Blogger aus London "Ich zittere jetzt, es ist schwer zu tippen"

Während das Mobilfunknetz in London in den Stunden nach den Anschlägen darniederlag, drangen einige Stimmen über Blogs und Foren nach draußen. Blogger berichteten zu Hause und in Internet-Cafés in der Innenstadt über das Chaos im Zentrum. Andere flüchteten aus der Stadt und bloggten von unterwegs.


Screenshot Metblogs: Londons Auge weint

Screenshot Metblogs: Londons Auge weint

Auf der Webseite "Metroblogging" schreiben verschiedene Londoner, die in der Innenstadt arbeiten, über ihren Alltag. Gestern berichteten sie von den Ereignissen, die das öffentliche Leben in der Stadt fast zum Erliegen brachten.

"Ich habe gerade einen Anruf von meiner sehr verängstigten 11-Jährigen und ihrer genauso entsetzten Mutter entgegengenommen, die durch die Ereignisse des Morgens stecken geblieben sind", schrieb einer der Blogger, "zum Glück hat es meine Tochter in ihre Schule und meine Frau zu einem Kliniktermin geschafft".

"Vollgestopft mit Leuten, die nicht wissen, was los ist"

Ein anderer hat es trotz der lahm gelegten U-Bahn nach Hause geschafft: "Ich habe bei der London Bridge auf einen Bus gewartet, als Krankenwagen an mir vorbeizuströmen begannen. Alles schien langsamer zu werden und niemand wusste, was los ist. Als klar wurde, dass keine Busse Richtung Waterloo fahren würden, stieg ich um und fuhr zurück zu Elephant and Castle, wo ich wohne. Elephant ist vollgestopft mit Leuten, die nicht wissen, was los ist. Krankenwagen fahren immer noch durch Central London, Busse sind die gesamte St. Geroge's Road hinauf geparkt ... Es ist immer noch nicht klar, was los ist. Man bittet die Leute, drin zu bleiben, falls es nicht unbedingt notwendig ist, rauszugehen. Schwierig, die Meisten sind ja schon bei der Arbeit."

Ein Blogger mit dem Bildschirmnamen "Chris" steckte zunächst mittendrin im Londonder Chaos: "Die Straßen sind voller Leute, die alle hinereinander herlaufen in der vergeblichen Hoffnung, dass irgendjemand vorne weiß, wo es hingeht. Ich bin in einem Starbucks mitten in Chelsea (glaube ich). Alle Taxis sind natürlich voll. Ich muss rausfinden, wie ich zu einem Busbahnhof komme, damit ich irgendwann nach Hause kann." Später: "Update: Ich komme auf meinem Mobiltelefon mit Vodafone zu niemandem durch. Muss überlastet sein durch Leute, die ihren Chefs mitteilen, dass sie zu spät kommen werden."

"Ich habe NIE so viele Taxis auf der Autobahn gesehen"

Später meldete sich "Chris" erneut, er ist dabei, sich aus London abzusetzen: "Zur Abwechslung bleibe ich mal nicht wo ich bin, entgegen den Ratschlägen. Ich sollte heute ohnehin nach Bristol zurück. ... Im Moment bin ich in der Autobahnraststätte Heston an der M4. Das ist gleich östlich von Heathrow und ich warte dort darauf, dass mein Bruder mich abholt. 50 Pfund oder so fürs Taxi, und ich bin draußen aus der City. Nachdem, was heute passiert ist, hätte ich nie einen Bus bekommen. Nennt mich einen Feigling, wenn ihr wollt, aber mein erster Instinkt war, so weit von London wegzukommen wie möglich. Und ich war nicht der einzige. Ich habe NIE so viele Taxis auf der Autobahn gesehen, auf dem Weg nach Westen, aus der Stadt raus. Ich kann mir das Entsetzen nicht vorstellen, das Leute durchmachen müssen, die das heute Morgen miterlebt haben, aber mein Herz ist bei allen, die davon betroffen sind. Ich zittere jetzt und es ist schwer zu tippen, deshalb soweit erst mal."

