#berlinattack 24 Stunden im deutschen Internet

Erbärmliche Reflexe, herzzerreißendes Mitgefühl, trotzige Selbstvergewisserung: Beobachtungen aus den sozialen Netzwerken nach dem Anschlag in Berlin.

Smartphone-Nutzer vor dem Brandenburger Tor
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Smartphone-Nutzer vor dem Brandenburger Tor

Eine Kolumne von


Im Stahlgetwitter, 24 Stunden im deutschen Internet. Es ist immer zuerst Twitter, als dezentraler Privat-Nachrichtenticker und Privatnachrichten-Ticker, wo das Echo großer Geschehnisse auf die Öffentlichkeit kracht. Es reicht ein Stichwort und die Aufmerksamkeit des Publikums: Zwei Hashtags entstehen in Minuten, #breitscheidplatz und #berlinattack.

Die Erstreaktionen sind fast ein Grund zur Welthoffnung, weil sie so mitfühlend, so nah, so ehrlich schmerzerfüllt sind. Eine Viertelstunde lang. Dann wird die traurige Erschütterung auf Twitter ergänzt durch Wut auf die Mörder, und schon heißt die Crowd-Diagnose: Islamisten. Ein Weihnachtsmarkt als christliches Symbol, ein Lkw wie in Nizza, müssen Islamisten sein.

Auf Facebook meldet der "Safety Check" am Montagabend einen "Vorfall auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin", in einer unklaren Lage zunächst schon mit "Anschlag in Berlin" betitelt. Mit der Funktion für Katastrophenfälle kann man sich gegenseitig versichern, nicht betroffen zu sein. Das ist wie vieles bei Facebook zugleich hilfreich und eklig; hilfreich, weil es tatsächlich Sorgen lindern kann. Eklig, weil es eine Umkehr der Kommunikationslast bedeutet: Nicht die Betroffenen melden sich, sondern die Nicht-Betroffenen, also fast alle, das ergibt natürlich viel mehr Aufmerksamkeitsgetöse. Auf diese Weise kann man sich gerade durch seine Nicht-Betroffenheit irgendwie doch mitbetroffen fühlen.

Jemand schreibt verklausulierte Sätze, die im Klartext bedeuten: "Hoffentlich war es kein Flüchtling." Die Reaktionen lassen erkennen, dass er nicht allein ist mit dieser Hoffnung. Auch darin liegt eine merkwürdige Vorschnelle und ein wenig Egoismus: Hoffentlich erleidet mein Weltbild keinen Schaden. Und Hilflosigkeit, also das Gefühl, das Trauer und Wut verbindet. Solche Geschehnisse sind in sozialen Medien für alle politischen Lager Gelegenheiten, sich zu positionieren und sich zu vergewissern. Dafür braucht man keine Fakten, es reichen Symbole.

Gibt es eigentlich ein wehleidigeres Gequieke als die hilfsironische Formel "Danke, Merkel!", mit der Rechte und Rechtsextreme Angela Merkel die Schuld an wirklich allem zuschieben?

Das Timing ist die Botschaft

Ähnlich erbärmlich ist der Reflex, einem möglichen islamistischen Anschlag sofort rechtsextreme Anschläge gegenüberzustellen oder ihn durch amerikanische Invasionen oder irgendwas mit Israel zu relativieren. Rechtsextreme Gewalt ist ein riesiges Problem in Deutschland. Aber in sozialen Medien ist das Timing die Botschaft.

Auf subtilere Weise bekloppt: irgendeine quatschige Statistik nennen. Dass es viel wahrscheinlicher sei, beim Verzehr einer Essiggurke zu sterben als bei einem terroristischen Anschlag. Ja, danke, das wird den Angehörigen allergrößten Trost spenden. Solche quatschigen Statistikvergleiche taugen als pseudorationales Argument gegen die Emotionalität bei Anschlägen so viel wie das Foto eines Wagenhebers beim Reifenwechsel.

Seehofer merkelt mit und fordert via CSU-Twitter-Account, die Flüchtlingspolitik zu überdenken, noch bevor irgendetwas oder irgendjemand klar ist. Seehofer ist offenbar auch ein Gefühlsmedium, 2016 war "postfaktisch" Unwort des Jahres, 2017 wird es "präfaktisch", und manchmal ist beides bloß ein anderes Wort für populistische Bauchmeinung. Der Herausgeber der "Welt" tanzt auf Twitter leichtfüßig nicht den Mussolini, sondern den Gauland: "Warum wird ein Pakistani am 16. Februar 2016 in Deutschland als Flüchtling aufgenommen? Werden Muslime dort verfolgt?"

"War ja klar, die Muslime sind schuld!"

Eine merkwürdige Entwicklung: Bei nicht wenigen Äußerungen ist kaum zu erkennen, ob sie ironisch gemeint sind: "War ja klar, die Muslime sind schuld!" Sarkasmus oder Vorurteil? Solche Sätze sind sowohl auf rechten Seiten wie auch von Muslimen zu lesen. Wieder ein Hinweis darauf, dass in sozialen Medien der Kontext, das Timing, der Absender so essenziell sind.

