"Das ist für alle Leute, die gesagt haben, dass ich ein Blog haben sollte", schreibt Tim Berners-Lee im ersten Eintrag seines neuen Blogs, in dem er in Zukunft vor allem Fragen rund um sein jüngstes Steckenpferd, das sogenannte Semantic Web diskutieren will. Darunter versteht man eine zukunftsfähige Erweiterung des Webs, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass Inhalte besser kategorisiert und auch für Maschinen "verständlich" sind.
Das Blog, das passenderweise zum 15. Geburtstag des Webs startet, ist auf den Seiten der Decentralised Information Group am Massachusetts Institute of Technology zu finden, wo Berners-Lee auch einen Lehrstuhl hält. Bezahlt wird seine Forschung am Netz der Zukunft übrigens aus Mitteln der Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), dem Forschungsableger des US-Verteidigungsministeriums, der - damals noch unter dem Namen Arpa - den direkten Vorläufer des Internets aus der Taufe hob.
Über das Netz der Zukunft will Berners-Lee nun im Blog mit seinen Kollegen und interessierten Usern diskutieren - und auch wieder nicht. Denn nach seinem ersten Posting vor zehn Tagen gingen dem Web-Veteranen erst einmal die Augen über: 450 Kommentare fanden sich unter seinen ersten paar Willkommenszeilen. Und es wären sicher noch weit mehr geworden, hätte Berners-Lee die Kommentarfunktion nicht zähneknirschend wieder abgeschaltet.
Der Brite versank schier in Anerkennung: Fans, Groupies, Bewunderer aller Couleur wollten dem Web-Erfinder mit dem jungenhaften Charme einmal persönlich ihren Dank aussprechen. Im Fall des Briten Oliver Hughes klang das dann ungefähr so: "Tim, vielen Dank für das Netz. Du hast mir ein Leben als Supermarktkassierer erspart". Manche User wie "shaunytwo" wurden auch gleich ein bisschen fordernder: "Wie jeder hier, möchte, nein, verlange ich mehr! Mehr von Deinen Gedanken, mehr Geschichte, mehr Geschwindigkeit. Und werden wir mit Dir in die Zukunft blicken können?"
Daraufhin steckte Berners-Lee notgedrungen zurück. Hauptsächlich langweiliger Kram rund ums Semantic Web werde in seinem Blog diskutiert. Und der Dank gebühre eben nicht nur ihm, sondern auch Netz-Pionieren wie Vint Cerf und Bob Kahn. Für das Konzept des Hypertexts, das dem Web zugrunde liegt, sollten die Blumen doch bitte an Ted Nelson geschickt werden. Apropos Blumen: "Danke für all die Unterstützung. Es braucht jetzt keine generellen 'Danke schön'-Kommentare mehr. Danke *Euch* allen", so Berners-Lee.
So klingt es also, wenn König Tim virtuell Hof hält. Berners-Lee - von der Queen vor anderthalb Jahren zum Ritter geschlagen - ist ein Star im Netz und wird von vielen Usern als eine Art Lichtgestalt wahrgenommen. Doch trotz aller Groupies wird er wohl kein Star-Blogger werden. Dafür spricht allein sein vergleichsweise niedriger Ausstoß: Innerhalb von zehn Tagen hat der vielbeschäftigte Weltreisende es gerade mal auf zwei Blog-Einträge gebracht, die sich auch noch auf Formalia beschränkten. Nun warten Berners-Lees Fans mit Spannung auf die ersten inhaltlichen Statements.
Christoph Seidler
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