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Blogger-Selbstregulierung: Zügel für die Zügellosen

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Web-2.0-Guru Tim O'Reilly fordert einen Verhaltenskodex für Blogs: keine anonymen Foren mehr, nur noch geprüfte Kommentare und eine Selbstkennzeichnung. Kritiker fürchten Zensur und ein weichgespültes Internet.

Es begann mit einer Morddrohung: "Ich hoffe, jemand schneidet dir den Hals auf", schrieb vor sechs Wochen ein anonymer Kommentator in das Weblog der US-Programmiererin Kathy Sierra. Als Konsequenz hat der Verlagsgründer und Web-Guru Tim O'Reilly jetzt einen Verhaltenskodex für Blogger vorgeschlagen. Er fordert unter anderem: Blogger sollen "nicht-akzeptable" Beiträge zensieren, das Urheberrecht respektieren, anonyme Kommentare prinzipiell verbieten.

Web-Visionär O'Reilly: Fordert eine Blogger-Selbstkontrolle

Web-Visionär O'Reilly: Fordert eine Blogger-Selbstkontrolle

Prominente Blogger kritisieren diese Vorschläge: Robert Scoble erklärt, der "soziale Druck" hier mitzumachen "beunruhige" ihn, IT-Blogger Michael Arrington schreibt, er werde "einen Mob nicht entscheiden lassen, welche Inhalte nicht-akzeptabel sind".

Diese Debatte über Professionalisierung und Selbstregulierung von Blogs schwappt jetzt nach Deutschland. Sascha Lobo, Mitgründer des deutschen Blog-Werbevermarkters adical.de kommentierte O'Reillys Vorschläge skeptisch. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte er: "Die Missbrauchsgefahr ist in meinen Augen hoch und die Selbstzensur eine unterschätzte Gefahr. Vor die Wahl gestellt, würde ich mich lieber in Blogs wüst beschimpfen lassen, als dass ein Kodex ein eventuell wichtiges Posting verhindert."

O'Reilly will die Meinungfreiheit beschränken

Diese Fragen werden ein zentrales Thema auf der morgen in Berlin startenden Konferenz "re:publica - Leben im Netz" sein. Tagungs-Organisator und Blogger Markus Beckedahl sagt zu SPIEGEL ONLINE: "O'Reillys Forderungen, dass Blogger Markenrechte und Urheberrechte nicht verletzten dürften, halte ich für sehr kritikwürdig. Ausufernde Urheber- und Markenrechte können das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzen und Zensur fördern."

Am heftigsten attackieren Kritiker O'Reillys Forderung, nicht nur die eigenen Texte, sondern auch die Kommentare der Leser an einem Kodex zu messen und sie bei Verstößen zu zensieren. Nicht zu akzeptieren sind laut O'Reilly: Drohungen, Diffamierungen, Urheberrechtsverletzungen und Schleichwerbung. Aber: Was ist ein erlaubter, gehässiger Kommentar, was eine unzulässige Diffamierung?

Blogger sollen entscheiden, wer kommentieren darf

O'Reillys Vorschlag würde in der Praxis so aussehen: Jeder Blogger entscheidet allein und vorab für alle potentiellen Leser, welche Kommentare zulässig sind. Dieser Ansatz widerspricht der Idee des Webs im Allgemeinen und der Blogosphäre im Besonderen als Ort einer kollektiven Intelligenz, einer Ordnung, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Sehr umstritten ist O'Reillys zweiter Vorschlag in Bezug auf Blog-Kommentare: "Wir setzen voraus, dass Kommentierende eine echte E-Mail-Adresse angeben, bevor sie schreiben. Sie dürfen allerdings online unter einem Alias schreiben." Im Diskussionsforum zu O'Reillys Vorschlägen ist dieser Absatz besonders umstritten. Immer wieder tauchen anonyme Kommentare auf wie: "Wir ziehen es vor, dass Informanten sofort erschossen werden." Die Wut dieser Kommentar-Vandalen ist groß, ihre Sorge verständlich: Müssen kritische Kommentare – zum Beispiel zu Arbeitgebern – wirklich zum Urheber zurückzuverfolgen sein? Weblog-Aktivist Sascha Lobo: "Das geht in meinen Augen zu weit. Blogs und die Kommentare dazu sollten anonym bleiben können."

