Belauschte Komik "Papi wollte eh nie mit nach Rimini"

Lustige oder skurrile Dialoge in der U-Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße - einmal mitgehört, landen sie im Internet auf der Seite belauscht.de. Nach drei Jahren gibt es jetzt ausreichend belauschte Unterhaltungen für ein Buch. SPIEGEL ONLINE hat ein paar Perlen ausgewählt.

AP

Von Mira Constanze Chopra


In einer S-Bahn in München: Mutter und Sohn sitzen einer etwas übergewichtigen Dame gegenüber. Der Sohn, deutlich hörbar, zur Mutter: "Gell Mami, über die dicke Frau reden wir erst, wenn wir zu Hause sind?"

Vielen Menschen in Deutschland gelingt täglich ein Stückchen Comedy - manchmal ungewollt, manchmal mit Absicht.

"In Köln auf dem Marktplatz. Ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene braust vorbei. Neben mir ein händchenhaltendes Liebespaar, das auch die Straße überqueren will. Sie zu ihm, mit einem Kopfnicken auf den Krankenwagen weisend: 'Horch Schatz, sie spielen unser Lied!'"

Komische Situationen und Gespräche kommen täglich zustande: im Bus, beim Arzt, auf der Straße oder bei der Arbeit. An solchen Orten mitgehörte Dialoge werden seit einigen Jahren auf der Internetseite belauscht.de veröffentlicht.

Etwa der Dialog einer vierköpfigen Familie auf dem Weg in den Urlaub, die in der Bahn belauscht wurde: "Die Bahn fährt an. Vater (stöhnend): 'Mist, ich hab vergessen zu stempeln.' Tochter (ca. neun, laut fragend zur Mutter): 'Fährt Papa jetzt schwarz? Ist das nicht illegal?' Vater: 'Ich renn' an der nächsten Haltestelle raus und stempel.' Die U-Bahn kommt zum Stehen. Der Vater rennt raus, Türen gehen zu und die Fahrt geht ohne Papa weiter. Daraufhin die etwas ältere Tochter ganz nüchtern: 'Papi wollte eh nie mit nach Rimini.'" (Mehr Beispiele finden Sie in der Bilderstrecke oben).

Angefangen hat alles in New York

Die ursprüngliche Idee eines Portals für Mithörer kommt aus New York. Dort läuft seit Jahren erfolgreich die Seite " Overheard in New York", die 2003 von dem New Yorker Morgan Friedman gegründet wurde. In Deutschland kamen 2006 vier Studenten aus Augsburg, die eine WG teilten, auf die Idee, eine ähnliche Plattform in Deutschland zu gründen. "Freunde von uns aus Finnland hatten so eine Seite schon entworfen und uns den Anstoß gegeben, so was auch für den deutschsprachigen Raum aufzubauen", sagt Nico Degenkolb, Mitbegründer von belauscht.de im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Inzwischen gibt es Overheard-Seiten auf der ganzen Welt. Ob in Nairobi, Dublin oder Sydney: Überall wird Gehörtes zusammengetragen. Man lacht weltweit jedoch nicht über die dieselben "Belauschnisse", wie Degenkolb und seine Mitstreiter das nennen. "Vor Jahren hatten wir einmal eine Spruchtauschaktion mit Finnland. Da der Humor aber international verschieden zu sein scheint, haben wir das eingestellt. Die Finnen fanden schlicht unsere Sachen nicht lustig und umgekehrt", sagt Degenkolb. Lauschseiten eigneten sich seiner Meinung nach auch durchaus zur internationalen Humoranalyse. Bei overheardinnewyork.com werde viel über Sex, Klassenunterschiede und Rassenkonflikte gelacht und gepostet, die Skandinavier lachten über äußerst skurrile Dialoge, die zwangsläufig nur Muttersprachlern verständlich sind. Im deutschsprachigen Raum amüsiere man sich eher über Missgeschicke und die Dummheit anderer. Aber auch Lautsprecherdurchsagen und Sprüche von Kindern stünden hoch im Kurs.

Einige Geschichten sind schon Mythen

Täglich erhalten die Macher von belauscht.de zehn bis zwanzig Einsendungen, wovon jedoch einige aussortiert werden müssten: "Es ist lustig, aber es gibt Geschichten, die immer wieder eingesandt werden, nur von anderen Orten. Das sind dann meist urban myths", sagt Degenkolb. Natürlich können die Erlebnisse in der Regel nicht überprüft werden, es meldeten sich aber manchmal auch Menschen, die bei bereits eingereichten Geschichten dabei waren und das Geschehene bestätigen könnten.

Seit der Gründung von belauscht.de haben sich unzählige mitgehörte Geschichten angesammelt. Grund genug für die vier ehemaligen Kommilitonen, die besten Einsendungen in einem Buch zusammenzufassen. "Wir haben uns gemeinsam in die Berge zurückgezogen und mit viel Spaß über fünfhundert der besten Belauschnisse zusammengestellt", sagt Degenkolb.

Herausgekommen ist ein Buch, das im Titel die Frage einer Kundin im Supermarkt trägt. Die Dame trat an eine Fleischfachverkäuferin heran und fragte, ganz pragmatisch: "Entschuldigung, sind Sie die Wurst?".

Das Buch "Entschuldigung, sind Sie die Wurst? Deutschland im O-Ton" ist im Heyne Verlag erschienen und kostet 8,95 Euro.

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