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Bloggende Wall-Street-Gegner: "Wir kriegen nichts, die Banker alles"

Im Netz formiert sich Widerstand gegen die US-Finanzindustrie: Ein Blog sammelt die Geschichten frustrierter Bürger - sie fordern, dass der amerikanische Traum auch für sie gilt. Ihr Motto: "Wir sind 99 Prozent."

"Wir sind 99 Prozent": Protest gegen Banken Fotos

Hamburg - Tausende US-Bürger protestieren gegen die mächtigen Finanzinstitutionen ihres Landes: "Occupy Wall Street" ist ihr Motto, die Wall Street besetzen. Die weitgehend friedliche Besetzung auf den engen Straßen von Manhattan wird über das Netz organisiert - und im Internet geben Hunderte der Bewegung ein Gesicht.

Auf dem Tumblr-Blog "We are the 99 Percent" erzählen Amerikaner von ihrem ganz persönlichen Alptraum, von hohen Krediten, die sie für ihr Studium aufgenommen haben, von Arbeitslosigkeit, zahlreichen Nebenjobs, von Krankenversicherungen, die sie nicht versichern wollen. Die Blog-Betreiber erklärt den Titel "We are the 99 Percent" so: "Wir machen viele Überstunden für wenig Geld und ohne Rechte - wenn wir überhaupt Arbeit haben. Wir bekommen nichts, während 1 Prozent der Bevölkerung alles bekommt. Wir sind die 99 Prozent."

Die Autoren der einzelnen Beiträge fotografieren sich mit handgeschriebenen Zetteln, auf denen sie ihr Leben beschreiben. "Mein Ehemann arbeitet 15 Stunden am Tag, sechs oder sieben Tage die Woche, damit wir unser Haus in einem ordentlichen Schulbezirk nicht verlieren", hat zum Beispiel Josie aus Los Angeles geschrieben. Ihre Geschichte:

"Wir müssen jedes Jahr mehr als 12.000 Dollar für unsere private Krankenversicherung ausgeben. Meine Kinder kennen ihren Vater kaum, aber wir sind ihm alle dankbar für seinen Einsatz. Wir sind die 99 Prozent!"

Mehr als 500 Fotos hat das Blog schon gesammelt, auffallend viele Einsendungen sind von jungen Frauen, die über hohe Schulden klagen, die sie für ihre Ausbildung aufnehmen mussten. Außerdem gibt es mehrere Einträge von älteren Männern und Frauen, die nach Jahrzehnten Arbeit nach eigenen Angaben mit kaum etwas dastehen.

"Ich habe eine Erbschaft durch ein Investment verloren, meine tariflichen Sozialleistungen hörten auf, als meine Arbeit 2009 aufhörte. Dann bin ich lebensgefährlich erkrankt. Ich habe angefangen, meinen Körper zu verkaufen, um zu überleben. Die Rechnungen werden bezahlt, ich gehe nicht auf den Strich und es ist ehrlich. Ich bin die 99 Prozent."

Einige beschreiben tragische Einzelfälle, Schwerkranke sind darunter, die durch das löchrige Sozialnetz der USA gefallen sind. Auch blauäugig scheinende Teenager, die Kunst studieren. Doch vor allem sind es ganz normal wirkende Menschen, die alles richtig machen wollten. In der Summe ergeben diese Einzelschicksale eine abgehängte Gruppe, die sich selbst als Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft begreift.

"Ich bin 23 Jahre alt, ein Jahr verheiratet und habe gerade meinen Job bei einer Firma verloren, die 30 Jahre existiert hat. Noch geht es uns gut, aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin die 99 Prozent."

Das Blog zeigt eine verunsicherte Mittelschicht, die nicht einsieht, dass der amerikanische Traum für sie nicht gelten soll - während Großbanken sich um Steuerzahlungen drücken und vom Staat gerettet werden, wenn ihre riskanten Wetten platzen. "Einen Job, ein Haus, vernünftige Bezahlung - ist das etwa zu viel verlangt?"

