Milliardengeschäft mit Daten Auskunfteien bedrohen Existenzen

Das Geschäft digitaler Auskunfteien boomt in den USA. Milliarden Dollar werden damit umgesetzt, Daten über nichtsahnende Menschen zu verkaufen. Eine Seniorin aus Philadelphia landete wegen einer falschen Auskunft fast auf der Straße.

Rentnerin Stokes: "Das alles sollte nicht mal in meiner Akte stehen"
Yvelisse Pelotte

Rentnerin Stokes: "Das alles sollte nicht mal in meiner Akte stehen"

Von Alina Schulz


Helen Stokes hat noch immer mit den Tränen zu kämpfen, wenn sie davon erzählt, wie sie im vergangenen Jahr beinahe auf der Straße gelandet wäre.

Die 63-jährige Rentnerin hatte sich im Oktober vergangenen Jahres für eine Seniorenwohnung beworben, weil sie nach der Trennung von ihrem Ehemann die Rechnungen für ihr gemeinsames Haus nicht mehr bezahlen konnte.

Das Seniorenheim Greenway in Philadelphia lehnte sie aber ab. Der Grund: Stokes habe gelogen, als man sie nach ihrer kriminellen Vergangenheit gefragt hatte. Die Rentnerin gab an, keine Vorstrafen in ihrer Akte zu haben. Greenway behauptete das Gegenteil und verwies auf zwei Vorfälle aus den Jahren 2008 und 2010.

Online-Backgroundchecks sind die Regel

Wie das bei vielen Arbeitgebenr und Vermietern in den USA üblich ist, hatte der Betreiber des Seniorenheims eine Firma damit beauftragt, Stokes' Vergangenheit nach Vorstrafen zu durchforsten.

Die Firmen, die Backgroundchecks anbieten, in Stokes' Fall RealPage, Inc., bedienen sich offiziell an allen "öffentlich verfügbaren" Quellen. Geburtsdokumente, Scheidungspapiere, Gerichtsakten. Aber auch an allem, was im Internet über den Gesuchten zu finden ist.

"Firmen wie RealPage, Inc. finden in kürzester Zeit alles über dich heraus. Von deinem Gewicht über die Namen deiner Verwandten bis hin zu einer Liste deiner Wohnorte der letzten 20 Jahre", sagt Sarah Downey, die sich in einer Datenschutz-Firma lange für Opfer von Firmen wie RealPage eingesetzt hat. "Das Fatale ist, dass sie auch viele Fehler machen. Und das kostet Leute ihre Jobs. Oder ihre Wohnungen."

Im Oktober vergangenen Jahres informierte der Backgroundcheck-Anbieter den Vermieter der Seniorenwohnungen darüber, dass Helen Stokes 2008 wegen Körperverletzung und 2010 wegen Diebstahldelikten angezeigt worden sei.

RealPage, Inc. erwähnte jedoch nicht, dass beide Anzeigen aus Ehestreitigkeiten heraus entstanden und wenig später aus Mangel an Beweisen wieder fallengelassen worden waren. Seit März 2014 sind sie offiziell aus ihrer Akte gestrichen.

"Als ich die Begründung dafür hörte, dass ich nicht in meine neue Wohnung einziehen konnte, war ich fassungslos und sehr verletzt. Für die Anzeigen von damals bin ich nie verurteilt worden. Das alles sollte nicht mal in meiner Akte stehen." sagt Stokes.

Stuart Pratt, President der Consumer Data Industry Association, zu der auch RealPage gehört, möchte sich zu der fehlerhaften Auflistung wegen des bestehenden Rechtsstreits nicht äußern. Stattdessen beteuert er: "Unsere Mitglieder setzen alles daran, aus den Akten gelöschte Fälle nicht an unsere Kunden weiterzugeben. Es kann jedoch zu Verzögerungen in der Datenerfassung kommen, was dieses Anliegen erschwert."

Ein Gesetz soll den Umgang mit Daten regeln

Durch den sogenannten Fair Credit Reporting Act, ein US-Gesetz, das die Sammlung, Veröffentlichung und Nutzung privater Daten regelt, sind die Firmen dazu angehalten, die Herausgabe falscher Informationen zu verhindern. In Helen Stokes Fall bemühte sich darum anscheinend niemand.

Das Verwaltungsbüro des Zusammenschlusses der Gerichte AOPC im US-Bundesstaat Pennsylvania veröffentlicht jede Woche eine Liste von Vorstrafen und Anzeigen, die aus den Listen der Datenverkäufer gestrichen werden müssen.

"Alle Akten zu aktualisieren, ist natürlich sehr aufwendig. RealPage, Inc. war der Aufwand offensichtlich zu groß", sagt Stokes Anwältin Sharon Dietrich.

Durch das Versäumnis der Firma landete die 63-Jährige beinahe auf der Straße. Bis Ende September kann sie noch in ihrem alten Haus in Philadelphia wohnen bleiben, danach wird es zwangsversteigert. Mit der Unterstützung ihrer Anwältin Sharon Dietrich hofft sie nun darauf, dass der Backgroundcheck-Anbieter seinen Fehler richtigstellt.

