Bildkritik von fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Wirkfaktoren der Architekturfotografie, aber auch Aspekte der nötigen Schöpfungshöhe wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren. Profis vom Fach-Blog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert.


Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

Visualisierung der Aufwärtsbewegung

Ausgangsbild
Petra Lubitz

Ausgangsbild

Wirkfaktoren der Architekturfotografie, aber auch Aspekte der nötigen Schöpfungshöhe wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren. Unsere Leserin Petra Lubitz aus Leipzig hat uns das obige Bild unter dem Titel "Vulkanisch!" in der Kategorie "Architektur" zur Besprechung eingereicht.

Kommentar der Fotografin Petra Lubitz:

Dieses Foto entstand im Vulkania-Museum am Fuße des Puy-de-Dome in der Nähe von Clermont Ferrand Anfang August 2013. Dieses Museumsgelände ist aus meiner Sicht weder architektonisch noch fotografisch ein wirklich lohnendes Motiv. Jedoch, wenn man die Mitte des Hauptgebäudes betritt, wird man geradezu überwältigt von diesem stilisierten Vulkankrater. Ich MUSSTE versuchen, diesem Meisterwerk der Architektur ein fotografisches daneben zu stellen. Ist es mir gelungen? Ein kurzes Wort zu meiner Person: ich habe vor knapp einem Jahr aufgehört zu knipsen und versuche seither zu fotografieren. Dabei ist mir fokussiert.com eine sehr große Hilfe. Technik: Nikon D7000, Tamron 18-270mm; hier 18mm, Blende 9, 1/500sec., ISO 200, kein Stativ

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Petra bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 27 mm bei einem Formatfaktor von 1.5.

Es freut uns sehr, daß wir mit unseren Tutorials und Bildbesprechungen ein Stückweit zur Entwicklung des fotografischen Sehens beitragen können. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Ich habe mir zunächst die Freiheit herausgenommen, das Bild horizontal zu spiegeln (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) - Petra mag es mir hoffentlich nachsehen. Die mächtige Aufwärtsbewegung läßt sich so noch eindrücklicher visualisieren, wie ich im Folgenden darlegen möchte.

  • Komposition: Alle Hauptstrukturen streben in diesem Bild im bogigen Verlauf nach oben, zu einem außerhalb des Bildes gelegenen Fluchtpunkt (rotes Kreuz ebd.). Die einzelnen Streben sind dabei horizontal wie in Treppenstufen unterteilt. Von besonderer Bedeutung ist insbesondere jene im linken unteren Bildeck beginnende und nach oben ziehende Strebe. Diese zieht den Blick auf sich und mit ins Bild. Die weiteren, links und vor allem rechts davon verlaufenden Streben habe ich nach ihrer Bedeutung für die Blickführung mit unerschiedlichen Stärken eingezeichnet (rote Linien ebd.).

  • Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich etwas linksschief bei einem Mittelwert von etwa 70. Vereinzelte Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter stören den harmonischen Bildeindruck nicht.
  • Farben: Bronze- bzw. Goldtöne dominieren das Bild.

Komposition: Grundelemente
Petra Lubitz

Komposition: Grundelemente

Komposition: Fluchtpunkt
Petra Lubitz

Komposition: Fluchtpunkt


Zusammenfassung: Petras Bild weiß die mächtige Aufwärtsbewegung dieses Ensembles eindrucksvoll zu visualisieren. Ihrem Ziel, dem Betrachter einen Eindruck der Situation vor Ort und der dortigen Stimmung zu vermitteln, ist sie somit sehr nahegekommen. Meinen Vorschlag, die Hauptstrebe an die Blickführung von links unten nach rechts oben anzupassen, habe ich oben dargelegt.

Es kann Probleme geben, wenn man von anderen Personen bedeutungsvoll Geschaffenes abfotografiert und sich deren Ideen durch die Publikation der Aufnahmen ein Stückweit zu eigen macht. Auf der sicheren Seite ist man dann, wenn das eigene Bild eine ausreichende "Schöpfungshöhe" erreicht. Dies alles klingt (und ist auch) komplizert, wie der einschlägige Wikipedia-Artikel dazu nahelegt. Noch komplizierter wird es dadurch, daß im Streitfall immer eine Einzelentscheidung erfolgt ("vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand").

Doch will ich hier nicht "den Teufel an die Wand malen". Sofern offensichtlich ist, daß die Abbildung eines solchen Werks nicht nur dokumentarischen Zwecken dient, sondern eine Interpretation des Gesehenen (wie in diesem Bild) darstellt, wird man in der Regel auf der sicheren Seite sein.

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An der Grenze zur Malerei

Eine bewußt mit Unschärfe und starker Farbigkeit arbeitende, fast impressionistisch wirkende Arbeit möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen. Unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel "Körpersprache" in der Kategorie "Digitale Kunst" zur Besprechung eingereicht.