Die Initiatoren des Blog-Protests schreiben:"Wenn Du das hier liest, liegt die Chance bei 99 Prozent, dass du einer von uns bist."

ore

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insgesamt 381 Beiträge
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1. Schoene Aussichten
aceofspade 05.10.2011
Zitat von sysopIm Netz formiert sich Widerstand gegen die US-Finanzindustrie: Ein Blog sammelt die Geschichten frustrierter Bürger*- sie*fordern, dass der amerikanische Traum auch für sie*gilt. Ihr Motto: "Wir sind 99 Prozent." http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,790017,00.html
Amerika war Deutschland schon immer ein paar Jahre voraus.
2. Die Leute haben Recht !
peterhausdoerfer 05.10.2011
Zitat von sysopIm Netz formiert sich Widerstand gegen die US-Finanzindustrie: Ein Blog sammelt die Geschichten frustrierter Bürger*- sie*fordern, dass der amerikanische Traum auch für sie*gilt. Ihr Motto: "Wir sind 99 Prozent." http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,790017,00.html
sie sind tatsächlich die 99% - gegen - die regiert wird. Die ärmsten 150 Millionen Amerikaner haben im Durchschnitt 6,000 Euro Vermögen und in Summe soviel wie die reichsten 400. Die 99% müssen aufstehen und sich - ihr - Land zurückholen das ihnen genommen wurde. Geschenkt wird ihnen gar nichts werden. Ich wünsche dem "amerikanischen Frühling" den Erfolg den er verdient. Give´m hell, because that´s what they deserve !
3. Der Ausgang steht fest,oder?
ronald1952 05.10.2011
Zitat von aceofspadeAmerika war Deutschland schon immer ein paar Jahre voraus.
Hallo, Bei unseren Politikern sieht man ja, welche Richtung sie einschlagen. Bei den Amis ist es nicht anderst.99% looser und 1% Elite.Das ist doch das heútige Gedankengut dieser Herrschaften. gruß Peter
4. Wetten …
wika 05.10.2011
… wir werden ähnliche Zustande bekommen. Dafür ist dieses System der Garant und jahrzehntelange Statistik belegt es. Exponentielles Wachstum des Geldes funktioniert nicht und das Dilemma klopft schon an die Tür. Statt die Notbremse zu ziehen erden auch hier alle Reserven mobilisiert um sie innerhalb der Banken zu verbrennen und damit die Umverteilung von unten nach oben zu beschleunigen. Auch letzterer Umstand ist ja statistisch schon hinlänglich erwiesen. Aber der eigentliche Kern des Übels, wie oben angedeutet, wird auch von den Mainstreammedien fein säuberlich ausgespart. Stattdessen bekommen wir täglich das Gemurmel von irgendwelchen nichtssagenden Fakten die unser Glück bestimmen sollen, dabei sind es ausschließlich *die Banken als Lotteriegesellschaften mit staatlicher Gewinngarantie* die am Ende unser Schicksal werden … Link (http://qpress.de/2011/06/17/banken-sind-lotteriegesellschaften-mit-staatlicher-gewinngarantie/). In Amerika ist es halt noch etwas krasser und wird auch noch schneller gehen, weil dort schon rund 1/6 der Bevölkerung von Foodstamps lebt (knapp 50 Mio. Amerikaner). Viele ehemalige Hausbesitzer kampieren auf der Wiese nebenan im Zelt, während das durch die Bank beräumte Haus verfällt. Träumen darf ja jeder nur leider sind dann auch so manche Albträume darunter, solche die sich kein Mensch gewünscht hat … (°!°)
5. Richtig!
mannilli 05.10.2011
Zitat von sysopIm Netz formiert sich Widerstand gegen die US-Finanzindustrie: Ein Blog sammelt die Geschichten frustrierter Bürger*- sie*fordern, dass der amerikanische Traum auch für sie*gilt. Ihr Motto: "Wir sind 99 Prozent." http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,790017,00.html
Richtig, richtig, richtig! Wann versteht es der Bürger hier? Wann wird begriffen, das die Banken *nicht* seriös sondern, milde ausgedrückt, unseriös arbeiten? Hoffentlich bald!
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Wall-Street-Blockade: Protest in New York



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