Bezahl-Internet Die "Times" traut sich (noch nicht so richtig)

Fünf Wochen, nachdem die renommierte "Times" begonnen hat, Zugang zum Web-Angebot nur noch nach Registrierung zu gewähren, folgt nun der zweite Schritt: Ab sofort muss bezahlt werden. Entgegen bisheriger Ankündigungen gibt es aber vorerst satten Rabatt: 30 Tage zum Preis von einem.

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Times Online: Zugang nur gegen Zahlung

Times Online: Zugang nur gegen Zahlung


Auf diesen Tag hat die Medienbranche weltweit mit Spannung gewartet: Rund einen Monat, nachdem die "Times" auf ein für die Leser zunächst kostenloses Registrierungsmodell umgestellt hat, wurde sie am Freitag, dem 2. Juli 2010, zu einer kostenpflichtigen Seite. Ohne Zahlung läuft nichts mehr, wenn man von wenigen Probier-Häppchen absieht, die die Website aus werblichen Gründen noch anbietet. Spätestens, wenn man auf einen der auf der Webseite des alten Angebotes noch immer sichtbaren Artikel klickt, wird man auf die neue Plus-Webseite umgeleitet und zur Kasse gebeten. So hatte Rupert Murdoch das vor rund einem Jahr schon angekündigt, so passiert es nun.

Allerdings mit angezogener Handbremse. Zwar heißt es nun auf der neuen "Times+"-Webseite, der Vollzugang koste ein Pfund am Tag oder zwei Pfund pro Woche. Vorerst aber kostet er ein Pfund im Monat - die "Times" macht damit ohne Ankündigung ein weiteres Schnupperangebot. 30 Tage zum Preis von einem, sozusagen.

Das kann man als Versuch deuten, den registrierungs- und eventuell zahlungswilligen Teil der Leserschaft mit einem niederschwelligen Angebot sanft ans Bezahlen zu gewöhnen. Man könnte es aber auch als Reaktion auf den Schock über die schon jetzt sichtbare Schmelze der Leserzahlen sehen: Die Web-Statistiker von Alexa konstatieren der "Times" einen Rückgang der Leserschaft um 31 Prozent in den letzten vier Wochen (siehe Grafik in der linken Spalte). Ein Drittel der bisherigen Leserschaft war also noch nicht einmal bereit zu einer kostenlosen Registrierung.

Möglicherweise aber sieht es sogar noch schlimmer aus: Laut Hitwise, einem anderen renommierten Web-Traffic-Beobachtungsunternehmen, ist die Reichweite der Times Online innerhalb des britischen Marktes in nur einem Monat als Registrierungsseite um 60 Prozent gefallen. Das aber, glaubt Robin Goad, Marktforscher bei Hitwise, sei wohl sogar ein weniger erheblicher Rückgang, als viele Marktbeobachter erwartet hatten - also fast eine positive Nachricht.

Auf Murdochs Experiment schaut die ganze Branche

Die neuen Webseiten, behauptet auch News-International-Managerin Rebekah Brooks derweil, seien von der Leserschaft sehr gut angenommen worden. Im Forum des "Guardian" spottet derweil ein Leser, dass der Erklärungsartikel zum Bezahlmodell der "Times" nur noch abgerufen werden könne, wenn man vorher bezahle. So etwas bezeichne man im Web wohl als "epic fail" - als lustiges, kapitales Versagen.

Journalisten der britischen Leitmedien halten sich derweil mit Kommentaren und Prognosen noch vornehm zurück. Kein Wunder: Kaum jemand erwartet zwar, dass Murdochs rigoroser Schritt, seine Zeitungen im Web kostenpflichtig zu machen (andere Titel sollen bald folgen), ein Erfolg wird. Im Grunde aber hoffen alle darauf, dass sich der Schritt nicht als Fehler erweist.

Fehler produziert das Anmelde- und Zahlungssystem derweil auch auf anderer Ebene: Am Freitagmorgen schickte die Webseite Kunden, die bezahlt hatten, mitunter in stundenlange Warteschleifen, bis der Zugang tatsächlich freigeschaltet wurde. Das seien wohl "Teething Problems" kommentierte Roy Greenslade im "Guardian": Im Deutschen würde man da von "Kinderkrankheiten" sprechen, aber das im Englischen gebrauchte Bild trifft es weit besser - bekanntlich schmerzt es kräftig, wenn man Zähne bekommt.

