Booker Artur Schock: "Gut finden und kaufen steht in keinem Verhältnis"

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200 Konzerte im Jahr, sechs Arbeitstage die Woche: Artur Schock, 25, organisiert Konzerte für Elektropunk-Bands wie Egotronic. Der Booker kennt die Tricks der Veranstalter. Er war früher selbst einer im autonomen Jugendzentrum - damals waren Booker für ihn der Inbegriff des Bösen.

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Johannes Büttner

Artur Schock: Der Booker organisiert für zehn Bands Tourneen

Booker bin ich zufällig geworden. Ich bin mit 18 aus Bayern weggezogen in eine Stadt mit einem Autonomen Zentrum (AZ). Ich kannte da Leute, da habe ich Konzerte mitorganisiert und gelernt, wie man das abrechnet, wie man eine Band richtig bucht, wie man als Veranstalter seinen Anteil hochdrückt - jetzt bin ich auf der anderen Seite. Mich haben Freunde gefragt, ob ich das nicht für sie mache, Egotronic waren das. Dann habe ich für die Konzerte gebucht, das lief ganz gut, und dann sind nach und nach andere Bands dazugekommen, Egotronic sind größer geworden und das Label Audiolith auch.

Ich mache das nun drei Jahre. Ich betreute zehn Künstler fest und mache im Jahr so 300 Bookings, davon vielleicht 200 Konzerte. Da sind auch viele kleine Sachen dabei mit 70, 150 Leuten. Oder Partys, wo DJs gegen Festgage gebucht werden.

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Booking. Bei den großen Agenturen, die die richtigen Stars unter Vertrag haben, ist es nicht das Problem, eine Halle zu finden, da geht es vor allem um Organisation und Finanzierung. Sehr bekannte Künstler mit großen garantierten Zuschauerzahlen sagen: Ich spiele gerne in Hamburg, aber ich will dafür zum Beispiel 50.000 Euro fest. Dann musst du als Konzertagentur rechnen, wie du mehr Einnahmen kriegst als die 50.000 Euro und die Kosten für die Miete und Security. Du musst mit dem Budget hinkommen und Gewinn machen.

Kleinere Booker wie wir treten als Makler auf. Du sagst: Hallo, ich hab hier diesen Künstler am Start und der geht auf Tour und dann findest du Veranstalter, handelst Gagen aus. Bei kleinen Bookings, so wie wir sie auch machen, kann von Budget gar keine Rede sein. Da geht es nur darum, die Veranstalter zu überzeugen, dass sie deine Band spielen lassen, die kaum jemand kennt. Das wird immer schwieriger, finde ich.

Arbeitswoche: Drei Tage Büro, drei Tage Tourneebetreuung

Was wir machen, ist mehr als ein Vollzeitjob. Ich fahre noch viel rum, weil ich die Leute, mit denen wir arbeiten, kennenlernen will. Ich mache das auch, um die Leute auf Konzerten zu erleben, damit ich sehe, warum ich das mache, wie die das flasht, die Energie zu spüren, die hinter dem Ganzen steckt. Ich schaue mir die Clubs an, die machen die Abrechnung unterwegs, damit das stimmt. Montag, Dienstag, Mittwoch arbeite ich im Büro in Berlin, Donnerstag, Freitag, Samstag fahre ich mit Bands mit, sonntags verbringe ich verkatert auf der Autobahn.

Wir alle, also auch die Künstler, sind so aufgestellt, dass wir unterwegs arbeiten können mit Internetstick und Laptop. Manche von den geilsten Songs sind irgendwo auf der Autobahn entstanden, genauso wie die fettesten Sachen vielleicht auf einem Parkplatz vor einem Jugendzentrum über SMS eingetütet wurden.

