Projekt Open Goldberg-Variationen: Musikaktivisten befreien Johann Sebastian Bach

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Die Pianistin Kimiko Ishizaka hat die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach eingespielt. Ihre Interpretation des berühmten Stücks gibt es kostenlos als Download im Internet. Sie verzichtet sogar komplett auf ihr Urheberrecht. Warum macht sie das?

Projekt Open Goldberg-Variationen: Musikaktivisten befreien Johann Sebastian Bach Fotos

Wer sich die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach digital ins Wohnzimmer oder auf die Kopfhörer holen mag, musste bisher dafür bezahlen: Die bekannte Interpretation von Glenn Gould zum Beispiel kostet bei Musicload oder im iTunes-Store knapp zehn Euro, eine einzelne Variation gibt es für rund einen Euro. Jetzt aber gibt es im Netz die Version einer anderen Künstlerin komplett umsonst, zum Anhören und als Download, und zwar ganz legal. Denn diese neue Version ist bereits bezahlt - für alle, für immer.

Zwar ist Bachs Werk aus dem 18. Jahrhundert nicht mehr urheberrechtlich geschützt, aber die Interpretation, das Spiel der unterschiedlichen Künstler schon. Und auch die Notensätze stehen unter urheberrechtlichem Schutz und dürfen zum Beispiel nicht ohne weiteres kopiert werden.

All das sollte das Projekt "Open Goldberg Variations" ändern. 20 Monate nahm sich eine Gruppe von Kunstschaffenden Zeit, um ein hochkarätiges Werk zu schaffen und dann auf ihr Urheberrecht zu verzichten. Das geht zum Beispiel, indem man es unter einer Creative Commons zero License (CC0 1.0) veröffentlicht.

In dieser Zeit sammelten sie zunächst Geld für ihre Idee: Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter warb das Projekt "Open Goldberg Variations" dafür, die "Goldbergs" zu "befreien" - und brauchte dafür 15.000 US-Dollar. Letztendlich fanden sich so viele spendable Mitbefreier, dass fast 10.000 Dollar mehr zusammenkamen.

"Rock'n'Roll, Bach style"

Danach konnte es losgehen: Mit Hilfe des Open-Source-Notensatzprogramm MuseScore entstand eine neue Edition, die jetzt jedem frei zur Verfügung steht, der einen Internetanschluss besitzt. Als Vorlage diente ein Nachdruck des handschriftlichen Originalmanuskripts. Auch die Experten-Begutachtung fand öffentlich im Netz statt.

Im Januar dann hat die Pianistin Kimiko Ishizaka die Variationen eingespielt, im Berliner Teldex Studio. Die Firma Bösendorfer sponserte einen Luxusflügel, das Ganze wurde von der Produzentin Anne-Marie Sylvestre professionell aufgenommen. "Jetzt haben wir eine Weltklasse-Pianistin, eine meisterhafte Produzentin, das feinste Klavier und das beste Studio in Deutschland", hieß es damals im Projektblog, "it's time to rock'n'roll, Bach style!"

Seit dem 28. Mai kann sich jeder auf Soundcloud oder auf der Projektseite das Ergebnis anhören - und kostenlos herunterladen, behalten, verändern, weiterverbreiten. Und das nicht nur im privatem Rahmen, sondern auch zu kommerziellen Zwecken.

Leiter des "Open Goldberg Projekts" ist der Ehemann der Pianistin, der Amerikaner und Wahl-Kölner Robert Douglass. Er ist ausgebildeter Hornist, aber seit zehn Jahren arbeitet er als Programmierer. "Diese Verbindung zwischen klassischer Musik und dem Internet hat mich immer interessiert", sagt er. "Ich hatte das Gefühl, dass die Musikindustrie immer hinterherhinkt, deshalb wollte ich einen neuen Weg aufzeigen."

"Kein Geld ausgeben und auch nichts Illegales tun"

In diesem Fall hieß das, dass die Aufnahme bezahlt wurde, die Spender werden mit CDs bedacht. Kimiko Ishizaka und Douglass aber bekommen nichts - jedenfalls kein Geld. "Klassische Musiker verdienen aber sowieso nicht hauptsächlich durch den CD-Verkauf", sagt er. Das Projekt sei eine gute Werbung für seine Frau; wem es gefalle, der komme vielleicht später einmal zu einem Konzert.

