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16. November 2012, 18:00 Uhr

Abmahnungen

Bilder, Blogger und eine Morddrohung

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Eine Torte in Form einer Python, Bilder davon machen auf Facebook die Runde und landen in Blogs. Die Konditorin hat die Rechte an eine Bildagentur übertragen, und die verschickt nun Abmahnungen. Nun bekommt die Tortenmacherin wüste Hassbotschaften.

Die britische Konditorin Francesca Pitcher veröffentlicht am 29. Juli auf ihrer Facebook-Seite Bilder einer Torte in Schlangenform, die sie für ihre Tochter gebacken hatte. Die Tigerpython aus weißer Schokolade wird zu einem kleinen Hit, mindestens ein Blog, "Popgive", kopiert einige der Fotos. Sie werden nicht nur auf Facebook geteilt, sondern auch in weiteren Blogs veröffentlicht.

Damit beginnt eine unschöne Geschichte.

Am 8. August berichtet "Kent Online" über die Burmesische Python aus weißer Schokolade. Ebenfalls am 8. August kopiert Ronny Kraak einige der Fotos in sein Blog "Das Kraftfuttermischwerk". Noch am selben Tag übernimmt sie René Walter, der mit "Nerdcore" eines der meistgelesenen deutschen Blogs betreibt. Am 10. August berichtet die "Daily Mail" über den Schlangenkuchen von North Star Cakes. Die Bilder tragen einen Copyright-Hinweis, der auf die britische Agentur Bournemouth News & Picture Service hinweist. Francesca Pitcher hat die Nutzungsrechte übertragen.

Am 17. August erhält unter anderem SPIEGEL ONLINE von der HGM Press das Angebot, Nutzungsrechte für die Schlangenbilder zu kaufen. Die Bildagentur arbeitet mit der britischen Firma zusammen. Am 19. August zeigt die Seite "Spick Mich" zwei der Schlangenfotos mit Verweis auf HGM Press.

Im November erhält Ronny Kraak eine Abmahnung von der HGM Press: 1839,60 Euro soll er bezahlen, weil er das Bild ohne Erlaubnis genutzt hat. René Walter, der nicht für die Schlangenbilder abgemahnt wurde, kommentierte daraufhin auf der Facebook-Seite von Francesca Pitcher. Er beklagt sich über die Abmahnungen: "Ich gehe davon aus, dass Sie darüber Bescheid wissen. Ich kann ihnen versichern, dass ich jetzt gleich einen Blogeintrag anfangen werde und dass das für Sie nicht gut ausgehen wird."

"Anschlag auf die Netzkultur"

Pichter löscht diesen und andere Kommentare. Auf "Nerdcore" schreibt René Walter am 10. November über die Abmahnung. Vier Tage später bekommt Pichter eine anonyme E-Mail, in der ihr gedroht wird. Die gesamte Blogosphäre würde ihre kriminellen Machenschaften öffentlich machen, sie müsse ihre Website bis zum 16. November schließen, sonst werde man ihre Tochter vergewaltigen und töten. Sie schaltet die Polizei ein.

René Walter bestätigt den Kommentar, distanziert sich auf Nachfrage aber ausdrücklich von der Droh-Mail - und greift die HGM Press an. Sein Vorwurf: Die Agentur würde virale Bilder ermitteln und im Anschluss gezielt Rechte für diese Bilder anstreben. "Diese Rechte werden dann genutzt, um Abmahnungen gegen alle Blogs und Websites in Deutschland durch ihre Anwaltskanzlei auszusprechen, die diesem Bildern zum Erfolg verholfen haben", sagt Walter. Das sei ein "Anschlag auf die komplette Netzkultur".

Ronny Kraak sagt: "Vielleicht wäre die Agentur gar nicht erst auf die Bilder aufmerksam geworden, wenn man sie nicht so geballt über die internationalen Blogs gejagt hätte." Der Vorwurf: Die Blogger machen die Geschichte groß, die Agentur kümmert sich erst danach um die Bildrechte. "Es ist im jüngsten Fall äußerst bezeichnend", sagt Walter, "dass HGM Press kein konkretes Datum für die Einholung der Nutzungsrechte für das Schlangenkuchenbild nennt." Was Walter und Kraak nicht sagen: Dass sie sich gar nicht um die Nutzungsrechte gekümmert haben.

Bilderblogger gegen Bildverwerter

Hans-Gerd Michel, Geschäftsführer der HGM Press, weist den Vorwurf zurück. Die Bilder kämen über die britische Partneragentur, die Rechte seien Anfang August übertragen worden. Ein genaues Datum nennt er nicht. Dafür schimpft er auf erfolgreiche Blogs, die ganz offensichtlich über Werbung Geld einbringen und Bilder nutzen, ohne die Rechte vorher abzuklären.

Auch andere Blogs wurden von der HGM Press für die Nutzung von Bildern abgemahnt. Es geht unter anderem um Lego-Figuren und ein Iron-Man-Kostüm. Einige Blogger haben das öffentlich gemacht oder sich an ebenfalls Abgemahnte gewandt. In den vergangenen sechs Wochen sind laut Kraak 23 solche Schreiben bei Website-Betreibern aufgeschlagen, inklusive Anwaltskosten soll es insgesamt um eine Summe von 70.000 Euro gehen. Wie viele Abmahnungen die HGM Press verschickt hat, kann Michel nach eigenen Angaben nicht sagen.

"Nicht diejenigen, die ihre Rechtsposition durchsetzen, sind das Problem, sondern die, die klauen", sagt Michel. "Was wir brauchen ist ein Urheberrecht, welches die Möglichkeit des Teilens mit einbezieht", sagt Kraak.

Konditorin Pitcher schreibt: "Ich habe einen Großteil der vergangenen Tage in einem Schockzustand zugebracht."

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