"Breitbart" Empörung über deutsche Werbung auf rechter Hetz-Seite

Telekom, Vapiano, Lieferheld: Bekannte deutsche Unternehmen werben auf rechten Nachrichtenseiten wie "Breitbart" - meist, ohne es zu merken. Im Netz wächst nun der Widerstand.

Steve Bannon, der Kopf hinter "Breitbart"
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Steve Bannon, der Kopf hinter "Breitbart"

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Dass der Kauf von Cornflakes in diesen Tagen ein politisches Statement ist, gehört zu den Kuriositäten der Ära Trump. In den USA jedenfalls ist eine Debatte um die Frühstücksflockenmarke Kellogg's entbrannt. Facebook-Nutzer fluten die Seite des Unternehmens mit Boykottaufrufen. Auf Twitter macht der Hashtag #DumpKelloggs die Runde: versenkt Kellogg's.

Was ist da los? Vergangene Woche hatte der Konzern bekannt gegeben, keine Werbung mehr auf der rechten Nachrichtenseite "Breitbart" zu schalten. Die Entscheidung habe "nichts mit Politik zu tun", man wolle jedoch nicht auf Seiten werben, die "nicht mit den Werten von Kellogg's als Unternehmen übereinstimmen", erklärte ein Sprecher. Die "Breitbart"-Macher forderten daraufhin ihre Leser auf, keine Kellogg's Produkte mehr zu kaufen. Larry Solov, der Chef der Seite, nannte die Reaktion der Marke "unamerikanisch".

Auch deutsche Firmen werben auf "Breitbart"

"Breitbart" hetzt gegen Homosexuelle und Einwanderer und behauptet schon mal, dass Verhütung Frauen unattraktiv mache. Steve Bannon, langjähriger Verwaltungsratschef des Portals, ist einer der engsten Vertrauten von Donald Trump. Geld verdient "Breitbart" vor allem mit Werbung. Je höher die Klickzahlen, desto größer die Einnahmen der Seite. Gegen diesen Mechanismus formiert sich im Netz nun Widerstand.

Tatsächlich werben auch zahlreiche bekannte deutsche Marken auf "Breitbart", obwohl die Nachrichtenseite sich vor allem an ein amerikanisches Publikum richtet. Sobald ein Besucher die Seite aus Deutschland anklickt, kann es sein, dass ihm Werbung deutscher Firmen angezeigt wird. In den vergangenen Tagen machten Nutzer eine ganze Reihe Unternehmen per Twitter darauf aufmerksam, dass sie auf "Breitbart" werben: die Telekom, die Restaurantkette Vapiano oder den Elektronikmarkt Conrad.

Man sei "nicht von der Gesinnungspolizei", sagt Lieferheld

In Deutschland hat der Digitalstratege und Politologe Gerald Hensel die Twitter-Kampagne "Kein Geld für Rechts" gestartet. Es ginge nicht darum, Marken mit einem Shitstorm zu drohen, sondern ihnen bewusst zu machen, wo sie werben - und wen sie damit finanziell unterstützen, sagt Hensel. "Es bleibt ihnen freigestellt, darauf zu reagieren. Aber Unternehmen können in diesen Zeiten nicht unpolitisch bleiben", glaubt er. Sein persönliches Ziel sei es, "die Neurechte so unsexy zu machen wie Rauchen".

Manche der angesprochenen Unternehmen rührten sich gar nicht, andere reagierten unbeholfen. So schrieb die Pizzaplattform Lieferheld, man sei "nicht von der Gesinnungspolizei". Als Nutzer protestierten, antwortete Lieferheld, man habe den Hinweis weitergeleitet und distanziere sich "von Extremismus jedweder Couleur". Andere Unternehmen zeigten sich überrascht und versprachen, die Sache zumindest zu prüfen, etwa der Telefonanbieter O2:

Auch der Lebensmittelhändler Rewe verspricht schnelle Klärung:

Deutlicher wurde BMW. Man habe "Breitbart" nach den Hinweisen aus dem Netz auf eine Blacklist gesetzt und schalte ab sofort keine Werbung mehr auf dem Nachrichtenportal - weder in Deutschland noch in den USA. "Wir unterstützen diese Haltung in keiner Weise", sagte ein Sprecher.

Auch der Elektrogerätehersteller Braun hat "Breitbart" nun offenbar auf eine Blacklist gesetzt:

Dass die Firmen in aller Regel gar nichts von ihrer indirekten Unterstützung von "Breitbart" wussten, liegt auch daran, wie Werbung im Netz funktioniert. Marken buchen eher selten Anzeigen auf bestimmten Webseiten. Stattdessen versuchen sie, eine Zielgruppe zu erreichen, die sich für ihre Produkte interessieren könnte: Männer oder Frauen, Ältere oder Jüngere.

