Bitkom-Studie Das Web ist im Kinderzimmer angekommen

Das Internet ist für Kinder selbstverständlich geworden. Schon am Ende der Grundschulzeit gehört es für fast alle zum täglichen Leben - und überfordert damit Eltern, die mit dem Web noch nicht so vertraut sind.


Berlin - Fußbälle, Feuerwehrautos oder Blockflöten haben bei vielen Grundschülern Konkurrenz durchs Internet bekommen. 71 Prozent der 7- bis 10-Jährigen surfen regelmäßig zu Hause. "Ab 11 Jahren nutzt es praktisch jedes Kind", sagt der Präsident des Branchenverbands Bitkom, August-Wilhelm Scheer. Viele können nach Warnung von Experten dabei die Konsequenzen nicht überblicken.

Außer auf dem Schulhof treffen und verabreden sich Kinder und Jugendliche vor allem im Internet. 90 Prozent der 10- bis 17- Jährigen nutzen soziale Netzwerke wie SchülerVZ und Facebook oder Messaging-Dienste wie ICQ. Die Jugendlichen tauschen sich auf den Seiten mittels Textbotschaften und Videochat aus oder stellen Informationen und Bilder von sich und ihren Freunden auf eigenen Profilen ins Netz. Im Auftrag des Bitkom hatte die ARIS Umfrageforschung 1000 haushalte mit Internetanschluss und Kindern befragt.

Etwa jeder Zweite hat ein solches Profil und durchschnittlich 100 Freunde. "Für die meisten Kinder ist das entscheidende Motiv, zu kommunizieren und Spannung zu finden", sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Kontakte würden gefördert, und es könne auch sehr kreativ sein, wenn Heranwachsende ihre Internet-Auftritte gestalten.

Geringes Riskobewusstsein

Es gibt aber auch Risiken. "Die Reichweiten von Informationen werden oftmals unterschätzt", sagt die Medienexpertin Claudia Lampert vom Hamburger Hans-Bredow-Institut. So ist den Kindern und Jugendlichen oft nicht klar, wer die Bilder und Einträge sehen kann und wofür sie genutzt werden können. "Sie meinen, sie seien unter Freunden", sagt Lampert. Dabei können auch Fremde die Informationen und Bilder auf anderen Seiten oder für ungeahnte Zwecke missbrauchen. Auch Arbeitgeber informieren sich bei den sozialen Netzwerke über Bewerber - und stoßen nicht selten auf Schnappschüsse von Partys oder Urlauben.

Einige Kinder und Jugendliche werden im Netz zu Opfern. Beim "cyber bullying" suchen sich Gleichaltrige einzelne Klassenkameraden und versuchen sie, im Chat oder bei den sozialen Netzwerken fertig zu machen. Das "cyber grooming" birgt besonders für jüngere Kinder Gefahren: Erwachsene pirschen sich unter falscher Identität in Chats an sie heran, nicht selten mit dem Ziel, sich auch im echten Leben mit den Kindern zu treffen und sie zu missbrauchen.

Die Ohnmacht der Eltern

"Viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder im Netz machen", sagt Medienexpertin Lampert. Die virtuellen Welten, in denen sich ihre Kinder tummeln, sind vielen so fremd, dass sie oft nicht einmal nachfragen. Die Studie ergab, dass 31 Prozent der Eltern glauben, die Internet-Aktivitäten der Kinder nicht kontrollieren zu können. Von der Leyen rät, die Hobbys der Kinder nicht zu verteufeln - aber sich damit auseinanderzusetzen und sie zu begleiten. Für Grundschulen schlägt die Ministerin auch mehr geschützte, geschlossene Netze zur gemeinsamen Übung mit den Lehrern vor.

Für jüngere Kindern plädiert von der Leyen für Filter zum Schutz vor Gewalt- und Sexseiten. Mit diesen Systemen können Eltern gezielt Seiten sperren. Jugendliche bräuchten hingegen mehr Spielraum. Sie müssten lernen, eigene Wege in die immer verzweigtere Online-Welt zu gehen.

Katia Rathsfeld, dpa

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