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Identitätsdiebstahl: Betrüger locken mit angeblicher Bitcoin-Studie

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Bitcoin: Internetbetrüger locken mit dem schnellen Geld Zur Großansicht
AP/dpa

Bitcoin: Internetbetrüger locken mit dem schnellen Geld

Mit Bitcoin einkaufen und dafür 500 Euro bekommen: Mit Angeboten wie diesem versuchen Online-Betrüger, an persönliche Daten junger Menschen zu kommen. Potenzielle Opfer suchen sie per Facebook-Annonce.

Das Angebot liest sich verlockend: Ein Phillipp Tillerman bedankt sich höflich für die Aufnahme in die beliebte Facebook-Gruppe "Berliner Jobs" und stellt sich als Wissenschaftler der Johannes-Kepler-Universität Linz vor, der für eine Onlinestudie Teilnehmer sucht. Das Honorar ist vergleichsweise gut, die Arbeit überschaubar, das Thema interessant für alle, die sich mit Internet befassen.

Das dachte auch die 29-jährige Lisa, die mit ihrem frischen Wirtschaftsmaster-Abschluss gerade auf Jobsuche war. Bei der Studie geht es um digitales Bezahlen und das Testen von Verkaufsplattformen, die mit Bitcoin arbeiten. Bitcoin sind eine Art digitale Währung; Forschungsvorhaben dazu scheinen plausibel.

Ausschnitt aus dem Facebook-Post: Bis zu 500 Euro Honorar Zur Großansicht

Ausschnitt aus dem Facebook-Post: Bis zu 500 Euro Honorar

Phillipp Tillerman wirkt seriös, schreibt angenehm und fehlerfrei. Er fordert auf, kurz die eigene Motivation für die Teilnahme zu schildern. "Wir nehmen nicht jeden", schimmert da als Botschaft durch. Zum Ende des Posts hin macht Tillerman ein wenig Druck: Nur noch wenige Plätze seien frei, man solle sich beeilen. Lisa bewirbt sich.

Die Mail ging an "cryptoresearch-studien"; offenbar der Name der Studiengruppe. Die Domain-Endung ist allerdings "uni.de", ein Anbieter, bei dem es einfach ist, eine E-Mail-Adresse zu bekommen und der seine Kunden im Bereich von Hochschulen sucht.

Eine gerade erst eingerichtete Domain

Die Antwort kommt einen Tag später, am Sonntagmorgen, aber nicht von Phillipp Tillerman, sondern von einer Anja Geschke. Der Absender: cryptoresearch-studie.de, diesmal also eine eigene Domain. Die ist allerdings leer. Ganz frisch eingerichtet.

Die vermeintliche Anja Geschke schreibt, sie habe einen Bachelor of Arts und koordiniere zusammen mit ihrer Kollegin Tanja Bach die Bewerbungen. Auch ihr Text ist in einem verständlichen Deutsch, beinahe fehlerfrei verfasst. Gut, das Wort Broschüre ist einmal falsch geschrieben. Aber es geht um 500 Euro für ein paar Stunden Aufwand, denkt sich auch Lisa. Im Arbeitsvertrag über "eine geringfügige Beschäftigung" wird ein Studienleiter genannt, den es auch tatsächlich gibt, wie eine kleine Suche auf der Internetseite der Uni Linz ergibt.

Man solle nun ein Bankkonto nennen, auf das dann die Forscher mehrere Tausend Euro in verschiedenen Überweisungen einzahlen wollen. Die Studienteilnehmer sollen das Geld in Bitcoin umtauschen und mit dem Geld auf verschiedenen Verkaufsplattformen bezahlen, dazu genau die Zeiten der Transaktionen dokumentieren.

Auszug aus dem Vertrag zur falschen Bitcoin-Studie Zur Großansicht

Auszug aus dem Vertrag zur falschen Bitcoin-Studie

Fragen würden gern beantwortet, falls der angehängte Vertragstext noch erläutert werden müsse, heißt es in der Mail, dann der mahnende Hinweis: "Bitte beachten Sie, dass die wenigen verfügbaren Plätze nach dem Prinzip 'first come, first served' vergeben werden." Lisa schreibt ihre Kontoverbindung in den Vordruck, unterschreibt, scannt Vertrag und ihren Personalausweis, schickt alles per E-Mail an die vermeintliche Studiengruppe.

Falscher Studienleiter, echter Mitarbeiter

Am nächsten Tag kommen ihr Zweifel. Auch anderen Interessenten waren Ungereimtheiten aufgefallen: Die Hochschule wurde nicht als Vertragspartner genannt, lediglich der Fachbereich. Die Unterschrift des Studienleiters wirkt eingescannt, der Name von Phillipp Tillerman wird anders geschrieben als in seinem Facebook-Account.

Und die Person, die angeblich die Internetseite angemeldet hat, ist unter dieser Adresse nicht zu finden. Herausfinden lässt sich die Adresse bei der Registrierungsstelle Denic, wo alle Internet-Domains mit .de-Endung registriert sind. Und dann ist da noch das viele Geld, das da transferiert werden soll. Zu viele Ungereimtheiten, denkt sich Lisa mittlerweile und widerruft ihren Vertrag. Eine Antwort erhält sie nicht.

