergesagt werden, wenn etwa der Attentäter schon vorher auffällig war, aber nicht genug, um ihn präventiv aus dem Verkehr zu ziehen. Der Schlaganfall ist aber durch nichts vorherzusehen. Denn wenn er das wäre, würde der Fahrer gehindert, die Fahrt anzutreten, und der Unfall würde sich nicht ereignen. Der praktische Nutzen dieser App für den Einzelnen wäre vermutlich gering.
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