Böser Scherz auf Wikipedia Professor wird totgeschrieben

Der Züricher Informatiker Bertrand Meyer sei am 24.12. gestorben - so stand es fünf Tage lang in der Wikipedia. Ein geschmackloser Scherz, der die Diskussion über die Vertrauenswürdigkeit der Online-Enzyklopädie neu entfacht.


Wenn man den Text liest, merkt man eigentlich sofort, dass es sich nur um einen typischen Studentenscherz handeln kann. "Bertrand Meyer verstarb nach jüngsten Informationen am 24.12.2005 in Zürich", stand seit dem 28. Dezember kurz nach zehn Uhr abends im Wikipedia-Eintrag des Züricher Professors Meyer. Am 23.12.2005 seien die Prüfungsergebnisse seines letzten Kurses veröffentlicht worden. "Verbindungen zwischen dieser Veröffentlichung und seinem Tod können jedoch nicht nachgewiesen werden", heißt es weiter.

Enzyklopädie Wikipedia: Jeder Fehler genauestens dokumentiert
DPA

Enzyklopädie Wikipedia: Jeder Fehler genauestens dokumentiert

Doch Meyer, Informatikprofessor an der ETH Zürich und laut Wikipedia (!) Entwickler der Eiffel-Programmiersprache, erfreut sich bester Gesundheit. Mitarbeiter der ETH reagierten verwundert, als sie von der angeblichen Todesnachricht hörten.

Heise Online vermeldete den bösen Scherz heute Morgen um 9.49 Uhr, vier Minuten später waren die Zeilen mit der Todesnachricht aus dem Artikel gelöscht. Das ist schnell und spricht für die aufmerksame Community. Doch mehr als fünf Tage stand die falsche Todesnachricht auf der Seite und macht deutlich, wo die Schwächen der Wikipedia liegen, (die im Übrigen von den Wikipedia-Machern auch nicht bestritten werden).

Dass die Webseite immer wieder für Schabernack, politische Grabenkämpfe oder persönliche Auseinandersetzungen missbraucht wird, ist nicht neu. Um Vandalismus zu erschweren, werden viele Artikel, besonders jene zu brisanten Themen wie Holocaust oder Scientology, von Freiwilligen permanent überwacht.

Erfolgskonzept und Risiko zugleich

Jeder Surfer kann jeden Artikel auf Wikipedia ändern - das ist das Konzept der Online-Enzyklopädie - und man kann es auch ihr Erfolgskonzept nennen. Denn was Autor A nicht so genau wusste, weiß Autor B genauer - und so verschwinden Fehler nach und nach aus Artikeln. Das funktioniert so gut, dass die Online Enzyklopädie sich sogar mit der renommierten Encyclopaedia Britannica messen kann, wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" jüngst verkündet hatte. Zumindest bei naturwissenschaftlich orientierten Einträgen sei die Qualität des Freiwilligenlexikons kaum schlechter als die des von bezahlten Profis erarbeiteten Nachschlagewerks.

Doch vor allem bei Einträgen, die nicht so im Fokus der Leser und Freiwilligen stehen, können Fehler und eben auch makabre Scherze schon mal etwas länger unbemerkt bleiben. Angesichts der 334.000 Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia und knapp 900.000 in der englischsprachigen Version ist es logisch, dass nicht jeder Eintrag täglich oder gar stündlich geprüft werden kann.

Würde man sich von der Editierbarkeit der Artikel verabschieden, oder dies nur einer exklusiven Autorengruppe erlauben, würde sich Wikipedia seiner größten Stärke berauben - der Tausenden Freiwilligen.

Mordvorwurf aus Spaß

Doch das Thema Vertrauenswürdigkeit bleibt heiß diskutiert. Erst vor einigen Wochen hatten falsche Anschuldigungen gegen einen US-Journalisten in dessen Wikipedia-Artikel Zweifel an der Seite genährt. Über John Seigenthaler, den einstigen Assistenten von Robert Kennedy, war zu lesen, dass dieser in den Mord an US-Präsident John F. Kennedy verwickelt gewesen sein soll. Wie sich herausstellte, hatte ein Mann aus Nashville den Eintrag mehr oder weniger aus Spaß geändert. Die Anschuldigung stand monatelang auf der Wikipedia, bis sie entdeckt und korrigiert wurde.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wurde daraufhin in der Presse zitiert, dass künftig nur noch registrierte Mitglieder neue Artikel anlegen dürften. Verändert werden dürften Einträge allerdings weiter von jedermann.

So war es übrigens auch beim Informatiker Meyer geschehen. Er wurde unter einer IP-Adresse eines österreichischen Providers "todgeschrieben" - also anonym, zumindest aus Sicht der Wikipedia-Community. Aktive Schreiber treten dort nämlich unter ihrem Pseudonym auf; sie loggen sich auf der Seite ein, bevor sie Einträge erstellen oder ändern.

Ein möglicher Weg, um Vandalismus auf der Seite weitgehend auszuschließen, dürften fixierte Artikel sein, eine Art eingefrorene Wikipedia. Neben der Live-Version, die jederzeit verändert werden könne, solle es eine Fixversion geben, kündigte Wales an. Sie werde so betreut, "dass wir Vertrauen in sie haben".

Was klang wie eine Reaktion auf den manipulierten Seigenthaler-Artikel war jedoch in Wahrheit ein Projekt, an dem die Wikipedia-Macher schon seit längerem arbeiten. Deshalb ist mancher in der Community bis heute noch verschnupft über die Art und Weise, wie die Presse über den fehlerhaften Eintrag berichtete.

Die Medienmaschinerie kann eben sehr ungerecht sein. Am Projekt einer fairen Berichterstattung arbeitet die Community inzwischen selbst - den Wikinews. Allerdings kann die Seite mit Profi-Nachrichtenportalen (noch) nicht mithalten. Die Meldungen sind nicht gerade topaktuell - und was ihre Anzahl betrifft, auch noch relativ übersichtlich.

Holger Dambeck



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