BILDUNGSINITIATIVE Schulen ans Netz - eine kritische Jahresbilanz

Die Bildungsinitiative "Schulen ans Netz" - nur ein Werbegag der Telekom?


Am 18. April 1996 wurde die Bildungsinitiative "Schulen ans Netz" gestartet und damit für Schulen der längst überfällige Zugang zum Internet möglich. Der Bundesminister für Bildung übernahm die oberste Schirmherrschaft, denn die Initiative in die Obhut der Kultusministerkonferenz (KMK) oder der Bund-Länder-Kommission (BLK) zu geben, wäre mit dem Risiko verbunden gewesen, die Initiative dem bürokratischen Schleichgang auszusetzen.

Von der Telekom AG lag bereits in der Frühphase - als an der Studie "Schulen ans Netz" noch gearbeitet wurde - eine Zusage zur finanziellen Unterstützung vor. Damit war die entscheidende Grundlage für den Start gelegt. Telekom und Bundesminister haben hieraus ihre Schlüsselposition abgeleitet und präsentieren sie als "ihre" Initiative. Dies, obwohl auch andere Unternehmen ihre Unterstützung mit zum Teil weit höheren finanziellen Beträgen als die Telekom zusagten.

Bereits bei der Gründung des Vereins kam das Kompetenzgerangel in der bundesdeutschen "Bildungslandschaft" zum Vorschein: Zur Wahrung ihrer Interessen bestanden die Bundesländer darauf, daß sie in den entscheidenden Gremien vertreten sind und daß sie einen großen Anteil der bereitgestellten Mittel der Wirtschaft nach der festgesetzten Quote, dem sogenannten Königsteiner Schlüssel, selbst verteilen.

Damit war das Gießkannenprinzip eröffnet und der Projektgedanke, der insbesondere die Pionierarbeit und kooperative Partnerschaften fördern sollte, zerstört. Verwässert ist auch die Forderung, Projektergebnisse nachweisen zu müssen, sie mit anderen Entwicklungen zu vergleichen sowie anderen zur Nutzung bereitzustellen - Kreativität und Initiativen der Schulen enden an den Landesgrenzen.

Die Voraussetzungen für eine erforderliche Evaluation sind damit nicht vorhanden. Das Ergebnis dieser engen Sichtweise der Bundesländer ist absehbar: Bis zum Ablauf der Förderzeit von drei Jahren werden zwar viele Schulen mit dem Internet experimentiert haben, greifbare Ergebnisse für ein pädagogisches Konzept einer Medienerziehung wird es jedoch nicht geben.

Auch bei der Entwicklung des sogenannten Bildungsservers im Internet findet keine kooperative Partnerschaft und Aufgabenteilung statt. Er ist ein wichtiger Baustein für einen multimedial- und netzorientierten Unterricht, der Angebote für didaktisch-methodische Diskussionen sowie ein Forum anbietet. Einige Bundesländer drücken ihre Eigenständigkeit sogar durch eine eigene Netzkonzeption aus, ungeachtet der technologischen Sackgasse, in die sie sich damit begeben.

Der Öffentlichkeit wird "Schulen ans Netz" als Initiative des Bundesministers für Bildung und der Telekom präsentiert. Aufgrund der massiven Öffentlichkeitsarbeit des Bundesministers und der Telekom werden viele Unternehmen, die ihre Unterstützung geben, an den Rand gedrängt und können ihre Leistung, die mitunter weit höher zu bewerten ist, nicht mehr oder nur unzureichend der Öffentlichkeit präsentieren. Konsequenz: Die Unternehmen sind nur noch halbherzig und "zähneknirschend" dabei oder ziehen sich zurück. Konkurrenten, die sich später für eine Unterstützung der Initiative mehrfach angeboten hatten, wurden nicht berücksichtigt.

Der wesentliche Beitrag der Telekom sind die kostenlose Installation des ISDN-Anschlusses und die Gebührenübernahme von 1600 Mark pro Schule pro Förderungsjahr. Auf den ersten Blick erscheint dies als eine großzügige Förderung, insbesondere die Gesamtsumme von 36 Millionen Mark mag beeindrucken. Berücksichtigt man aber, daß bei den bestehenden Tarifen der Telekom nach wenigen Monaten die Gebührenfreiheit von 1600 Mark ausgeschöpft ist und anschließend der Gebührenzähler tickt, relativiert sich diese "großzügige" Spende sehr schnell.

Ein wichtiger Bestandteil der PR-Aktivitäten der Telekom ist die Bekanntgabe einer hohen Anzahl der über ISDN an das Internet bisher angeschlossenen Schulen. Diese Zahlen werden insbesondere bei internationalen Vergleichen benutzt, um den Anschluß an die internationale Entwicklung nachweisen zu können. Wenn man zeigen will, daß man die "Schlußlichtposition" jetzt verlassen hat, sollte man besser vergleichbare Grundlagen heranziehen: Und zwar die Angabe über die Anzahl der eigenständigen Internet-Zugänge der Schüler in den Schulen. Die Ausstattung mit einem Netzzugang und einem PC-Arbeitsplatz pro Schule ist reine "Ergebniskosmetik".

Was von der Bildungsinitiative übrig bleibt, ist ein Ausschreibungsverfahren, um Schulen Fördermittel zuzuweisen. Dieses Verfahren ist zweifelhaft, denn es ist nicht zu erkennen, nach welchen Kriterien der Förderungsantrag beschieden wird. So erhielten beispielsweise Schulen einen negativen Bescheid, obwohl sie häufig in der Endrunde des Bundeswettbewerbs Informatik vertreten waren, also Leistungsträger sind. Ebenso lehnte man andere Schulen mit ihrem Antrag auf Förderung ab, die sich auf diesem Gebiet bereits fachlich profiliert hatten.

Der Erfolg der Bildungsinitative ist auch abhängig von der Lehreraus- und -fortbildung, um multimedial- und netzorientierten Unterricht betreiben zu können. Erfreulicherweise haben sich viele Lehrer, die dieser Technologie bisher skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, bereiterklärt, sie in ihrem Unterricht einzusetzen. Voraussetzung hierfür ist eine professionelle Fortbildung, die sofort mit dem Start der Initiative hätte eingerichtet werden müssen. Statt dessen hat sie bis auf wenige Einzelaktivitäten nicht stattgefunden. Es ist zu befürchten, daß eine wichtige Chance vertan wurde, eine breite Basis für diese Technologie in der Schule aufzubauen. So haben vor allem Informatiklehrer die Bildungsinitiative an sich gezogen. Sie betreiben dabei oft ein Abgrenzungsverhalten und stören oder verhindern die Arbeit von weniger erfahrenen Lehrern in überheblicher Arroganz.

Fazit: Die Bildungsinitiative hat pädagogische Komponenten bisher vernachlässigt. Will man dem Vorwurf begegnen, daß sich "Schulen ans Netz" nur auf Technik und im wesentlichen auf die Installation von ISDN-Anschlüssen, die Gewährung von "Gebührenfreiheit" sowie die kostenlose Nutzung von T-Online beschränkt, also zu einem Werbegag der Telekom geworden ist, besteht noch großer Handlungsbedarf.

Professor Dr. Rainer Busch ist Urheber der Bildungsinitiative "Schulen ans Netz".

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