Bildrechte Fotoagentur Getty startet Online-Abmahnwelle

Die US-Bildagentur Getty verschickt reihenweise Rechnungen an deutsche Seitenbetreiber. Vorwurf: Illegale Nutzung von Getty-Bildern. Gut 2000 Euro kostet das je Foto. Wer nicht zahlt, wird abgemahnt. Ein Beschuldigter rebelliert: Er habe das Foto gekauft - und freut sich auf den Prozess.

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Eine ruhige, tiefblaue Wasserfläche, mittendrin ein Krater, Wassertropfen spritzen hoch, Wellen breiten sich aus. 151 Euro und 25 Cent hat der Münchner Physik-Doktorand Tassilo Keilmann am 15. Februar für dieses Wasserfoto bezahlt. Er kaufte bei der Fotoagentur Getty eine Lizenz für die Online-Nutzung, verwendete das Bild auf seiner Website über Wellness-Hotels. Ein paar Wochen später bekam Keilmann wieder Post von Getty. Er sollte noch mal zahlen. Diesmal allerdings 2057 Euro - für die "unberechtigte Nutzung von Getty Images Photos".

Getty-Images-Zentrale: Die Hauptverwaltung der US-Bildagentur sitzt in Seattle
Getty Images

Getty-Images-Zentrale: Die Hauptverwaltung der US-Bildagentur sitzt in Seattle

Das Absurde daran: Es handelt sich in beiden Fällen offenbar um dasselbe Bild. SPIEGEL ONLINE liegt sowohl die Rechnung als auch die Zahlungsaufforderung für die unberechtigte Nutzung vor – in beiden Schreiben ist derselbe Wassertropfen abgebildet.

Keilmann versuchte, per Mail den in London sitzenden Getty-Ansprechpartnern den Fehler zu erklären. In dem SPIEGEL ONLINE vorliegenden Antwortschreiben erklärt das Unternehmen, man habe eine externe Firma mit dem Aufspüren beauftragt, dann intern geprüft, ob eine Lizenz vorhanden sei.

Außergerichtliche Einigung kostet 2000 Euro

Ergebnis, so Getty: "Selbstverständlich" habe Keilmann "keine gültige Lizenz vorzuweisen". Man werde "die Lizenz stornieren" und die dafür geleistete Zahlung als "Anzahlung auf unser Angebot zur außergerichtlichen Einigung anrechnen".

In der Tat: Anfang April erhielt Keilmann eine Gutschrift für das am 15. Februar gekaufte Foto. Auf Keilmann wirkt das nachträgliche Storno ohne Angabe von Gründen "wie ein Legitimationsversuch für die unberechtigte und überhöhte Zahlungsaufforderung". Keilmanns Fazit: "Die Ansprechpartner bei Getty gehen überhaupt nicht auf meine Einwände ein - ich rede gegen eine Wand."

Gettys Angebot einer außergerichtlichen und gut 2000 Euro teuren Einigung nahm Keilmann nicht an. Die Bildagentur kündigte daraufhin an, den Fall einem Anwalt zu übergeben. Auf den Fall angesprochen, erklärt Getty-Images-Sprecherin Alison Crombie SPIEGEL ONLINE: "In diesem Fall haben wir Grund zu der Annahme, dass für das auf seiner kommerziellen Internetseite verwendete Bild keine Lizenz vorlag. Deshalb haben wir angemessene rechtliche Schritte zur Klärung der Situation unternommen." Keilmann nennt die Situation "kafkaesk".

Offenbar ist Keilmann da nicht allein. In einem Internetforum berichten Betroffene von ähnlichen Fällen. Einige dort veröffentlichte – anders als bei Keilmann allerdings nicht durch Dokumente belegte – Darstellungen:

  • "Ich habe genau dasselbe Schreiben erhalten. Ich besitze jedoch eine gültige Lizenz seit November 2007."
  • "Also mir geht's ähnlich. Wir sind eine Agentur und haben 10 Bilder vor ca. 1 Jahr gekauft. Für 2 dieser Bilder wurden wir nun abgemahnt."

Wer nicht zahlt, wird abgemahnt

Getty Images scheint systematisch das Internet nach nicht lizenziertem Bildmaterial zu durchforsten. Das Unternehmen will keine konkreten Zahlen nennen. Auf die Frage, ob auch Lizenznehmer versehentlich angeschrieben werden, antwortet Getty-Images-Sprecherin Alison Crombie, die Firma kontaktiere Lizenznehmer in allen Fällen, wo es den Verdacht einer Copyright-Verletzung gebe. Crombie: "Wir haben eine starke Beziehung zu unseren Kunden und arbeiten daher eng mit ihnen zusammen, um mögliche Missverständnisse zu klären und eine einvernehmliche Lösung zu finden."