"Breitbart" auf die schwarze Liste setzen

Dafür folgen sie etwa den Spuren, die Nutzer im Netz hinterlassen: Wer erst nach Flügen sucht und anschließend auf "Breitbart" klickt, könnte zum Beispiel die Werbung eines Reiseanbieters angezeigt bekommen. Weil Marken mit dem komplizierten Prozedere zudem Agenturen oder Vermarkter beauftragen, "wissen sie nicht einmal, was sie tun", sagt Aktivist Hensel.

Machtlos sind die Firmen deshalb aber nicht. So wie es nun offenbar BMW und andere im Fall von "Breitbart" getan haben, können Unternehmen bestimmte Webseiten intern auf eine schwarze Liste setzen und ausschließen, dort zu werben.

Ob Kampagnen wie die von Hensel "Breitbart" ernsthaft wirtschaftlich schaden, ist fraglich. Tatsächlich könnte es umgekehrt sein: Sollten die Leser der Seite dem Boykottaufruf gegen Kellogg's folgen, könnte der US-Konzern das deutlich spüren. "Breitbart" hat pro Monat 31 Millionen Besucher.


Update, 7. Dezember 2016: Die Restaurantkette Vapiano distanziert sich in einem Statement von der Banner-Werbung auf "Breitbart" und betont, dass man die Werbung nicht selbst geschaltet oder geplant habe. Beworben worden sei eine Aktion in Kooperation mit der Telekom. Vapiano habe sich mit dem Konzern in Verbindung gesetzt, "um die Schaltung auf breitbart.com unverzüglich zu unterbinden."

Auch die Deutsche Telekom hat sich inzwischen geäußert. Die Anzeigen seien nicht bewusst auf "Breitbart" geschaltet worden, teilte die Telekom mit. Der Konzern habe die Website auf eine schwarze Liste gesetzt, heißt es weiter. Rewe distanzierte sich ebenfalls und stoppte die Anzeigen auf dem Portal.



insgesamt 144 Beiträge
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Nordstadtbewohner 06.12.2016
1. Sehr bedenklich.
"Aber Unternehmen können in diesen Zeiten nicht unpolitisch bleiben", glaubt er." Herr Gerald Hensel fordert Unternehmen dazu auf, sich politisch zu betätigen. Das halte ich für falsch und gefährlich. Unternehmerische Entscheidungen, die politisch motiviert sind, erweisen sich oft als Fehler, an dem die Unternehmen lange zu leiden haben und sogar deren Existenz bedrohen. Dazu kommt, dass Unternehmen eventuell Käufergruppen verlieren. Wenn ich ein Gut erwerbe, möchte ich nur dieses Gut erwerben, aber bitte keine politische Botschaft oder gar politische Indoktrination.
nocheinmallangsam 06.12.2016
2. Gesinnungsterrorismus?
Warum sollte BMW ein Seite wie Breitbart finanzieren, wenn die eigenen Mitarbeiter eben NICHT nur aus Leuten besteht, die schon seit drei Generationen in Deutschland oder USA leben? Kein Unternehmer lässt gerne die eigenen Leute im Netz beleidigen, daher: nur konsequent, auf die Blacklist setzen!
gegenpressing 06.12.2016
3.
Gesinnungsterrorismus ist es inzwischen schon, wenn man sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, für Menschenrechte etc. ausspricht? Soweit haben es AfD und Co also schon geschafft.
Neulandbewohner 06.12.2016
4. Danke Kellogg's
Darauf eine extra Portion Cornflakes!
ichwillauchpost 06.12.2016
5.
An diesem Rumgeeiere zeigt sich mal ganz deutlich, was Unternehmen mit "herzzereissenden" Werbespots, Spendenaktionen oder halt Werbung auf rechten und menschenverachtenden Portalen im Grunde interessiert: Profit. Wenn es morgen ein Trend wäre, Katzenbabys vor laufender Kamera zu quälen- sie würden damit werben, wenn es morgen trendy wäre, gegen (vermeintlich) ausländische Menschen zu hetzen- sie würden damit werben. Es geht denen nicht um Moral, bzw. darum, "irgendetwas Gutes" zu tun, sondern ausschließlich um Profit. Den kann man auch mit Faschisten machen, hatten wir ja schonmal. Nur hinterher will es wieder keiner gewesen sein. Es scheint sich nicht einmal 100Jahre später zu wiederholen. Nur, wie schlimm wird es jetzt, lässt sich die Geschichte noch "toppen"?
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