Wie groß der Schmerz am Ende ausfällt, ist genau die Frage, auf deren Antwort die Medienbranche weltweit wartet. An Rupert Murdochs Experiment am lebenden Zeitungsobjekt mag sich entscheiden, ob es international wirklich zu einem Trend zum Bezahlzugang im Web kommt. Wenn nicht, müssten andere Lösungen her: Werbung allein, das hat sich in den letzten zwei Jahren erwiesen, reicht nicht mehr aus, die aufwendigen Angebote zu refinanzieren, die Leser im Web erwarten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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Osis, 02.07.2010
1. zuviel bla für zuviel geld.
Wenn man für den Dünnschißjournalismus der heute als "Hochwertig" angeboten bekommt zahlen soll.. Nee.. Alleine die Konjunktur-Krisen-Meldungen auf SPON sind ja schon einen Lacher wert. Von daher wird das TIMES -Experiment scheitern. Mit jedem Bezhalsystem werden Themenblogs mit gut recherierter Grundlage stärker und besser frequentiert.
archie, 02.07.2010
2. Keinen Cent!
Entweder das Internet ist umsonst oder es ist überhaupt nicht. notfalls gucken wir wieder pro 7.
Sumeragi 02.07.2010
3. bezahlseiten sind nicht die zukunft
Bis vor kurzem habe ich noch täglich die Times gelesen. Viele der Artikel sind geistreich und unterhaltsam geschrieben, und erweitern die Sicht, die man in der deutschen Medienlandschaft findet. Trotzdem - Geld werde ich dafür nicht zahlen, egal wie viel oder wenig. Es lohnt sich nicht. Die Times war für mich ohnehin nur ein Ergänzungsangebot, nicht meine alleinige Informationsquelle. Jede der Newsseiten, die ich regelmäßig lese, kann auf die eine oder andere Art ersetzt werden. Mir ist das Problem bewusst, dass durch diese Mentalität für Medienseiten entsteht. Aber so ist es nun mal...die meisten Leuten werden sich ihre Infos wohl eklektisch zusammensuchen, mal hier, mal dort etwas lesen. Für jede einzelne Seite deshalb hohe Beträge zahlen zu müssen, wäre absurd. Aber vielleicht gibt es andere Möglichkeiten. Möglich wäre eine Art GEZ-ähnliche Struktur, mit der sich Newsseiten zusammen fassen könnten.
Mündiger-Bürger 02.07.2010
4. Kostenloses ist nicht die Zukunft
Etwas kostenlos zu bekommen ist angenehm. Irgendjemand muss das, was man kostenlos bekommt aber bezahlen. Das Produzieren von Content kostet Geld. Wenn man die Kosten für die Produktion des Content immer weiter senkt, dann kommt was dabei raus? Richtig - "Dünnschissjournalismus". Zeitungen die nur noch mit der Generation Praktikant arbeiten sind bei dem, was sie für die Produktion des Contens ausgeben bereits unter das Niveau guter Schülerzeitungen gefallen. Dass dafür keiner mehr bezahlen und die abonnieren möchte ist verständlich. Wenn jemand los fährt, um z.B. für SPON ein Foto herzustellen, dann kostet das Geld. Wenn jemand für SPON losfährt einen Artikel schreiben und recherchieren, dann kostet das Geld. In der Regel mehr, als dafür bezahlt wird. Gleiches gilt für jede andere Publikation auch. Damit fallen hauptberufliche Journalisten als Erzeuger des Content aus und an deren Stelle treten Schüler, Hausfrauen und Rentner. Die machen's schon für Kleingeld. Die müssen ja am Ende keinen Gewinn erwirtschaften. Ob die qualifiziert sind oder jemandem den Job wegnehmen interessiert dabei nicht mehr. Wenn demnächst noch Zalbertus seine "Kostet-nix-sie-schicken-uns-ihr-Geschmiere-und-Geknipse-und-wir-drucken-jeden-Müll-ab-Zeitung" auf