Marcus Pretzell, AfD-Funktionär und Lebensgefährte von Frauke Petry, verfolgt eine neue, erkennbar von Trump inspirierte Twitter-Strategie: In emotionalen Situationen sollen "sorgfältig geplante Provokationen" der AfD andere Parteien und Medien zu heftigen Reaktionen verleiten. Das würde von der eigenen Klientel als Stigmatisierung gesehen, die wiederum das Profil der AfD schärfe. Das Papier hinter dieser Strategie wurde am Montag, den 19. Dezember, verabschiedet. Die Erstanwendung erfolgt noch am Abend: "Es sind Merkels Tote!" Sie funktioniert glänzend.

Am Horizont das größte Problem politischer Kommunikation im Wahljahr 2017: Die rechte und rechtsextreme Gegenöffentlichkeit hat Empörungsjudo gelernt und verwandelt Kraft und Lautstärke des Gegners in eigene politische Energie.

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Anschlag in Berlin: So reagiert Deutschland

Eine deutschsprachige Facebook-Seite, die vorgibt, gegen Muslimfeindlichkeit zu kämpfen, raunt schon mal vorsorglich Verschwörungstheorien in die Welt - zur Erklärung bisher ungeschehener Dinge: "…Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir je die ganze Wahrheit erfahren werden, denn der mutmaßliche Täter wird, wie in den meisten Fällen dieser Art, für immer zum Schweigen gebracht." Predictive Fake News, fast ein eigenes literarisches Genre. Um so wirksamer und wohltuender ist da die große Zahl der Muslime, die sich gegen Terrorismus aussprechen.

Ein Mann, der als Herkunft "Freiburg" angegeben hat, schreibt in zwölf Zeilen auf Facebook: "Passt mal auf, ihr Radikal-Spinner: Das hier ist Berlin. WIR sind Berlin." Dann ein paar witzig formulierte Gemeinplätze über Berlin sowie der Abschluss: "Angst vor euch?! Dream on, Pussies! Ihr könnt uns mal!" Es wird einige Zehntausende Male geteilt und geliket. Vermutlich, weil man sich nicht nur in Freiburg Berlin so herrlich-herzlich trotzig-rotzig vorstellt. Die im Posting vorgeturnte Haltung sagt mehr über die Gründe, warum Freiburger nach Berlin ziehen als über Berlin, aber es ist eine schöne, warmherzige Geste. Denn sie verbindet zwei Botschaften: Berlin ist, wer nach Berlin zieht. Und: Wir haben keine Angst.

Keine Angst! Sagen viele, aber es hört sich in der Masse an wie ein tausendstimmiger Chor der Waldpfeifer. Was wäre schlechter: Keine Angst vorzutäuschen, obwohl man Angst hat - oder zuzugeben, dass man vielleicht ein wenig doch auch getroffen sein könnte?

Steilvorlage für Rechtsextreme

Aus der einfachen Steilvorlage für Rechtsextreme - die bürgerkriegsähnliche Zustände geradezu herbeisehnen - macht Innenminister Klaus Bouillon eine doppelte: Zuerst spricht er von einem "Kriegszustand", dann rudert er zurück. Das Wort "Krieg" werde er nicht mehr benutzen. Sein Sinneswandel wirkt dabei nicht als sinnvolle Korrektur einer Überzogenheit in der Hitze des Moments, sondern wie auf Druck zustande gekommen. Die gesamte Aktion befeuert den Eindruck, dass man irgendwas "nicht mehr sagen darf". Bouillon (CDU) hätte sich auch gleich "Danke, Merkel!" auf den Oberarm tätowieren lassen können.

Die Polizei, das ist durchaus überraschend, gehört zu denjenigen Institutionen des Landes, die soziale Medien und vor allem Twitter am sinnvollsten und cleversten verwenden. Das war schon beim Amokanschlag in München so, beim Anschlag in Berlin ist es wieder so. Abends twittert die Berliner Polizei, dass die Öffentlichkeitsarbeit jetzt zentral von der Bundesanwaltschaft gesteuert werde und deshalb vorerst keine weiteren Tweets kommen. Finden alle schade; hier kollidieren amtliche Zuständigkeiten mit dem öffentlichen Wunsch nach verlässlicher Information.

Am Abend des 20. Dezember, 24 Stunden nach dem Anschlag, weiß die Öffentlichkeit noch nichts über Hintergründe oder Motive. Aber die ohnehin nächstliegende Vermutung hat sich längst festgetreten, auf allen Seiten, auch dank des Zusammenspiels sozialer und redaktioneller Medien. Vielleicht ist in allen Reaktionen viel, viel mehr Weltbewältigung im Spiel, als irgendjemand sich eingestehen mag.