Bei uns ist das noch so, dass die Künstler ihr Honorar direkt mit dem Veranstalter abrechnen und uns dann für die Vermittlung davon bezahlen. Wir bekommen Prozente für die Arbeit. Meine Künstler ziehen von ihren Einnahmen erst mal die Fahrtkosten ab, und vom Rest kriegen wir dann den Anteil. Das ist erst mal das Geld der Firma. Davon bezahlen wir die Promoplakate und so, die ich den Veranstaltern schicke und viel anderes Zeug, laufende Kosten halt. Zum Schluss wird dann das Gehalt ausgezahlt. Das ist kein fester Betrag, sondern je nach Monat mal mehr, mal weniger.

Ich kann davon leben. Mein Büro ist in einer Bürogemeinschaft, ich zahl da wenig Miete. In Berlin kannst du mit so einer Arbeit wunderbar überleben. Meine Krankenversicherung kann ich bezahlen. Ich gebe jeden Monat mindestens 500 Euro an die Bahn, um irgendwo auf ein Konzert zu fahren oder eine Band irgendwo zu treffen.

500 Besucher, 2000 Euro Umsatzbeteiligung für Band und Booker

Bei den größeren Hallen kommen wir mit Bands durchaus auf ein paar tausend Euro Einnahmen pro Konzert. Seit einem Jahr kommen da 500 Leute zum Konzert, auch wenn die Sachen nicht im Radio laufen. Das läuft alles übers Internet. Wir können da zwar nicht die Geschichte vorweisen wie eine Indie-Band, die Jahre dabei ist und ohne Probleme 2000 Euro Festgage kriegt, aber wir kommen da mit unseren Umsatzbeteiligungen auch raus.

Bei einer Gewinnbeteiligung kriegen die Musiker einen Anteil von allen Ticketeinnahmen, nachdem die Kosten des Veranstalters gedeckt sind, oder der Veranstalter bezahlt die Kosten von seinem Anteil. Du kriegst vorher eine Kalkulation der Kosten von dem Veranstalter. Da kann alles drin sein, du schaust als Booker drüber und sagst, was okay ist. Security so und so viel, Personal für die Bar so und so viele, Anlage so und so viel. Das sind natürlich die Punkte, wo du als Veranstalter deine Kosten etwas höher rechnen kannst, um einen besseren Schnitt zu machen. Bei Hallen mit weniger als tausend liegen die Kosten zwischen 600 bis 800 Euro. Uns ist außerdem sehr wichtig, den Eintrittspreis niedrig zu halten. Die Konzerte sollten schon erschwinglich bleiben.

Du gehst das durch und legst mit dem Veranstalter fest, wo die Gewinnzone beginnt. Der Veranstalter kriegt die Einnahmen an der Bar, das ist sehr wichtig für die. Wir machen da nie Umsatzbeteiligungen, ist bei Konzerten nicht üblich, wenn man Partys irgendwo organisiert, könnte man das machen, aber machen wir nicht. Wichtig ist, dass die durchnummerierte Karten verkaufen und damit eine detaillierte Abrechnung machen.

Plakate zahlt der Booker

Die Veranstalter machen theoretisch auch die Promo vor Ort, die rufen beim Radio an, bei der Zeitung, machen online was, damit die Leute wissen, was da kommt. Das ist aber sehr unterschiedlich, wie viel da passiert. Das erarbeiten wir eng mit ihnen zusammen. Ein Veranstalter kriegt 50 oder hundert Plakate, wir zahlen für die Herstellung von tausend Plakaten 150 Euro. Wir schlagen das nicht auf die Veranstalter um, wir schicken denen das auch nicht unfrei, sondern zahlen das Porto. Das ist mir zu viel Stress, die Kosten da reinzurechnen und deswegen zu nerven.

Das meiste, was reinkommt, geben wir auch wieder aus für Promo, Plakatdruck, Anzeigen im "Intro", "Unclesallys", Web-Banner in Blogs, Facebook mit regionalen Einstellungen und so etwas. Da kannst du für Konzerte gut werben, auf Stadt und Altersgruppe abgestimmt. Aber viel läuft da direkt über die Fans, übers Netz.