Das Datengeschäft boomt

Helen Stokes ist kein Einzelfall. Laut einer im April 2014 veröffentlichten Studie des Marktforschungsinstitut IBISWorld steigen die Einnahmen der Backgroundcheck-Anbieter jährlich um 2,2 Prozent. Laut IBISWorld liegt ihr Umsatz derzeit bei rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr.

"Es ist ein klarer Trend erkennbar" sagt Jamie Gullen von der Anwaltskanzlei Community Legal Services of Philadelphia. "Immer mehr Klienten kommen zu uns, weil falsche Informationen über Drittanbieter an potenzielle Arbeitgeber weiterverkauft werden. Im Jahr 2000 hatten wir etwa 55 solcher Fälle im Jahr, heute sind es mehr als 800."

Auch Sarah Downey, die ihren Kunden lange dabei half, persönliche Informationen aus dem Netz zu löschen, hat am eigenen Leib erfahren, wie gefährlich es sein kann, wenn zu viele persönliche Informationen öffentlich verfügbar sind.

Lange Zeit verfolgte sie ein Stalker, mit Hilfe von Informationen aus der Datenbank der Backgroundcheck-Seite beenverified.com. "Als ich die Betreiber der Seite darum bat, meinen Namen aus ihrer Datenbank zu löschen, hielt das lediglich für einen Monat. Danach waren die Informationen wieder für jeden zugänglich. Ich konnte es nicht glauben."

Absichtlich umständliche Löschprozesse

Downey sieht ein Hauptproblem in dem komplizierten Löschprozess der Informationen auf den Seiten. Viele Firmen gestalten ihre Websites absichtlich kompliziert. Oft wird keine Austrittsfunktion angeboten, stundenlange Telefonate mit den Mitarbeitern und missverständliche E-Mails sind die Folge.

"Auch die veraltete Gesetzgebung ist ein Problem" sagt Downey. "Das Gesetz zur öffentlichen Verfügbarkeit von persönlichen Informationen stammt aus der Zeit vor dem Internet." Damals habe man sich vor Gericht ausweisen und eine Gebühr für die gewünschten Dokumente zahlen müssen. "Heute kann jeder innerhalb von Minuten den Laptop aufklappen und alles über den Gesuchten erfahren. Unsere Online-Generation ist dadurch nicht mehr geschützt", so Downey.

Helen Stokes geht nicht davon aus, dass sich die Vermieter der angefragten Seniorenwohnungen doch noch anders entscheiden. Bis September wird sie sich nun weiter um Wohnungen bewerben müssen.

"Mittlerweile ist es mir fast egal, wo ich unterkomme." sagt die Rentnerin resigniert. "Ich hoffe nur, dass ich ab September nicht obdachlos bin."

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 26.06.2015
1.
Ich Google von Zeit zu Zeit nach meinem Namen. Bisher habe ich alle möglichen Menschen gefunden, nur nichts über mich. Hoffentlich bleibt das so.
der_durden 26.06.2015
2. Das Thema gehört lautstark in die Öffentlichkeit
Bei uns sieht es doch ähnlich aus. Viele Menschen freuen sich hämisch, wenn absurder Weise gefordert wird, dass Google seine Such-Algorithmen offen legen solle. Dass der BGH 2014 Schufa und Co. gestärkt hat, in dem er entschieden hat, dass Auskunfteien in Deutschland ihren Algorithmus zum Errechnen des Scores nicht offenlegen müsse, hat keinen interessiert und das obwohl hier die Schufa und Co. darüber entscheidet, ob ein Mensch noch vernünftig am Leben in Deutschland teilhaben kann oder nicht. Ganz im Gegensatz zu Google. Ohne Schufa-Auskunft bekommt man in Deutschland so gut wie nichts, was mit monatlichen Verpflichtungen einhergeht - nicht mal eine Wohnung. Auch die Schufa und Co. machen das Ändern von Daten umständlich. Fehler gibt es in den Daten zu Hauf. Sie mussten per Gesetz dazu verpflichtet werden, dass Menschen ihre eigenen Daten kostenfrei einsehen dürfen - was für eine Frechheit, es geht um die EIGENEN Daten, nicht die der Schufa! Dann das intransparente Scroring. Sogar Soziodemografie im geografischen Kontext fließen häufig ein. So kann auch mal der persönliche Wert sinken, nur weil man in der "falschen" Gegend wohnt. Zumindest die Schufa verneint dieses Vorgehen, aber ihre Berechnungen hält sie geheim.
lagartixa 26.06.2015
3. Soviel
zum Thema: "Wer nichts zu verbergen hat..."
archback 26.06.2015
4.
Dieser Artikel ist eine Antwort auf den Spruch: "Ich habe nichts zu verbergen."
liany 26.06.2015
5. Denglisch
Ist es echt so schwer Wörter wie "Backgroundcheck" ins Deutsche zu übersetzen?
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