Das Brandenburger Tor wird angestrahlt, mit der Berliner Flagge, in Rot-Weiß-Rot. Der Bär in der Mitte ist nicht gleich zu erkennen, jemand fragt: Wieso denn die polnische Fahne jetzt? Wegen des Fahrers oder was?

Am Abend eine Wendung, was den ex-verdächtigen Pakistaner angeht: "Wir haben den falschen Mann", wird die Berliner Polizei zitiert. Man kann diese Neuigkeit auf unterschiedliche Weise verbreiten. In einem "Bild"-Bericht wird im Verlauf des Textes erklärt, dass der zunächst festgenommene Mann unschuldig ist. Die Schlagzeile im Vorschaukasten auf Twitter und Facebook lautet aber: "Verdächtiger nach Weihnachtsmarkt-Anschlag freigelassen". Hat das schon Fake-News-Qualität?

Der Titel der "Bild"-Zeitung des nächsten Tages wird getwittert. In riesigen Lettern steht dort "ANGST!". Man kann es als Aufforderung lesen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 21.12.2016
1. Angst ist ein Gefühl
Und Gefühle hat man oder hat sie nicht. Wie man handelt, sollte aber rationalen Erwägungen folgen und nicht einfach nur eine Reaktion auf Gefühle sein wie das Zappeln beim Hampelmann, wenn man an der Kordel zieht. Denn genau das wollen die. Diese Anschläge folgen knallharten rationalen Erwägungen: Angst, Wut und Hass auf Moslems sollen den Moslems klarmachen, dass alle gegen sie sind und sie kämpfen müssen. Wenn diese Krieger gewinnen, dann deshalb, weil sie rationaler sind als wir.
strahlenke 21.12.2016
2. genialer Spiegel
Dass manche sich gleich "danke, Merkel" in die Haut stechen lasen könnten, ist wohl die genialste unter den hervorragenden Soziale-Medien-Psychogrammen, die hier gespiegelt wurden. Ja, irgendwie haben wir alle online eine kleine Macke.
ohnesorge 21.12.2016
3. Lobo zeigt eine große Auswahl der breite Sichtweise unterschiedlicher Menschen
Dabei ist es logisch, dass jeder von seiner Perspektive aus kommentiert. Die einen hitzig und vielleicht übereilt, andere ängstlich und besorgt, ihre eigenen Überzeugungen zu verteidigen. Wichtig ist diese ganze Bandbreite von Meinungen ist normal! Natürlich gibt es krasse Aussagen, die ich übertrieben finde, aber die Meinung anderer ist nicht falsch, wenn sie mit meiner nicht übereinstimmt und auch nicht per se schlecht, wenn jemand äußert, dass es eine Folge der Flüchtlingspolitik ist. In solch einer Situation darf jeder erst einmal fast alles sagen, dass dies heute nicht mehr im persönlichen Gespräch, sondern im Internet geschieht, ist ein anderes Thema und hier liegt eher das Problem.
tcdk 21.12.2016
4. Angst....
.... ist der Zins der neuen Währungen: Big Data und Big Emotions! Die Terror- und Populisten machen dann daraus den Zinseszins: Haß, Ausgrenzung, Abschottung und Sitze im Parlament oder in der Regierung. Diverse Medien stehen dabei als Verstärker hilfreich zur Seite, lässt sich doch vortrefflich die neue Währung so in solide Euros und Dollars verwandeln.
CharlieBrownXV 21.12.2016
5. ...
Zitat von zeichenketteUnd Gefühle hat man oder hat sie nicht. Wie man handelt, sollte aber rationalen Erwägungen folgen und nicht einfach nur eine Reaktion auf Gefühle sein wie das Zappeln beim Hampelmann, wenn man an der Kordel zieht. Denn genau das wollen die. Diese Anschläge folgen knallharten rationalen Erwägungen: Angst, Wut und Hass auf Moslems sollen den Moslems klarmachen, dass alle gegen sie sind und sie kämpfen müssen. Wenn diese Krieger gewinnen, dann deshalb, weil sie rationaler sind als wir.
So widerwärtig solche Anschläge sind, noch widerlicher ist die Instrumentalisierung für eigene Zwecke. Und diese reicht quer durch das politische Spektrum bis ganz rechts außen. Verschwiegen, vertuscht, geleugnet wird dabei, dass Deutschland für solche Perversionen weder in der ersten Hälfte der 40er noch 1977 und schon gar nicht in den 90ern, als geistig minderbelichteter Mob die ersten Wohnanlagen mit Ausländern anzündete, brauchte. Sie tun sich letztlich alle nichts, egal ob Linksradikale, Rechtsradikale, Salafisten oder andere Gotteskrieger, egal welcher Couleur. Sie sind nämlich alle Kinder des selben Geistes. Und der Geistvater heißt SCHISS. Stinkende, verschwitze Hosenscheißerpanik. Nur, DAS respektieren Radikale nicht. Im Gegenteil, sie genießen es bei anderen. Es ist das Einzige, dass sie haben um ihr Ego zu erhöhen.
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