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Forum - Selbstregulierung für Weblogs?
insgesamt 24 Beiträge
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1.
inci 10.04.2007
Zitat von sysopInternet-Pionier Tim O'Reilly fordert einen Blogger-Kodex: Sie sollen "nicht-akzeptable" Nutzerkommentare zensieren und anonyme Meinungsbeiträge gar nicht erst zulassen, damit Beleidigungen und Drohungen aufhören. Brauchen Blogs mehr Kontrolle?
nein, vielleicht bräuchten manche blogger mehr hirn und verstand, aber das wird mit kontrolle auch nicht besser! also ich fordere mal den denker-kodex: man sollte gleich nach dem aufstehen sofort mit dem denken aufhören, und sich zur kontrolle nach dem duschen und zähneputzen sofort den mind-controller hinters ohr klemmen!
2.
Al Dente, 10.04.2007
Zitat von sysopInternet-Pionier Tim O'Reilly fordert einen Blogger-Kodex: Sie sollen "nicht-akzeptable" Nutzerkommentare zensieren und anonyme Meinungsbeiträge gar nicht erst zulassen, damit Beleidigungen und Drohungen aufhören. Brauchen Blogs mehr Kontrolle?
Zum Thema sei auch folgende Lektüre empfohlen: Monokultur und "Mob 2.0": Jaron Lanier über die Gefahren des Internets http://www.netzthemen.de/monokultur-und-mob-2-0-jaron-lanier-uber-die-gefahren-des-internets Wer meint die Anonymität des Internet würde nicht schamlos ausgenutzt für Pöbeleien oder schlimmstenfalls für Morddrohungen ist reichlich naiv. Ich bin ebenfalls wie Tim O'Reilly der Meinung, dass man nicht jeden Schundkommentar in seinem Blog zulassen sollte. Dem digitalen Mob muss man einfach das digitale Sprachrohr zudrehen, Punkt. Wer sich nicht benehmen kann ist es nicht wert angehört zu werden.
3.
schlafschule69, 10.04.2007
Was die brauchen ist der sysop. Mit einem so guten Posting-Anubis kann sowas nicht passieren. aber im Ernst - wie soll das funktioniern? die Netikette gibts ja schon lang und es wird trotzdem immerwieder Leute/User geben die nur posten um sich mit andern zu fetzen oder diese in ihrem Blog zu diskrditiern. Das Internet ist halt auch kein Picknik. Z.B. hab ich letztens ne E-Mail bekommen wo drinstand , dass ich entweder 300 Euro zahlen soll oder in Zukunft die URL von meiner Seite ganz oben kommt bei Google wenn mann Verbrecher oder Gangster eingibt. (die Seite ist gar nicht öffentlich, ich benutz die nur als virtuelle Mappe) Habs dann extra probiert - hat aber nicht gefunzt, sonst wär ich Deutschhiphoppromoter geworden. mfg alex
4.
tamtam, 10.04.2007
Zitat von sysopInternet-Pionier Tim O'Reilly fordert einen Blogger-Kodex: Sie sollen "nicht-akzeptable" Nutzerkommentare zensieren und anonyme Meinungsbeiträge gar nicht erst zulassen, damit Beleidigungen und Drohungen aufhören. Brauchen Blogs mehr Kontrolle?
zunächst einmal würde ich mich für die meinungsfreiheit und -vielfalt aussprechen wollen: das gute daran ist nämlich, dass jeder knallkopp zwar seinen unfug verbreiten darf, er aber ein entsprechendes echo von den anderen lesern und kommentatoren zu erwarten hat. dabei mit "offenem visier" zu "kämpfen" sollte eigentlich eine selbstverständlichkeit sein. allerdings leuchtet mir nicht ein, dass es im "second life" nicht auch regeln wie im "first life" geben sollte: mobbing, morddrohungen oder tatbestände wie holocaustleugnungen haben doch auch dort nichts zu suchen und werden dementsprechend auch bestraft. im übrigen: regeln das nicht viele blogs und foren ohnehin schon, indem sie ein kommentar einer prüfung unterziehen???
5.
blowup 10.04.2007
Die Blogs haben ihre Unschuld doch schon längst verloren. So ist angeblich sogar Johnny Haeusler von Spreeblock führender Kopf hinter adical, einem Vermarkter-Netzwerk für Blogs. Die wollen Werbung, legen aber selbst fest, wer in den Blogs werben darf. Also eine Art (Werbe-)Zensur. Die Kriterien, nach denen ausgwählt, sind intransparent und in der Szene umstritten. Blogger zwischen Unschuld, Selbstherrlichkeit und Kommerz. Money rules the world.
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