Bildbearbeitung So bringen Sie Farbe in Ihre Schwarz-Weiß-Fotos

Mit einer neuen Web-Applikation kann jeder seinen Schwarz-Weiß-Fotos Farbe verleihen. Das System liefert gute Ergebnisse, scheitert aber ausgerechnet an den interessantesten Aufgaben.

CC BY 2.0 Alan Levine

Stöbert man in alten Fotos, die Familienmitglieder von vor drei Generationen zeigen, spürt man eine gewisse Distanz. Das liegt zum einen daran, dass man der Urgroßmutter oder dem Urgroßvater nie begegnet ist. Zum anderen aber auch daran, dass die meisten der vor Jahrzehnten aufgenommenen Bilder schwarz-weiß sind.

Seit den Anfangstagen der Fotografie versuchen Künstler, diese Distanz zu überwinden: Sie kolorieren die Schwarz-Weiß-Fotos. Früher machten sie das in mühevoller Kleinarbeit mit Pinsel und Pigmenten. Heute erledigen sie es mit Grafiktablett und Photoshop, was nicht weniger mühevoll ist.

Farbe ins Foto per Algorithmus

Informatiker arbeiten daher seit Längerem an Computerprogrammen, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Das Unternehmen Algorithmia bietet verschiedene Algorithmen an, die App-Entwickler in ihre Produkte einbauen können. Einer dieser Algorithmen koloriert Schwarz-Weiß-Fotos. In der neuen Web-Applikation "Colorize Photos" kann ihn jeder kostenlos ausprobieren.

Es reicht, die Web-Adresse eines Fotos einzugeben oder das Bild direkt auf der Webseite hochzuladen und auf "Colorize it" zu klicken. Heraus kommt eine farbige Version des Originals. Zwar sind die Ergebnisse nicht so gut wie die der von Hand kolorierten Fotos. Sie können sich aber durchaus sehen lassen, wie diese Fotostrecke zeigt.

Schickt man etwa Bilder von London durch das System, erstrahlen die Doppeldeckerbusse, Telefonzellen und die berühmten Grenadier Guards in rot. In Bildern von New York erkennt der Algorithmus die Yellow Cabs und verleiht den Autos ein sattes Gelb. Nur manchmal liegt er beim Straßenbelag daneben. Dann sieht es aus, als würden die Taxis über einen Rasen in Manhattan fahren.

Gut funktioniert das Kolorieren bei Naturaufnahmen: Wälder sind grün, der Himmel blau mit weißen Wolken und Kühe bekommen ein realistisches Braun. Probleme hat das System mit ungewöhnlichen Farben, etwa bei den bunten Uniformen der Schweizergarde. Denen ordnet der Algorithmus einen undefinierbaren Braunton zu.

Auffällige Schwächen bei einem ansonsten interessanten System

Warum das Programm manchmal richtig liegt und manchmal nicht, verrät ein Blick auf seine Funktionsweise. Die Macher haben sie detailliert in einem Artikel beschrieben: Anhand von einer Datenbank mit einer Million Farbfotos lernt ein intelligenter Algorithmus, Strukturen in Bildern zu erkennen und zuzuordnen.

Doch gerade wegen dieser Methode zeigt das Programm etwas, das die Informatiker "Datensatz-Einseitigkeit" nennen. Es kommt sehr gut mit Fotos klar, die denen aus dem Übungsdatensatz ähneln. Mit komplett anderen Fotos hat es hingegen Probleme.

Die Informatiker präsentieren dafür Beispiele auf ihrer Webseite. Bei Granatäpfeln, Papageien und Pizzen trifft es die Farben nahezu perfekt. Bei Modems und Militäruniformen versagt es vollkommen. Vermutlich konnte das Programm sie nicht lernen, weil es in dem Übungsdatensatz besonders wenige Bilder aus diesen Kategorien gab.

Das führt zur auffälligsten Schwäche des ansonsten interessanten Systems: Ausgerechnet mit historischen Fotos, für die das Kolorieren überhaupt erfunden wurde, kommt es nicht zurecht. Es färbt sie blass, falsch oder verleiht ihnen lediglich eine Sepiatönung.

Der Grund dafür dürfte wieder in dem Übungsdatensatz liegen. Es gibt einfach kaum Farbbilder historischer Motive, denn sie stammen aus den Zeiten der Schwarz-Weiß-Fotografie. Und so haben auch Apps zum Kolorieren eine Distanz zu den historischen Bildern: Sie wissen auch nicht, wie die Welt zu dieser Zeit wirklich aussah.

Doch das gilt nicht für alle historischen Aufnahmen. Alte Landschaftsfotos kann der Algorithmus recht gut kolorieren. Seine Macher haben ihn auf die Bilder des einflussreichen amerikanischen Landschaftsfotografen Ansel Adams angewendet. Die Ergebnisse wirken realistisch. Gleiches gilt für Bilder des berühmten Fotoreporters Henri Cartier-Bresson, der ebenfalls Schwarz-Weiß fotografierte.