Die Musik ist den Menschen wichtig, die Platten nicht

Audiolith hätte sich nicht so entwickelt ohne das Internet. In der Presse waren wir am Anfang lange gar nicht, das lief bei uns übers Netz. Das hat dem ganzen auch so einen Underground-Touch gegeben vielleicht. Es war cool, weil es eben nirgends stand in den Medien. Das kennen halt nur die Leute, die Bock drauf haben, und man wird nicht überall damit zugebombt. Es ist eine Szene, die du erst finden musstest.

Mit dieser Krise, da werden ja wir immer gefragt, wie wir das machen. Ich weiß es nicht, wir kennen das ja nicht anders. Klar, vielleicht hätte man mit der Menge an Leuten, die zu unseren Konzerten kommen, vor zehn Jahren extrem viele Platten verkauft, vielleicht würden wir dann alle Porsche fahren. Keine Ahnung.

Du merkst live auf jeden Fall, dass den Leuten die Musik wichtig ist, aber nicht der Besitz. Wir haben Konzerte gehabt, wo die Platte neu rauskam und niemand das Album haben konnte. Da waren auf der Release-Party dann 800 Leute, die richtig steil gegangen sind, denen das wirklich gut gefallen hat, und dann haben wir da zehn Alben verkauft. Das steht in keinem Verhältnis - gut finden und kaufen.

Auf vier verkaufte Alben kommen 30 T-Shirts

T-Shirts gehen viel besser als CDs. Bei einem Konzert mit 500 Leuten verkaufen wir vielleicht 30 T-Shirts und vier Alben. Das ist bei anderen Band mit anderen Fans sicher anders. Da verkauft man vielleicht mehr Alben. Aber die Musik hören sie ja trotzdem, die haben sie zu Hause. Ich finde das nicht so fürchterlich deprimierend, die Musik ist den Leuten ja trotzdem wichtig, auch wenn sie die irgendwo runtergezogen haben. Es ist ja nicht banal für die. Denen sind halt andere Sachen wichtiger, als die CD zu Hause zu haben. Zum Beispiel das T-Shirt.

Booking ist ein feiner Job. Vielleicht der beste im ganzen Musikgeschäft. Du produzierst nichts Physisches, das heißt, du hast kein Warenrisiko, du nimmst nur Geld, wo welches da ist. Du kannst natürlich viel falsch machen, aber wenn du gut organisierst, fair mit allen umgehst und den Überblick behältst, kann das ganz gut laufen. Vielleicht mache ich mal eine Ausbildung in dem Bereich.

Früher, als ich noch Konzerte als Veranstalter gemacht hab, war der Booking-Agent der Inbegriff des Bösen. Wenn eine Band einen Agenten hatte, war das sehr verdächtig. Und wenn die dann noch ein Hotel haben wollten - das war der Inbegriff der Kommerzialisierung. Da hat man nicht gesehen, dass das total sinnvoll ist und dass die Leute genauso Penner sind wie man selbst, aus denselben Strukturen kommen und am Anfang vielleicht in so einem kleinen Jugendzentrum Konzerte organisiert haben und in dem Job hängengeblieben sind, weil sie nichts Anständiges gelernt haben.

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Aufgezeichnet von: Konrad Lischka