Viel Idealismus ist trotzdem nötig, um so ein Projekt zu stemmen. "Wir hoffen, dass das auch Menschen erreicht, die Bach bisher keine Chance gegeben haben. Denn jetzt müssen sie kein Geld dafür ausgeben und auch nichts Illegales tun, um sich die Musik anzuhören", sagt Douglass. Gleiches gelte für den neuen Notensatz: "Studenten oder Neugierige, die kein Geld für die Noten ausgeben möchten, kommen nun daran."

Dass jeder mit dem eingespielten Werk nun machen kann, was er mag, sehen Douglass und seine Frau gelassen. Sie rechnen damit, dass Techno-Beats darunter gemischt werden, und dass ihre Musik für Videos und Werbung genutzt wird. "Wir sind auch darauf gefasst, dass es in Warteschleifen von Telefonhotlines gespielt wird, oder dass sie uns eines Tages als Werk eines chinesischen Wunderkindes verkauft wird", sagt er und lacht. Das mache ihnen nichts aus. "Als Künstler will man im Herzen nichts mehr, als ein breites zu Publikum erreichen, mit schöner Musik und mit schöner Kunst", sagt Douglass. "Ich sage nicht, dass das Urheberrecht unwichtig ist. Aber das ganze Gerede von Diebstahl ist eine riesige Ablenkung, um eine veraltete Industrie weiter zu unterstützen."

Zwar könne das Projekt "Open Goldberg Variations" kein Konzept für alle Künstler sein. Aber immerhin ist es schon mal eine Idee, die eine sehr hohe inhaltliche Qualität plötzlich mit der vermeintlichen Kostenloskultur im Netz versöhnt. "Wir hoffen, dass andere Künstler unser Konzept kopieren und das auch mal machen", sagt Douglass. Sie selbst jedenfalls überlegen schon jetzt, nachzulegen. Als nächstes wollen sie "Das Wohltemperierte Klavier" in Angriff nehmen.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Kopieren NICHT verboten
borisHB 30.05.2012
Das Kopieren der Noten dieses Werkes ist nicht per se verboten. Wenn es sich nicht um eine bearbeitung, eine neue wissenschaftliche Ausgabe handelt und das Notenstichbild mindestens 50 Jahre alt ist, sind auch die Noten gemeinfrei. Das dürfte damit für viele der erhältlichen Ausgaben gelten. So etwas darf man als Autor übrigens durchaus wissen. genaus, dass es schon seit Jahren zig Interpreten gibt, die ihre Goldberg-Variationen als Audio unter CC-Lizenz ins Netz stellen. Das ist also alles mithin neu.
2. Lobenswert
ak-73 30.05.2012
Zitat von sysopDie Pianistin Kimiko Ishizaka hat die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach eingespielt. Unter einer Creative-Commons-Lizenz sind Noten und Musik jetzt offen für alle, können heruntergeladen, kopiert, verändert, verbreitet werden. Bachs Goldberg-Variationen unter Creative-Commons-Lizenz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,835817,00.html)
Und es gibt ja auch noch andere interessante Seiten wie musopen.org
3. Umsonstkultur
Arno Nühm 30.05.2012
Zitat von sysopUnter einer Creative-Commons-Lizenz sind Noten und Musik jetzt offen für alle, können heruntergeladen, kopiert, verändert, verbreitet werden.
Oh nein, wovon soll der arme Herr Bach als Urheber denn jetzt leben? "Umsonst" ist doch bloß ein anderes Wort für Kommunismus!
4. ....
retmar 30.05.2012
Warum nur ausgerechnet die Goldberg-Variationen? Es ist ein Jammer.
5. Danke, bitte fortsetzen!
chrimirk 30.05.2012
Zitat von sysopDie Pianistin Kimiko Ishizaka hat die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach eingespielt. Unter einer Creative-Commons-Lizenz sind Noten und Musik jetzt offen für alle, können heruntergeladen, kopiert, verändert, verbreitet werden. Bachs Goldberg-Variationen unter Creative-Commons-Lizenz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,835817,00.html)
Die Aufnahme ist klasse!
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