Man kann nicht sagen, dass die Kolorierung diese Bilder in irgendeiner Weise verbessert. Sie liefert auch keine echten Informationen, sondern zeigt lediglich eine plausible Farbversion der schwarz-weißen Fotos. Damit ist sie eine schöne Spielerei für alle, die wissen wollen, die wie Welt auf diesen Aufnahmen ausgesehen haben könnte.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hwdtrier 24.07.2016
1. Interessant wär es andersrum.
Aus Farbfotos schwarz- weiß zu machen. Denn die sind oft schöner.
Originalaufnahme 24.07.2016
2.
"Alte Landschaftsfotos kann der Algorithmus recht gut kolorieren." 1. Grundsätzlich wusste jeder Fotograf, Kameramann, Beleuchtungstechniker, Dekorateur, Kostümbildner usw., ob ein Schwarzweiß- oder Farbfilm in der Kamera ist. Entsprechend wurde alles darauf abgestimmt, weshalb ich das Kolorieren von alten Fotos oder Filmen grundsätzlich überflüssig finde. 2. Ich habe die "neue Web-Applikation" spaßeshalber mit etwa 15 Bildern ausprobiert, davon die Hälfte Landschaftsaufnahmen. Alle Bilder erschienen in einem willkürlichen bräunlich-orangefarbenen Farbgemisch, egal ob Straßen, Wege, Wiesen, Gesichter, Tapeten, Teppiche, Autos. Ab und zu werden willkürliche Gegenstände blau, grün, orange oder gelb. Was daran "recht gut" sein soll, ist wohl das Geheimnis des Autoren.
werner-gilliam 24.07.2016
3. Manchmal frag ich mich..
..welche Hirnies denn noch alle ihren Schwachsinn unter die Leute bringen dürfen. Anselm Adams und Henry Cartier Bresson zu colorieren ist an absurdität kaum noch zu überbieten. Kein Wort in dem Artikel, dass darauf hinweist, dass Schwarz/Weiss ein bewusst eigesetztes Gestaltungsmittel ist, nämlich Reduzierung auf den wesentlchen Bildinhalt. OK, es gab Zeiten, da gab es keine Farbfilme, aber trotzdem sind die Bildaussagen auch älterer S/W Fotos wesentlich einprägsamer als die nachträglich colorierten Varianten. By the way, digitale S/W Aufnahmen bringen das Flair der anlogen nicht im geringsten rüber, weshalb ich als Fotograf auch weiterhin S/W Analog fotografiere. Have a look to my Webseite, to understand!
ManRai 24.07.2016
4. Komisch
ich mache gerade in diesem Moment das Gegenteil, farbige digitale Fotos in Schwarz-Weiss umwandeln....bin ich meiner Zeit voraus oder zurück?
Zaunsfeld 24.07.2016
5.
Zitat von werner-gilliam..welche Hirnies denn noch alle ihren Schwachsinn unter die Leute bringen dürfen. Anselm Adams und Henry Cartier Bresson zu colorieren ist an absurdität kaum noch zu überbieten. Kein Wort in dem Artikel, dass darauf hinweist, dass Schwarz/Weiss ein bewusst eigesetztes Gestaltungsmittel ist, nämlich Reduzierung auf den wesentlchen Bildinhalt. OK, es gab Zeiten, da gab es keine Farbfilme, aber trotzdem sind die Bildaussagen auch älterer S/W Fotos wesentlich einprägsamer als die nachträglich colorierten Varianten. By the way, digitale S/W Aufnahmen bringen das Flair der anlogen nicht im geringsten rüber, weshalb ich als Fotograf auch weiterhin S/W Analog fotografiere. Have a look to my Webseite, to understand!
Kann doch jeder machen, was er will. Ich finde zum Beispiel die Arroganz von Leuten wie Ihnen unerträglilch, die anderen vorschreiben wollen, wie sie ihre Fotos zu behandeln haben oder was andere schön oder nützlich finden dürfen und was nicht. Ich zum Beispiel finde nachkolorierte Videos und Fotos aus dem Kaiserreich oder dem Dritten Reich sehr interessant. Denn s/w Aufnahmen vermitteln immer eine Art Distanz, so als ob etwas aus grauer Vorzeit stammt, die mit unserem Leben absolut nichts zu tun hat. Wenn man aber Bilder oder Videos aus dem Dritten Reich sieht, auf denen das Gras grün, der Himmel blau, die Fahnen rot, die Uniformen braun und die Judensterne und Fackeln gelb sind, dann kann man sich viel besser in diese Zeit hinein versetzen. Es kommt einem dann einfach viel realer, lebensnaher und erschreckender vor, als es eine s/w-Aufnahme den meisten Mensachen je vermitteln könnte. Machen Sie ruhig Ihre s/w Aufnahmen weiter in in analog. Wie gesagt ... kann ja jeder machen, wie es ihm gefällt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.