"Bild"-Blogger Stefan Niggemeier "Den Großen vors Schienbein treten"

Stefan Niggemeier ist Deutschlands oberster Blogwart. Sein Bildblog, das Deutschlands größte Boulevardzeitung beobachtet, führt die hiesigen Blogcharts an. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Gründe des Erfolgs und warum Bloggen in Deutschland noch kein Volkssport ist.


SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Bloggerszene erscheint im Vergleich zu der in den USA klein und unterentwickelt. Finden Sie es nicht erstaunlich, dass mit Bildblog ausgerechnet ein Medienblog das erfolgreichste Blog in Deutschland ist?

Niggemeier: Spontan muss ich jetzt natürlich Nein sagen (lacht), ich finde das überhaupt nicht erstaunlich. Ich glaube, dass Blogs in den Bereichen besonders erfolgreich sind, wo Leute das Gefühl haben, hier haben traditionelle Medien versagt oder machen uns als Leser nicht glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Machen deutsche Medien etwa zufriedener als amerikanische?

Niggemeier: Ich glaube, dass der Zustand der Medienlandschaft hierzulande noch sehr viel besser ist als in den USA, und dass das Bedürfnis, Themen aus einer anderen Perspektive oder in einer anderen Form zu behandeln, als es die etablierten Medien tun, in vielen Bereichen noch nicht ganz so dringend ist.

SPIEGEL ONLINE: Und warum ist Bildblog dann so erfolgreich?

Niggemeier: Vielleicht gerade wegen der Sonderstellung, die die "Bild"-Zeitung in Deutschland hat, nicht nur durch ihre sinkende, aber immer noch enorme Auflage. Ich glaube, dass die "Bild"-Zeitung weltweit ein Sonderfall ist, weil sie ihre Themen und Methoden einerseits ganz unten aus der Gosse holt, andererseits politisch aber extrem relevant ist. Ich will aber nicht behaupten, dass der Zustand der deutschen Blogs immer so bleiben wird.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben die Unterschiede beim Bloggen auch mit verschiedenen Mentalitäten zu tun: Der Amerikaner versteht Bloggen als Bürgerengagement, der Deutsche sagt sich, das ist ja alles geregelt, und lehnt sich lieber zurück.

Niggemeier: Das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich glaube andererseits aber auch, dass es in Amerika eine ausgeprägtere Streitkultur gibt. Es wird viel mehr akzeptiert, dass es Leute mit extremen Meinungen gibt, die diese auch lautstark verbreiten, während Deutsche doch eher den Konsens mögen und das Einigsein. Keine guten Bedingungen für das Entstehen meinungsstarker Blogs.

SPIEGEL ONLINE: Könnten die Unterschiede nicht auch mit einer größeren Meinungsfreiheit in den USA zusammenhängen? Hierzulande bekommen Blogger ja schnell mal eine Abmahnung von Unternehmen, wenn sie, wie im Falle Media-Markt geschehen, eine penetrante Werbekampagne auf derbe Weise parodieren.

Niggemeier: Mag sein. Aber ich glaube, dass solche Reaktionen von Unternehmen dazu führen werden, dass auch in Deutschland Blogs stärker beachtet werden. So etwas befördert bei Leuten den Reflex: Moment, das lassen wir uns nicht gefallen. Solche Abmahnung können für den einzelnen Blogger zwar existenzgefährdend sein, aber langfristig werden sie die Blogs insgesamt stärken, weil sie das Gefühl befördern, dass es sich lohnt, dieses Medium zu nutzen und den Großen vors Schienbein zu treten.

SPIEGEL ONLINE: Sie betreiben Ihren Bildblog schon seit fast drei Jahren. Mancher aufgedeckte Fehler wird zumindest online umgehend korrigiert. Haben Sie inzwischen direkte Kontakte zur "Bild"-Redaktion?

Niggemeier: Höchstens informell, so wie man eben Journalistenkollegen kennt oder gelegentlich trifft. Offizielle Kontakte gibt es nicht. Extrem mühsam geworden sind die Kontakte zur Pressestelle des Springer-Verlags. Wir arbeiten ja fast alle nebenbei noch als Medienjournalisten und hatten mit der Pressestelle ständig zu tun. Sobald wir aber als Bildblog anfragen, herrschen ganz andere Verhaltenregeln. In der Regel kriegen wir nicht einmal die Antwort, keine Antwort zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie mächtig ist Bildblog überhaupt?

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Niggemeier: Macht haben wir keine, höchsten Einfluss. Wir können aufklären und Diskussionen anregen. Wir sehen zum Beispiel immer wieder, dass Leute in Internetforen irgendwelche "Bild"-Behauptungen diskutieren, und dann der Hinweis fällt, die Geschichte sei bereits von uns widerlegt worden. An vielen einzelnen Fällen dieser Art können wir ablesen, dass wir eine Wirkung haben. Auch tragen wir hoffentlich dazu bei, dass sich das Image von "Bild" allmählich wandelt. Vor ein paar Jahren galt "Bild" als lustiges Entertainment-Quatschblatt. Ich glaube, das hat sich gedreht. Die Berichterstattung über "Bild" ist kritischer geworden

SPIEGEL ONLINE: Lustiges Quatschblatt? Stimmt das wirklich? Kanzler Schröder beispielsweise hat "Bild" sehr Ernst genommen. Und auch der DFB hat ja angeblich vor der WM mit "Bild" gesprochen, um vor der WM Ruhe an der Medienfront zu haben.