Ausgangsbild
Dirk Wenzel

Ausgangsbild

Kommentar des Fotografen Dirk Wenzel:

Körpersprache… und den Rest denke ich mir…

Über Ausrüstungsdetails und Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Von einigen Bildbesprechungen her ist uns Dirk mit anmutigen Street- und Porträtbildern (oft schwarzweiß, bisweilen mit sparsamer Farbgebung) bekannt. Hier beschreitet er mit Unschärfe und geradezu überschäumender Farbigkeit ganz neue, experimentelle Wege. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

  • Komposition: Das Vage bzw. nur Angedeutete macht den Reiz dieses Bildes aus, es gilt für den Betrachter somit manches zu entdecken. Relativ deutlich sind sogleich die beiden Baumsilhouetten in der Nähe der Bildränder (gelbe Linien ebd.). Schemenhaft erkennen wir dann das in einer Unterhaltung begriffene Paar, beide mit verschränkten Armen, er links frei stehend, sie rechts an den Baum lehnend (rote Linien ebd.). Ein sich andeutendes Geländer strukturiert schließlich noch etwas den Raum (grüne Linien ebd.).

  • Tonwerte: Deutlich rechtsschief und mit markanten Tonwertabbrüche im Lichterbereich zeigt sich das Histogramm, passend zum Eindruck eines ausgebrannt wirkenden Himmels bzw. einer allgemeinen Lichtüberflutung.
  • Farben: Kräftige, gleichwohl auch pastellene Farbtöne im Bereich von Blau, Grün und Gelb dominieren das Bild.
  • Struktur: Die schon erwähnte Unschärfe hat hier Methode, sie verleiht dem Bild gemeinsam mit der starken Farbigkeit eine malerische Qualität.

Komposition
Dirk Wenzel

Komposition

Tonwerte
Dirk Wenzel

Tonwerte

Zusammenfassung: Dirk mag sich "den Rest denken" - ich täte es ihm gleich und würde bei diesem so impressionistisch wirkenden Bild womöglich ins Schwärmen geraten, wenn ich für diese Besprechung nicht auch einige Worte finden müßte…

Was mich enorm anspricht, ist gerade das Vage und Schemenhafte dieses Bildes. Die Grenzen der abbildungstreuen Fotografie werden hier verlassen und der Bereich der Malerei fast schon erreicht. Die Geschichte ist wohl deutlich genug, doch entzieht sie sich auch einer raschen Betrachtung und möchte erst entdeckt werden. Dem Betrachter öffnen sich auf diese Weise große Interpretationsräume. Für mich persönlich klang in der Betrachtung ein wenig die "Geschichte des Suchens und Findens, des Werdens und Vergehens" an…

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Gerne etwas heller

Glückwunsch! Du hast hier ein schönes Kinderporträt aufgenommen. Auch, wenn das Bild gestellt gewesen ist, wirkt Deine Tochter, als wäre sie in Gedanken woanders, als hättest Du sie etwa mitten im Spiel "erwischt". Dadurch ist ein vollkommen natürliches Foto entstanden. Seitdem ich fotografiere, müssen meine Kinder auch für Bilder herhalten.

Mathias Grün-Drebes

Kommentar des Fotografen Mathias Grün-Drebes:

Das hier ist wieder einmal ein Bild meiner Tochter. Zu den Exif-Daten kann ich nicht mehr viel sagen. Nur so viel: Ich habe das Bild mit einer EOS550D und entweder dem EF 50 1.8, oder dem EF85 1.8 mit recht weit offenener Blende aufgenommen. Der Grund für das Bild war so einfach wie einleuchtend, ich bekam einen neuen Blitz und wollte ihn ausprobieren :-)

Profi Sofie Dittmann zum Foto:

Von der Komposition her ist es fast perfekt getroffen: die Augen liegen horizontal im Goldenen Schnitt, die Gesichtsmitte ist etwas aus ihm heraus verschoben. Generell ist es für das Modell schmeichelhafter, wenn man es nicht mit den Schultern direkt der Kamera zugewandt posieren läßt, sondern leicht schräg, mit einer Schulter leicht von der Kamera weg. Allerdings ist es hier nicht so wichtig, denn das Porträt ist fast nur auf das Gesicht reduziert und die Schultern kaum zu sehen.

Was mich zu dem einen Punkt bringt, den ich hier anders gemacht hätte. Das Bild ist mir nicht nur insgesamt zu dunkel, sondern auch so stark vignettiert, daß die Ränder fast komplett weggesumpft sind. Das kann man natürlich als Geschmackssache betrachten, aber wenn Du zumindest ihr Gesicht etwas aufgehellt hättest, hätte das Foto meines Erachtens noch dazugewonnen. Hier habe ich genau das zu Anschauungszwecken getan: das Gesicht, wie auch die Ränder etwas aufgehellt.

Porträt, aufgehellt
Mathias Grün-Drebes

Porträt, aufgehellt

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