den Markt kommt, sinkt das Niveau noch weiter. Hauptsache, der Content ist kostenlos. Journalistisches Handwerk, journalistische Grundregeln, Glaubwürdigkeit, Wahrheit und Qualität uninteressant. Hauptsache der Name des selbsternannten Bürgerreporters steht dran. Wollt ihr dann Artikel von einem Freund der Geschäftsführung über einen riesigen Giftskandal wie bei Envio, bei dem unter Inkaufnahme der Todesfolge Mitarbeiter und Anwohner vergiftet wurden? Oder lieber einen Artikel von einem Freund eines Behördenmitarbeiters, dessen Behörde jahrelang bei der Kontrolle so einer Giftküche geschlampt hat? Etwas kostenlos zu bekommen ist angenehm. Es ist aber auf keinen Fall die Zukunft. Und das Ergebnis in Sachen Journalismus mit Sicherheit nicht das, was wir wollen.
John.Moredread 03.07.2010
5. Das geht schief
Die Branche traut sich keine Prognose? Ich schon: Das geht schief. Ganz sicher. Man darf das Prinzip der "Laufkundschaft" nicht unterschätzen. Auch ich habe Artikel der Times gelesen. Jetzt ist sie kostenpflichtig? Dann lese ich sie eben nicht mehr! Es scheitert nicht mal prinzipiell am bezahlen. Es scheitert am Bezahlmodell. Wie sehr viele andere Leute auch lese ich in vielen Zeitungen. Wenn die jetzt alle kostenpflichtig werden - und zwar nach dem Modell der Times - dann werde ich sie nicht mehr nutzen. Glaubt wirklich irgendjemand, das sich die Leute auf zig Webseiten registrieren, die sie vielleicht nur einmal im Monat frequentieren? Liebe Medienbranche: Einigt euch auf EIN Zahlungsmodell, das ALLE nutzen können. So etwas wie eine Kreditkarte für Zeitungen. Zahlbar in ALLEN Varianten: Kreditkarte, Überweisung, 0900-Nummer, Paysafe-Card usw.. Gleichzeitig muss erfasst werden, wieviel ich lese. Wenn ich hundert Artikel beim Spiegel lese, muss ich automatisch in eine andere Abo-Klasse reinrutschen - sagen wir mal, für einen Euro (maximal) kann ich einen Tag lang so viel lesen, wie ich will. Und einen Monats-Kostendeckel muss es auch geben. Wenn ich solche Sicherheiten nicht habe, werde ich eine Seite nicht nutzen. Das wäre mir zu riskant; das Bezahlmodell wäre mir zu unsicher. Die Kosten für einen einzelnen Artikel müssen im einstelligen Cent-Bereich liegen. Ich lese nämlich sehr, sehr viel - garantiert viel mehr als zu Prä-Internet-Zeiten. Aber ich lege mich nicht auf eine Seite fest, ich lese viele. Und dabei gehe ich nicht mal nur von den Seiten selber aus; häufig wird verlinkt oder ich kriege eine Mail die mich auf einen Artikel hinweist. Aber praktisch kein Mensch verlinkt auf kostenpflichtige Artikel bei Seiten, bei denen ich mich im Times-Stil registrieren muss. Das System, das die Times nutzt, ist auch an anderer Stelle gescheitert. Wieviele Leute haben denn hier beim Spiegel die kostenpflichtigen Artikel gelesen? Das dürfte eine Minderheit gewesen sein, ein Bruchteil der User. Eben nicht genug, um ausreichenden Gewinn zu erwirtschaften. Denn sonst wäre sicherlich auch der Spiegel längst dicht. Einigt euch mit eurer Konkurrenz auf EIN System. Und bedenkt, das ein Preis von einem Cent pro Artikel vielleicht nicht nach viel klingt, aber nach hundertausend Klicks habt ihr auch euer Geld. Persönlich glaube ich nicht, das sich die Branche auf ein solches System einigen kann. Was dazu führen wird, das ihr euch euer eigenes Grab schaufelt.
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