Am Abend kommt schließlich eine E-Mail des angeblichen Studienleiters, der ein echter Mitarbeiter der Hochschule ist. Er war von einigen Interessenten direkt über seine Uni-E-Mailadresse angeschrieben worden. "Ich leite keine Studie zu Bitcoin-Marktplätzen. Bei dem Facebook-Profil handelt es sich um eine Fälschung. Es gibt auch keine Mitarbeiterin Anja Geschke. Freundliche Grüße."

Er habe Anzeige erstattet, schreibt er. Auf Facebook ist der Fake-Account mit seinem Namen noch tagelang zu sehen, zum Beispiel bei einer Gruppe für Wirtschaftsstudenten in Mainz. Der Account auf den Namen Phillipp Tillerman, mit der auf Facebook-Jobbörsen zumindest in Berlin und Hamburg geworben worden war, ist dagegen verschwunden.

Lisa ärgert sich inzwischen über ihre eigene Naivität. "Aber ich hätte das Geld so gut brauchen können", sagt sie. Genau damit haben die Betrüger gerechnet.

Wie gefährlich ist so ein Identitätsdiebstahl - und was kann man als Betroffener tun?
Sabine Petri von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: "Es könnte sein, dass irgendwann einmal jemand mit der falschen Identität und der Kontoverbindung im Internet einkauft. Die Lieferung erfolgt dann über Mittelsmänner an Deckadressen. Wer auf diesen bislang noch ziemlich unbekannten Trick mit der Studie hereingefallen ist, sollte regelmäßig sein Konto überprüfen, um falsche Lastschriften zu entdecken und bei der Bank zu stornieren. Der Händler, bei dem man angeblich eingekauft hat, muss dann auf jeden Fall auch informiert und über den Identitätsdiebstahl aufgeklärt werden."
Karsten Szymanski, beim Landeskriminalamt Berlin für Internetbetrug zuständig: "Wer wichtige Daten über das Internet schickt, sollte auf zumindest einem zweiten Kanal die Echtheit des Gegenübers überprüft haben. Gut ist es zum Beispiel, wenn man die Person persönlich kennt und sicher sein kann, dass es ihre E-Mail-Adresse ist, oder wenn man mit der Person telefoniert hat. Ist man dennoch auf eine solche Masche hereingefallen, ist es wichtig, alles Relevante zu dokumentieren, zum Beispiel durch E-Mails, Screenshots und Vertragstexte."

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. kein Identitätsdiebstahl
spon-spezi 19.01.2016
Ich glaube nicht, dass es den Betrügern vorrangig darum ging, die Identitäten der Studienteilnehmer zu stehlen. Es ging wohl eher um die Ausschleusung von kriminell erworbenem Geld ins Bitcoin-System, wo eine Nachverfolgung sehr schwierig ist. Da sehe ich 2 Varianten: 1. Die Betrüger hacken die Konten unbeteiligter Personen und überweisen Geld auf die Konten der Studienteilnehmer 2. Die Betrüger bringen mit dem bekannten Vorkasse-Trick Leute dazu, Geld auf die Konten der Studienteilnehmer zu überweisen.
2. Achso.
muehle79 19.01.2016
---Zitat--- Phillipp Tillerman wirkt seriös, schreibt angenehm und fehlerfrei. ---Zitatende--- Achso, deswegen steht im Bildausschnitt genau über dieser Zeile auch "Kopperation".
3. All das sieht auf den
Umbriel 19.01.2016
ersten Blick nach Vorkasse Spam aus. Wer darauf reinfaellt glaubt auch an den Weihnachtsmann. Im Prinzip eine Art Reality Test. Viel gefährlicher sind neuartige sehr echt aussehende Mails von PayPal und co. die unsicheres Verhalten provozieren sollen.
4. Bitcoin ist eindeutig ein Buzzer
Umbriel 19.01.2016
für 'Vorsicht Falle'. Wer Bitcoin nicht versteht lasse die Finger weg.
5. Selber schuld
bb1337 19.01.2016
Eine 29 jährige Studentin die auf sowas reinfällt? Das tut wirklich ein bisschen weh. Wenn es darum geht Bitcoins reinzuwaschen sind die Betrüger selbst ziemlich Amateure da gibts ja wohl bessere Möglichkeiten. Anstatt eine Behörde für Internet Betrug empfehle ich Menschen ein paar Gehirnzellen zu aktivieren bevor sie auf irgendwelche Online-Anzeigen eingehen. 1. Teilnahme an Studie mit guter Bezahlung flexibel von Zuhause (Stimmt NIE) 2. Bankdaten und Ausweis schicken (NIE eine gute Idee) 3. Plätze begrenzt und fast leer (wieso wird dann Werbung geschalten - primitivste Verkaufsstrategie heißt immer das etwas nicht stimmt) Wirtschaftsstudentin ei ei ei ei ....
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