Niggemeier: Das ist ja kein Widerspruch! Uns hat gestört, dass man die "Bild"-Zeitung nicht mehr Ernst genommen hat in ihren journalistischen Fehlern und ethischen Abgründen, indem man gesagt hat: Hey, das ist doch lustig, ist doch egal, ob das stimmt, geile Überschrift jedenfalls. Auch viele Intellektuelle haben sich auf einer ironischen Metaebene mit "Bild" amüsiert. Ich glaube, da hat sich in der Berichterstattung über "Bild" schon etwas geändert, was unserer Meinung nach wichtig und nötig ist.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Eigenlob. Aber ganz ehrlich: Wo wird denn kritisch über "Bild" berichtet? "Taz", "Süddeutsche", "Frankfurter Rundschau" - es sind doch immer die gleichen - und die haben das auch früher schon getan.

Niggemeier: Keine Frage, das ist viel zu wenig und wir würden uns viel mehr wünschen. Wir merken auch, dass wir da schnell an Grenzen stoßen. Es ist zum Beispiel sehr schwer, eine Nachrichtenagentur wie dpa dazu zu bringen, eine Exklusivmeldung von uns über "Bild" zu bringen. Da gibt es größere Berührungsängste. Ich will überhaupt nicht sagen, dass jetzt alles gut ist. Aber ich glaube, die Grundstimmung gegenüber "Bild" hat sich geändert. Das hat bestimmt nicht nur mit uns zu tun, aber schon auch.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich "Bild" durch Bildblog geändert?

Niggemeier: Klare Antwort: Nein. Unser Ziel mit Bildblog ist nicht, die "Bild"-Zeitung zu ändern. Ich denke, das könnten wir auch nicht. Und ich glaube, die "Bild"-Zeitung ist so wie sie ist, weil sie so sein will, und macht die Fehler, die sie macht, weil sie sie machen will – entweder, weil sie die Wahrheit bewusst verdreht oder weil sie ihr egal ist oder beides. Wir ändern nicht die "Bild"-Zeitung, sondern klären über sie, ihre Methoden und ihre Grenzüberschreitungen auf.

SPIEGEL ONLINE: Sind "Bild"-Zeitung und Bildblog mittlerweile ein eingespieltes Team?

Niggemeier: Nein. Ich weiß zwar, dass uns einige Leute anstelle der "Bild"-Zeitung lesen. Sie sagen, sie sind dann über Boulevard-Themen informiert, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und eine schlimme Zeitung zu unterstützen. Das ist nicht unser Ziel, aber das ist wohl so. Und sonst? Klar, wir brauchen die "Bild"-Zeitung wie ein investigativer Journalist den Skandal oder der Kaufhausdetektiv den Ladendieb. Aber wenn die "Bild"-Zeitung ab morgen sorgfältig arbeiten würde – womit ich nicht rechne -, würde uns sicherlich ein anderes Thema einfallen

SPIEGEL ONLINE: Gäbe es denn ein weiteres Massenmedium, das eine vergleichbare Beobachtung verdiente?

Niggemeier: Ich glaube tatsächlich "Der Spiegel", doch der Aufwand, dies fundiert zu machen, wäre ungleich höher als bei "Bild". Ein gutes Objekt wäre auch die typische Lokalzeitung mit Monopolstellung. Ein solches Blog, das zum Beispiel die Kungeleien zwischen Chefredakteur und Bürgermeister aufdeckt, könnte lokal eine große Wirkung erzielen.

SPIEGEL ONLINE: Medienbeobachtung ist das eine, aber warum gibt es eigentlich keine großen Blogs, die Unternehmen auf die Finger schauen, oder Politikern? Sind Medien ein leichteres Ziel?

Niggemeier: Ich würde den jetzigen Zustand der deutschen Bloggerszene nicht als natürlichen Endzustand sehen. Die Landschaft ist einfach noch sehr jung. Die entscheidende Frage ist: Wie groß ist der Druck? Wenn es sich lohnt, ein Unternehmen kontinuierlich zu beobachten und mit kritischer Recherche zu begleiten, dann werden sich, da bin ich überzeugt, Leute finden, die das machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schalten seit knapp einem Jahr auch Werbung. Wie lebt es sich von den Fehlern anderer?

Niggemeier: Zunehmend besser. Wir haben 1,3 Millionen Visits im Monat, viel mehr als manche Regionalzeitung im Netz. Allerdings hatte ich es mir leichter vorgestellt, mit Werbung Geld zu machen. Anfangs lief das sehr schleppend, allmählich besser. Ein Bildblogger lebt inzwischen komplett von Bildblog, zwei etwa zur Hälfte. Wir sind aber noch nicht so weit, dass wir schon die Anschaffung von Dienstwagen planen.

SPIEGEL ONLINE: Bildblog erscheint ja wie die Fortsetzung der Medienseiten, für die Sie einst bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gearbeitet haben. War dort kein Raum für diese Geschichten?

Niggemeier: Ich glaube wirklich, dass man das, was Bildblog macht, in der Form in einer Zeitung nicht machen kann. Ich kann mich auf der Medienseite einer Tages- oder Wochenzeitung nicht in dem Maße mit der "Bild"-Zeitung beschäftigen, wie ich es für nötig und sinnvoll halte. Dafür bietet sich das Medium Blog geradezu an. Das ist nicht nur eine Frage von Desinteresse in Redaktionen oder Rücksichtnahmen unter Chefredakteuren, Zeitung funktioniert da auch einfach anders.

Das Gespräch führten Holger Dambeck und Helmut Merschmann



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