Es ist nicht mehr so einfach wie früher, ein Netzbürger, ein Mitglied der "Netzgemeinde" zu sein. Je stärker das Internet zu einem global wirksamen Faktum wird, zum Teil des Alltags, desto komplizierter werden die Diskurse, die darüber geführt werden. In Berlin sind in diesen Tagen deutsche und internationale Blogger versammelt, bei der re:publica, einer Veranstaltung, bei der sich einst die Szene ihrer Gemeinsamkeiten versicherte. Heute offenbart sie eher die Unterschiede, die sich inzwischen aufgetan haben.
Am Mittwoch um 12.00 Uhr wird das beispielhaft deutlich. Im großen Saal des Friedrichsstadtpalastes spricht Jeff Jarvis, Autor von "Was würde Google tun?" und inzwischen eine Art Popstar unter den Internet-Vordenkern, auf der Bühne über die Deutschen und die Privatsphäre. Er macht Witze darüber, dass hierzulande zwar Männlein und Weiblein gemeinsam und völlig unbekleidet in die Sauna gehen, dass aber die Sammlungen privater Daten, die Unternehmen wie Google oder Facebook anlegen, Empörung und öffentliche Kritik hervorrufen. Aus dem Publikum: Johlen und Klatschen.
Jarvis glaubt an die Macht der Offenheit - er selbst berichtet via Twitter regelmäßig über ärztliche Untersuchungen, denen er sich unterziehen muss. Und natürlich ist er ein Fan von Google: Der Suchmaschinenkonzern habe mit seiner Entscheidung, sich aus China zurückzuziehen, " eine moralische Entscheidung getroffen", glaubt Jarvis.
"Google, Google Mail und Picasa gehören uns"
Zur gleichen Zeit sitzen in einem anderen Raum in der "Kalkscheune" nebenan ernsthafte junge Menschen und sprechen über das exakte Gegenteil dessen, was Jarvis propagiert: über die Frage, wie Privatsphäre, private Daten und Kommunikation vor dem Zugriff anderer geschützt werden können. Der Markenname Google hat hier, 100 Meter Luftlinie von Jarvis entfernt, einen ganz anderen Klang. Hier ist der Suchmaschinenkonzern in erster Linie ein besorgniserregender Datensammler, einer, dem man auf die Finger schauen muss, dem nicht zu trauen ist - weil einfach keinem zu trauen ist, der so viel Privates über Einzelne anhäuft. Und weil Regierungen auch in nicht-totalitären Staaten in wachsendem Ausmaß auf die Datensammlungen privater Anbieter zugreifen. In den USA ist das spätestens seit der Verabschiedung des Patriot Act kaum noch ein Problem für Strafverfolger - ein Faktum, auf das auch schon Google-Chef Eric Schmidt öffentlich hingewiesen hat.
Noch eine Tür weiter sitzt direkt im Anschluss Michael Anti, Journalist und Blogger aus China. Für ihn ist Google keine Datenkrake, kein potentieller Kollaborateur von Regierungen: "Google, Google Mail und Picasa gehören uns", findet Anti, und meint mit "uns" Chinas Dissidenten. Der Suchmaschinenkonzern habe mit seinem Rückzug aus China trotzdem genau das Richtige getan, findet er, nämlich ein Zeichen gesetzt. Die Frage sei eher, ob andere Unternehmen aus dem Westen "den Mut haben werden", es dem Konzern gleichzutun. Googles Rückzug aus seinem Land sei einer der seltenen Momente gewesen, in denen der reflexhafte Nationalismus vieler Chinesen aus der Mittelschicht aufgeweicht worden sei: "Die Leute stehen auf Googles Seite."
Spielt das Netz totalitären Systemen in die Hände?
"Google spielt sein eigenes politisches Spiel", findet dagegen Evgeny Morozov, geboren in Weißrussland, derzeit Dozent an der Georgetown University. Er glaubt nicht an die gesellschaftverändernde Macht des Netzes, jedenfalls nicht, bevor er dafür Belege gesehen hat. Und die gebe es bislang nicht, sagt Morozov: "Ich glaube nicht, dass Twitter einen einzigen Iraner dazu gebracht hat, auf die Straße zu gehen".
Morozov ist bekennender Zyniker. Dass Michael Anti und andere bei der Tagung anwesende Cyber-Dissidenten, etwa aus Russland und Iran, das Netz für seine vermeintlich freiheitsschaffende Kraft priesen, sei kein Wunder, sagt er: "Deren Lebensunterhalt hängt davon ab, dass der Westen, dass die Medien bestimmte Einstellungen gegenüber digitalem Aktivismus aufrechterhalten." Indem sie beständig die gesellschaftsverändernde Kraft des Internets beschwörten, machten sie eigentlich nur Werbung für ihr eigenes Geschäftsmodell, glaubt Mozorov. Ob das Netz nicht vielmehr den Diktatoren und totalitären Systemen dieser Welt in die Hände spiele, ob es nicht Überwachung, Kontrolle und Propaganda eher vereinfache, sei längst nicht ausgemacht.
Eine wachsende Zahl ideologischer Splittergruppen
Dass die US-Regierung derzeit Unternehmen aus dem Silicon Valley vorschicke, um Außenpolitik zu betreiben, sei ein Unding. Er habe zwar "keinen Einblick in Googles moralisches Innenleben", eins sei jedoch im Bezug auf den China-Rückzug klar: "Natürlich haben sie das aus wirtschaftlichen Gründen getan. Sie sind dort aus wirtschaftlichen Gründen hingegangen und es wurde einfach zu schwierig, dort zu arbeiten, also haben sie sich eben wieder zurückgezogen." Morozov vertritt auf der re:publica zweifellos eine Minderheitenmeinung, er genießt augenscheinlich die Rolle des advocatus diaboli. Trotzdem gehört er irgendwie hierher, als ein Markstein für die Breite, die der Netz-Diskurs von heute beansprucht.
Informationsfreiheit hier, Datenschutz dort, staatliche Datensammlungen hier, Unternehmens-Datensammlungen dort, privat bestimmte Öffentlichkeiten hier, verfolgte Dissidenten dort, Social Networking als Weltverbesserungsmechanismus, Social Networking als Datensauger des Kapitals: Die Utopien der aus der Hippiebewegung hervorgegangenen ersten Netz-Theoretiker prallen nun mit Wucht auf die deutsche Hackertradition, die individuelle Freiheit, Datensparsamkeit und Datenschutz betont - egal, ob es um Regierungen oder Unternehmen geht. Es sind gewissermaßen europäische und amerikanische Denkschulen, die hier aufeinandertreffen, und dabei eine wachsende Zahl von ideologischen Splittergruppen erzeugen.
Re:Publica Mit-Organisator und "Netzpolitik"-Blogger Markus Beckedahl formuliert es so: "Was die Leute hier verbindet, ist eigentlich nur noch, dass sie das Internet als selbstverständlichen Bestandteil in ihr Leben integriert haben. Es geht um vergleichbare Arten der Mediennutzung, nicht mehr notwendigerweise um geteilte Einstellungen."
Die Tage, in denen der Sammelbegriff "Netzgemeinde" noch irgendeinen Nutzen hatte, dürften bald gezählt sein.
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