Blinde Gamer "Lava, nicht drüberspringen!"

Sie beherrschen "Need for Speed", "Tekken" oder "FIFA" - und sind blind. Wer ohne Augenlicht Mainstreamspiele meistern will, braucht Geduld und viele Tricks. Dabei ginge es auch einfacher. "Barrierefreie Spiele" sind auf dem Vormarsch, Blinde und Sehende können darin gegeneinander antreten.


Blinde Spieler: Gaming nach Gehör

Blinde Spieler: Gaming nach Gehör

Fünf Jahre lang rührte Andreas Büttgenbach kein Gamepad mehr an. Eine missglückte Operation ließ ihn im Alter von zehn Jahren erblinden - und nahm ihm mehr als nur das Augenlicht. Er blieb zuhause und traf seine Freunde nicht mehr. Seine einst heiß geliebte Nintendo-Konsole verstaubte im Schrank. Erst mit fünfzehn, da ging es ihm längst wieder besser, wollte er nicht länger nur daneben sitzen, wenn seine Freunde die Playstation anschlossen und "Tekken" spielten. Fünf Jahre nach der Operation griff er zum ersten Mal wieder nach dem Gamepad - und ist seitdem begeisterter Fan vom Fußballspiel "FIFA" und den Quiztiteln "You don't know Jack" oder "Wer wird Millionär".

Neben Andreas, heute 21 Jahre alt, beschäftigen sich auch viele andere Blinde mit Computerspielen. Georgios Karkalis ist so etwas wie ein Experte in der Welt der Spiele. Zusammen mit ein paar Bekannten leitet er eine Mailingliste für sehbehinderte Computerspieler und betreibt unter gameport.blindzeln.de eine Website mit Spieltipps und demnächst auch Besprechungen. Georgios ist schon seit seinem fünften Lebensjahr Konsolenfan. Zu Anfang war es der aus heutiger Sicht steinzeitliche Atari 2600, heute besitzt er neben seinem PC auch Xbox, Dreamcast, Playstation und Gamecube.

Das Trippeln und Röcheln der Gegner

Und dies, obwohl Georgios gerade noch hell von dunkel unterscheiden und Umrisse erkennen kann. Prügelspiele wie "Wrestlemania 21" oder "Soul Calibur" beherrscht er meisterlich. Er kennt alle Moves und Kombinationen, selbst die kompliziertesten. Das Trippeln und Röcheln des Gegners hört er schneller, als man sehen kann. Doch bis er ein Spiel so gut beherrscht, vergeht einige Zeit. Freunde müssen ihm zunächst die Bedienungsanleitung vorlesen und die Menüstruktur erklären. Danach holt er sich im Internet Spielhilfen und Tricks: "Das ist harte Arbeit und zunächst auch alles ziemlich verwirrend."

Mit viel Geduld und etwas Kreativität bezwang Georgios auf diese Weise sogar schon das Weltraumepos "Wing Commander". Sein Trick: den schnellfeuernden Laser setzt er als Sonar ein, indem er so lange in die unendlichen Weiten ballert, bis er einen Feind trifft. Sofort eine Rakete hinterher, Todesschrei und Explosion - Treffer!

"Am Anfang stundenlang nur probiert"

Noch aufwendiger gestaltete sich der Plan von Nuray Gürler, 25, aus Marburg. Sie knackte in monatelanger Arbeit den Jump 'n Run-Klassiker "Super Mario Land". Die immergleiche Hintergrundmusik bot ihr eine Partitur aus Bewegungen und Pausen, die sie auswendig lernte. Zusammen mit ihrem blinden Bruder Ali tastete sich Nuray so Schritt für Schritt durch die 2D-Welt. "Am Anfang haben wir stundenlang nur probiert", erinnert sich Ali Gürler. Doch irgendwann passte jeder Sprung, konnte jeder Gegner überwältigt werden.

Eine schier unglaubliche Leistung, denn weder Computer noch Computerspiele sind für Blinde gemacht. Wo Hersteller und sehende Spieler versuchen, noch das letzte Polygon aus der Grafikkarte zu pressen, verzweifeln Blinde bereits an der Maus. Erst teure Spezialsoftware ermöglicht ihnen, in Internetshops einzukaufen, Hausaufgaben zu machen, Briefe zu schreiben oder durchs Netz zu surfen. An Spiele dachte dabei freilich niemand. Und so bleibt blinden Spielern bislang nicht viel mehr übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen. "Super Mario" mit geschlossenen Augen - das wäre eine Wetten-dass-Herausforderung.

