Bezahl-Netz vor dem Aus Murdoch sinniert über kostenloses "Wall Street Journal"

Schon seit einiger Zeit kämpft Medienmogul Rupert Murdoch um Dow Jones - er möchte das Unternehmen kaufen und so vor allem das "Wall Street Journal" seinem Imperium einverleiben. Jetzt dachte er laut über die Zeit nach dem Kauf nach - und über ein kostenloses "Journal".


Noch hat sich Murdoch mit der Familie Bancroft, die Dow Jones seit mehr als 100 Jahren kontrolliert, nicht geeinigt. Aber sein Angebot von 60 Dollar pro Aktie - zu einem Zeitpunkt als die an der Börse gerade mal 36 Dollar wert waren - hat auch die Medienfamilie aufhorchen lassen. In einem ausführlichen Gespräch mit "Time" dachte der siegessichere Murdoch jetzt schon einmal laut darüber nach, was er nach der Übernahme mit dem "Wall Street Journal" (WSJ), das zum Dow-Jones-Konzern gehört, machen werde.

Rupert Murdoch: "Es muss werbefinanziert sein"
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Rupert Murdoch: "Es muss werbefinanziert sein"

"Wie wäre es, wenn wir… " beginnt Murdochs Gedankenreise in die Zukunft des renommiertesten Wirtschaftsblattes der Welt, der einzigen Zeitung, die mit einem kostenpflichtigen Onlineangebot tatsächlich Geld verdient. Das "Wall Street Journal" ist die Ikone all derer, die an paid content, bezahlte Inhalte im Netz glauben - und genau das hält Murdoch für langfristig unhaltbar.

Wie wäre es, fragt er rhetorisch, wenn man eine Redaktion der Spitzenklasse zusammenkaufte, und das "Journal" dann nur im Netz und völlig kostenlos anböte? "Keine Druckereien, kein Papier, keine Lastwagen. Wie lange würde es dauern, bis die Werbung kommt? Es wäre jedenfalls erfolgreich, es würde funktionieren und man würde … ein kleines bisschen Geld verdienen", so Murdochs hypothetische Reise in die Zukunft.

"Es muss werbefinanziert sein"

Tatsächlich hat er noch nicht entschieden, was er letztlich mit dem "Journal" machen will, wenn er es denn einmal hat. Die "New York Times" (NYT) soll ein aufgebohrtes WSJ jedenfalls angreifen, mit einem verstärkten Büro in Washington und mehr Auslandskorrespondenten. Er will ein zweites US-Elitenblatt mit einem Fokus jenseits der Finanzwelt schaffen, man würde die NYT "sehr gerne herausfordern".

Vielleicht könnte man sich auf ein Hybridmodell verständigen, sinnierte der Mogul in dem Gespräch: ein kostenloses "Journal" für alle und eine Premiumversion mit zusätzlichem Spezialinhalten für zahlende Leser. "Man wird das sehr genau studieren müssen", sagte Murdoch "Time".

Am Ende des Gespräches sagte der 76-Jährige, der mit seinem Veränderungstempo so manchen Jüngeren schwindlig macht, dann doch noch sehr deutlich, was er von Bezahlinhalten im Netz hält: "Ein Medienunternehmen ist im Prinzip alles, was mit Leuten kommuniziert - Nachrichten, Ideen, Unterhaltung, Werbung - und ihnen erlaubt, miteinander zu kommunizieren. Aber das Internet lehrt die Menschen jeden Tag die Erwartung, das alles kostenlos zu haben ist. Also muss es werbefinanziert sein."

cis



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