Nur in Fällen, wo ein Nutzer gar keine Lizenz habe, behalte man sich im letzten Schritt auch rechtliche Maßnahmen vor, um den "Missbrauch abzustellen" und eine "Entschädigung zu erlangen".

Wie viele Fälle es in Deutschland gibt, lässt sich nur schwer beziffern. Der Mainzer Anwalt Karsten Gulden vertritt mehr als 30, der Marburger Anwalt Jorma Hein gut 80 von Getty Images belangte Mandanten.

Zahlungsaufforderungen in vielen Fällen berechtigt

Das Vorgehen ähnelt sich in diesen bekannten Fällen: Zunächst verschickt Getty Images eine Zahlungsaufforderung. Wenn ein Bild einmal auf einer Homepage verwendet wird, verlangt Getty Images für eine einfache Verwendung 1450 Euro, für mehrfache Nutzung 1700 Euro - plus irische Mehrwertsteuer. Dieselben Gebühren sind für jedes weitere Getty-Bild fällig, das angeblich ohne Lizenz genutzt wird.

Ein krasser Fall wie der von Tassilo Keilmann scheint allerdings die Ausnahme zu sein. Anwalt Hein schätzt, dass Getty in den meisten Fällen zu Recht eine unberechtigte Nutzung verfolgt: "In vielen mir bekannten Fällen war tatsächlich ein Foto ohne entsprechende Lizenz online. Nur haben das die meisten meiner Mandanten nicht selbst online gestellt, sondern die von ihnen beauftragte Agentur, die den Webauftritt gestaltet hat. In einem Fall soll mein Mandant gut 10.000 Euro für sieben Fotos zahlen, die eine Web-Agentur 1999 bei der Gestaltung seiner Website genutzt hat."

Webdesigner sollen für Bildmissbrauch haften

Dennoch: Wer eine Webseite betreibt, haftet erst einmal gegenüber Getty für ohne entsprechende Lizenz genutzte Fotos – egal wer diese online gestellt hat. Anwalt Hein: "Laut Gesetz hat Getty hier unabhängig vom Verschulden einen Unterlassungsanspruch an die Betreiber der Seiten. Meine Mandanten zahlen also und versuchen dann die Webagenturen in Regress zu nehmen. Hier sind derzeit mehrere Verfahren anhängig, ich bin da zuversichtlich."

Die Anwälte der angeschriebenen Seitenbetreiber bezweifeln allerdings, dass die von Getty geforderten Zahlungen in allen Fällen gerechtfertigt sind. Anwalt Gulden: "Die hier verlangten Gebühren dürften meines Erachtens nach vor Gericht keinen Bestand haben. Getty Images differenziert die Forderungen weder danach, ob es sich um Unternehmen oder Privatpersonen handelt, noch beziehen die in ihren Berechnungen ein, wie breit die Bilder verbreitet wurden."

Erste Getty-Prozesse stehen an

Nur: Das vor Gericht zu testen, ist ein schwer zu kalkulierendes Risiko. Es könnte ja durchaus sein, dass die Richter der Argumentation Gettys folgen. Dann müssten die Abgemahnten nicht nur die Gebühren, sondern auch die Anwaltskosten beider Parteien tragen. Wie Gerichte den entstandenen Schaden beziffern würden, ist mangels bekannter Urteile in einem Getty-Fall nicht abzuschätzen.

Wenn die von Getty angeschriebenen Seitenbetreiber überhaupt nicht auf die Zahlungsaufforderung reagieren, erhalten sie eine Abmahnung von der Münchner Anwaltskanzlei Waldorf ( mehr bei SPIEGEL WISSEN), die schon Musikkonzerne wie Sony, Universal und Warner in Urheberrechtsangelegenheiten vertreten und Privatleute abgemahnt hat. Natürlich macht die Kanzlei entsprechende Gebühren geltend. Abgemahnten-Anwalt Gulden: "Nach der Abmahnung verlangt die Gegenseite Gebühren in Höhe von mehreren tausend Euro, von Fall zu Fall unterschiedlich, da sind Summen wie 3600 und 6000 Euro dabei."

Anwalt Gulden rät seinen Mandanten bei solchen Abmahnungen zu einer modifizierten Unterlassungserklärung. Seine Erfahrung damit bislang: "Wir geben diese modifizierten Erklärungen ab, weisen die Getty-Vertreter aber dann klar darauf hin, dass bei unseren Mandanten kein Geld zu holen ist - es sei denn sie klagen. Bislang hat Getty keinen unseren Mandanten verklagt."

Getty-Kunde Keilmann gibt sich kämpferisch: "Ich werde die Forderung nicht bezahlen und freue mich schon auf den Prozess."

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