Wo bleiben die Spiele für Blinde und Sehende?

Doch viele Blinde haben keine Lust auf solche Mammutaufgaben. Sie wollen einfach eine Runde zocken und später mit Freunden drüber reden. Doch die Spielehersteller ignorieren die blinden Spieler. Kein Wunder - wer würde schon auf die Idee kommen, dass man auch ohne Augenlicht Rennen in "Need for Speed Underground" fahren kann, wenn man die Strecken auswendig lernt und auf das Rütteln des ForceFeedback-Lenkrads vertraut?

Dabei wäre es so einfach, Spiele zugänglicher zu machen. "Ein sprechendes Menü, abwechslungsreichere Sounds, zuschaltbare Sprachausgabe, das würde ja erstmal reichen", wünscht sich Georgios, "Bis heute komme ich ohne Hilfe nicht einmal über den Startbildschirm hinaus!" Seit langem wartet der Systemkaufmann-Azubi auf einen Anruf aus der Spielebranche: "Herr Karkalis, geben Sie uns einen Tipp, wie wir Spiele barrierefrei gestalten können!" Das könnte sogar lukrativ für die Entwickler sein. Jeremy Spitzer, ein Pionier der barrierefreien Spielentwicklung: "Allein in den USA erwarten wir bis zu 1,5 Millionen blinde Spieler", Barrierefreiheit vorausgesetzt.

Mehr Piep als letzter Schrei

Doch davon können blinde Spieler bislang nur träumen - und entwickeln einfach selbst drauflos. Audiogames ist das Zauberwort. Selbst die BBC berichtete schon euphorisch von den Spielen von und für Blinde. Sie setzen allein auf guten Sound. Die meisten verzichten dabei ganz auf Grafik - viele Blinde schließen ihren Monitor nur im Notfall an den Rechner an. Das Szeneportal audiogames.net zählt mittlerweile rund 160 solcher Spiele. Autorennen, Textadventures, Shoot 'em Ups und Denkspiele. Audiogames werden mit der Tastatur gesteuert, statt hübscher Grafik zeigen Piep- und Summtöne an, wo der Spieler gerade ist, wo er hinzielt oder was er zu tun hat. Das macht Spaß, vom Hocker reißt es aber niemanden. Denn Computerspiele sollen nicht nur Spaß machen - man will auch über sie reden können! Doch während sehende Freunde begeistert von "Counter-Strike"-Runden und spannenden Abenteuern in "World of Warcraft" tratschen, bleiben den blinden nur die ambitionierten aber unspektakulären Audiogames. Mehr letzter Piep als letzter Schrei.

"Ein Onlineshooter für Blinde und Sehende, das wär ein Traum!", sind sich Georgios Karkalis und Andreas Büttgenbach einig. Und tatsächlich: mit "AudioQuake" und "Max Shrapnel" könnte dieser Wunsch bald wahr werden. Beide Spiele werden von blinden und sehenden Programmierern gemeinsam entwickelt. Beide wollen nicht ein Mainstream-Spiel erreichbar machen sondern blinde und sehende Spieler quasi auf Augenhöhe und in einem Spiel zusammenführen.

Für die Blinden sprechen die ansonsten stummen Gegenstände und Wände. Auf Tastendruck spuckt die Sprachausgabe ihr Wissen über den nahe gelegenen Abgrund aus: "Lava, nicht drüberspringen!"

Bereits jetzt ist eine frühe Version von "AudioQuake" im Netz. In den nächsten Wochen beginnt der Betatest von "Max Shrapnel", das ausgefeiltes Teamplay bieten will. Die Zeiten für blinde Computerspieler scheinen besser zu werden. Zumal auch die Gerüchte um eine blindenfreundliche Multiplayerwelt a la "World of Warcraft" Form annehmen. Ironie der Geschichte: schon seit vielen Jahren spielen Blinde und Sehende in den Text-basierten Multi User Dungeons (MUDs) mit- und gegeneinander. Ohne zu wissen, ob der andere sehen kann oder nicht. Vor der Tastatur sind eben alle gleich.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.