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Label
Welche Arbeit die Plattenfirma für den Künstler erledigt, ist von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich. Ein Extrafall ist der sogenannte Bandübernahmevertrag: Da gibt ein Künstler eine fertige Produktion ab, das Label organisiert nur noch Hersteller und Promo, wickelt die Abrechung ab. Ein Label kann aber auch die Produktion finanzieren und organisieren. Je mehr das Label erledigt, umso höher ist in der Regel dessen Anteil an den Einnahmen. Wenn das Label die Aufnahme bei einem anderen, vielleicht professionelleren Produzenten finanziert hätte, würde es mit dem Künstler einen sogenannten Künstlervertrag und mit dem Produzenten einen Produzentenvertrag abschließen. Bei fast allen Verträgen trägt letztendlich das Label das Warenrisiko: Wenn weniger Platten gekauft werden als produziert wurden, bleibt das Label auf den angefallenen Kosten für Herstellung und Werbung sitzen.
Musikverlag
Während die Label Vervielfältigungs- und manchmal auch Leistungsschutzrechte wahrnehmen, werten Musikverlage die Urhebernutzungsrechte der Musiker an ihren Kompositionen und Texten aus. Sie kümmern sich um die Gema-Abrechnung, auch der Live-Auftritte, und manche Verlage bemühen sich, die von ihnen betreuten Stücke Radiostationen und Werbeagenturen anzupreisen, in Spielfilmen zu platzieren, und überwachen, dass die Werke nicht von anderen ohne Genehmigung bearbeitet werden. All das kann ein Musiker auch selbst machen - ein Verlag nimmt ihm gegen Beteiligung die Arbeit ab. Manche Verlage beschäftigen eigene Mitarbeiter, die sich um die Verwertung in Radio und Werbung bemühen, um zusätzliche Einnahmen für Künstler und Verlag zu erzielen. Inzwischen bauen viele Label eigene Verlage auf, um mehr Rechte auszuwerten.
Booking
Die Booking-Agentur organisiert die Live-Auftritte eines Künstlers. Großen Stars zahlen solche Agenturen oft vorab ein hohes Garantiehonorar aus, das sie dann refinanzieren müssen. Die meisten Booking-Agenturen arbeiten aber auf Provisionsbasis - ein Anteil von 20 Prozent an den Einnahmen der Künstler ist gängig.
360-Grad-Vertrag
Das Schlagwort bezeichnet die Strategie von Labels, mit Künstlern nicht mehr allein beim Tonträger-Vertrieb zusammenzuarbeiten, sondern auch bei der Auswertung von Urhebernutzungsrechten (als Musikverlag), beim Livegeschäft (als Booker) und beim Merchandising.
Gema
Die Gema nimmt Gebühren für alle Verwertungen von Musik ein, die das Urheberrecht an den Stücken betreffen. Wer CDs mit vom Gema-Vertragspartner geschriebener Musik herstellt, die Songs digital verkauft, in Werbespots nutzt, live spielt oder im Netz als Download, Stream oder im Webradio vertreibt, zahlt dafür Gebühren. Die Gema schüttet die Einnahmen - nachdem die Verwaltung bezahlt ist - an Komponisten, Autoren oder ihre Musikverlage aus.
GVL
GVL steht für Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten. Ein Leistungsschutzrecht bezieht sich immer auf die bestimmte Aufnahme eines Stücks. Wer daran Leistungsschutzrechte hält, hängt von den Produktionsverträgen ab. Im Prinzip hat jeder ein Leistungsschutzrecht an einem Stück, der Musik einspielt oder einsingt. So können auch Produzenten Leistungsschutzrechte an einer Aufnahme haben oder Labels, wenn sie die Produktion abgewickelt haben. Wenn ein Musiker im Studio seine Stück selbst einspielt, erwirbt er auch Leistungsschutzrechte an dieser Aufnahme, genauso wie bezahlte Studiomusiker. Der Verkauf der Musik im Laden oder Download-Shop ist die Erstverwertung dieser Rechte - dafür kriegen die Musiker in der Regel einen Vorschuss und einen Teil der Einnahmen. Wenn die von ihnen eingespielte oder produzierte Musik aber im Radio, Fernsehen oder Kaufhaus läuft, bei Veranstaltungen abgespielt wird, müssen die Sender und Veranstalter für diese Zweitverwertung der Rechte an die GVL zahlen. Diese Zusatzeinnahmen schüttet die GVL an die Mitglieder aus.

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