In ihrem Blog "Bobzyeruncle" berichtete eine Londonerin: "Mein kleiner Freundeskreis scheint in Sicherheit zu sein. ... Ich kam zur Marble Arch U-Bahn-Station nachdem ich um neun Uhr morgens zu Hause telefoniert hatte. Es war von einem "Netzwerk-Problem" die Rede. I lief also zur Bond Street und sie war einfach dicht. Keine Schilder, keine Leute, nichts. Hmmm. Die Busse auf der Oxford Street waren ein reines Chaos, und auf meinem Blackberry und meinem Handy gab es keine Verbindung, also lief ich zur Marleybone Road um einen weniger vollen Bus zu finden. Haufenweise Rettungswagen und Polizei. Ein paar Hubschrauber. Ich bekam langsam dieses dumpfe Gefühl im Magen, das Gefühl, dass das hier größer ist als ein Stromausfall. Die, die ein Funknetz auf ihren Handys hatten murmelten "Explosionen" und "Sind es Bomben?". Es war alles so ruhig. Nicht wie 9/11, als die Leute durch die Straßen rannten. Die Briten regen sich einfach nicht auf. Ich hörte, dass einer der Vorfälle in der Liverpool Street war, was meine Zielstation ist, also entschied ich, einfach nach Hause zu fahren. Jetzt sitze ich hier und sehe BBC."

"Alle saßen herum und tranken"

"Fink" dokumentierte, offenbar von einem mobil vernetzten Rechner aus, seine Odyssee auf dem Weg nach Hause. Zunächst berichtet er von dem Versuch, in der Kantine seines Arbeitgebers etwas zu essen zu bekommen: "Das Erdgeschoss ist in eine 'Ruhezone' mit heißem Tee und Decken für die umgewandelt worden, die unter Schock stehen." Dann macht sich "Fink" auf den Heimweg, schafft es, von einem Kollegen ein Stück mitgenommen zu werden - und landet in einer Kneipe: "Der Pub war absolut vollgepackt, vor allem Leute mit großen Taschen, Touristen auf der Durchreise, stecken geblieben im Chaos ... Der Besitzer hatte einen Projektor laufen und zeigte die Berichterstattung von BBC News, zwei mal drei Meter groß an die Wand geworfen ... Alle saßen herum, hörten sich immer wieder die Rede von Tony Blair an, spekulierten über die Gerüchte über einen Selbstmord-Attentäter in der Nähe der Canary Wharf und tranken ... Alle sind traumatisiert. Ein Mann (er sah aus wie ein Bauarbeiter) hatte immer noch einen rußigen Umhang an (offenbar hatte er in der U-Bahn zu tun) ... Ich will nur raus aus London."

Das "London Eye" weint

Später machte er sich zu Fuß auf den Weg: "So, wir brechen auf ... wie es sich anhört, ist da draußen absolutes Chaos, [eine Bekannte] brauchte zu Fuß 45 Minuten zur Victoria Station und die ist zu, Tausende und Abertausende von Leuten stehen draußen, ich kann mir vorstellen, dass die Situation an anderen Bahnhöfen ähnlich ist ... sie steckt also in London fest, central London ist für den Verkehr gesperrt, also können wir nicht hin und sie rausholen, und nach dem, was man hört, sind die M25 und die M23 absolut verstopft (mit Rettungsfahrzeugen), wie ich vermutet hatte ... Wenn/falls ich nach Hause komme, werde ich wieder posten - wünscht mir Glück!"

Bei "Metroblogging" ziert jetzt ein Cartoon die Seite. Ein Künstler hat seinen Kommentar zum Geschehen gezeichnet, anstatt zu schreiben: Das "London Eye", "Londons Auge", das gewaltige Riesenrad an der Themse, ist zu sehen - und es weint.



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