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Berlusconi-Videos: Nein, so was macht der nicht

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Drei kleine Videos geistern durchs Netz der Netze, die den italienischen Premier Silvio Berlusconi in einem ungünstigeren Licht zeigen als je zuvor. Darf das wirklich wahr sein, was dieser Mann dort tut?

Wie so oft heutzutage war es die Blogger-Szene, die die Nachricht mit viel "Wow!" und "Boah!" um die Welt trug. Italiens Premier Berlusconi, so scheint es, hat sich bei einigen sehr seltsamen Tätigkeiten filmen lassen. Blog linkt auf Video, Bürosurfer mailt Link, irgendwer mailt weiter, Mail landet in einer Redaktion - und prompt hat man kurz vor Feierabend einen Kollegen an der Strippe: "Hast Du das gesehen?", fragt der leicht atemlos. "Kann man herausfinden, ob das echt ist?"

Falsches Berlusconi-Video bei Video-Google: "Wir haben die nicht veröffentlicht!"

Falsches Berlusconi-Video bei Video-Google: "Wir haben die nicht veröffentlicht!"

"Was" ist da die erste zu beantwortende "W-Frage" aus dem Lehrbuch der Recherche: Was genau soll da echt oder nicht echt sein?

Es geht um Folgendes: Seit einigen Tagen und zum Teil schon Wochen flimmern drei kleine Videos durchs Web, die scheinbar den italienischen Premier Berlusconi bei einigen höchst ungewöhnlichen, ja ungehörigen Beschäftigungen zeigen. Weil alle drei Filme die Erwartungen an das Benehmen eines Staatsmannes in gewisser Weise enttäuschen, reizen sie zum Lachen (nur so funktionieren ja gute Gags). Hier die drei Szenen in kurzer Schilderung.

Szene 1: Silvio Berlusconi steht mit dem Rücken zu einer großen Menschenmenge, möglicherweise in einer Wartehalle. Er vertreibt sich die Zeit mit ausgiebigem Popeln. Als ihn ein Nachbar ansieht, rollt er, was auch immer er da als Ausbeute aus seiner Nase geholt hat, schnell und heimlich zu einem Kügelchen. Wieder unbeobachtet sucht er nach einer Entsorgungsmöglichkeit und findet sie in seinem Gesicht, knapp unterhalb der Nase. Ein Schluck Espresso rundet die Zwischenmahlzeit ab.

Szene 2: Silvio Berlusconi auf offener Straße. Der Premier trägt einen Gesichtsausdruck, den die höflichen Briten mit "uneasy" beschreiben würden. Doch schnell folgt er prinzlichem Vorbild, was ihm offensichtlich Erleichterung bringt. Wie gut, dass es das Brandenburger Tor gibt.

Szene 3: Berlusconi trifft auf eine Politesse, allerdings nur von hinten. Weil die ihn gar nicht bemerkt, kann er zum Amüsement seiner Leibwächter ausgiebig und unflätig einen kleinen Koitus auf offener Straße simulieren.

Das, findet der Kollege am Telefon, wäre ja wohl "unterste Schublade", sprich: ein veritabler Skandal.

Des Rätsels Lösung

Obwohl mir einst eine frühe Chefredakteurin erklärt hatte, dass Recherche nur den kreativen Prozess behindert, schien hier die Prüfung der Fakten doch angeraten. So ein italienischer Premier hat schließlich Verbindungen, die einem den Arbeitsalltag zur Hölle machen könnten: Sämtliche Fürsten der Politik-Welt soll er kennen, von Washington über Berlin bis Sizilien. Heißt es.

Also auf zur nächsten "W"-Frage: Wo kommen die Dinger her? Von Google-Video, schreiben einige Blogs, von "MyTube" berichten andere. Zuerst, glaubt da einer, liefen die "über eine russische Webseite". Eines aber kommt mir bekannt vor: Das Popelvideo. Wo haben wir das gesehen in den letzten Monaten?

Dann macht es Klick. Berlin, Brandenburger Tor: Ein etwas seltsamer Berlusconi geistert durch die deutsche Hauptstadt. Macht komisches, weil Werbung für einen Film: Es ist Berlinale-Zeit.

Fünf Minuten später steht die Verbindung zu Jetfilm in Berlin, den Produzenten von "Bye bye Berlusconi", einer rotzfrechen Polit-Satire, die zur Berlinale für einige Aufregung sorgte.

"Ja und nein", quält sich Tobias Bauckhage von Jetfilm durch die erste Antwort, "gemacht haben wir die schon, aber von uns sind die nicht."

"Hä?" denkt da der Redakteur und fragt nach. Und Bauckhage setzt zu einer Erklärung an, die ihm offensichtlich leicht unangenehm ist: "Wir haben zu einem ganz frühen Zeitpunkt eine ganze Reihe von Szenen gedreht, die nie für den Film gedacht waren, sondern für die Promotion. Eine dieser Szenen - die mit dem Popeln - können Sie ja auch im Trailer zu unserem Film sehen. Die anderen haben wir aber nie veröffentlicht!"

Schwört er glaubhaft. Denn schnell hatte der Anwalt der Firma ausgemacht, dass die als Promotion-Videos eventuell etwas teuer werden könnten. Bauckhage: "Wir haben die weggeschlossen. Wie die jetzt ins Netz kommen, ist mir völlig unklar."

Windet sich ein wenig und sagt: "Im Anfang waren natürlich eine Menge Leute beteiligt, und wer da alles eine Kopie hatte, kann ich nicht mehr nachvollziehen."

Mist aber auch, jetzt ist der Geist aus der Flasche. Ein wenig Bammel, versichert Bauckhage, habe man nun ja schon, dass sich da jemand drüber aufregen könne. Deshalb noch einmal: "Wir sind mit dem Zeigen dieser Clips nicht einverstanden!"

Schon gut, tun wir ja auch nicht. Wir berichten nur drüber, und Bauckhage weiß nicht recht, ob er sich "darüber freuen soll oder nicht". Schließlich seien die Clips ja nun doch "sowas wie Werbung", ob man das nun wolle oder nicht. Wo man die nun doch ganz einfach per Google finden könne.

Ja, so ist das wohl.

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