Brian Eno: "Ich bin ein Sklave der Vernetzung"

Musik machen per Community? Den Mann, der mit U2 und Coldplay im Studio war, überzeugt das nicht. Auch die ständige Erreichbarkeit sieht Brian Eno kritisch: Es sei heute schwierig, ohne Unterbrechung nachdenken, schreibt der Künstler - und trauert seinem Faxgerät nach.

Musikproduzent Eno: "Schwierig, einen ganzen Morgen ohne Unterbrechung nachzudenken" Zur Großansicht
Getty Images

Musikproduzent Eno: "Schwierig, einen ganzen Morgen ohne Unterbrechung nachzudenken"

Mir fällt auf, dass gewisse radikale Gesellschaftsexperimente, die selbst dem idealistischsten Anarchisten vor fünfzig Jahren noch utopisch erscheinen mussten, sich jetzt reibungslos und ohne großen Wirbel vollziehen. Zu diesen zählen die Open-Source-Entwicklung, Shareware und Freeware, Wikipedia, MoveOn und UK Citizens Online Democracy.

Mir fällt auf, dass das Netz die Welt nicht ganz auf dieselbe Weise befreite, wie wir es erwartet hatten. Repressive Regime können es ausschalten, und liberale können es als Propagandainstrument verwenden. Auf der positiven Seite fällt mir auf, dass die unterschiedliche Vertrauenswürdigkeit des Netzes die Menschen skeptischer gegenüber den Informationen gemacht hat, die sie aus allen anderen Medien beziehen.

Mir fällt auf, dass ich jetzt mein Wissen als Flickwerk aus einem breiteren Spektrum an Quellen verdaue als in der Vergangenheit. Außerdem fällt mir auf, dass ich weniger dazu neige, nach durchkomponierten, fertigen Erzählungen zu suchen, und es mehr bevorzuge, meine eigene Collage aus dem zu machen, was ich finden kann. Mir fällt auf, dass ich Bücher kursorischer lese und sie auf dieselbe Weise abtaste, wie ich das Netz abtaste - indem ich "Lesezeichen" setze.

Mir fällt auf, dass der Jahrhundertwendetraum des Bioethikers Darryl Macer, eine Landkarte aller Begriffe der Welt zu machen, auf autonome Weise Wirklichkeit wird - in Form des Netzes.

Die Vorstellung der "Gemeinschaft" hat sich verändert

Mir fällt auf, dass ich mit mehr Menschen kommuniziere, aber weniger eingehend. Mir fällt auf, dass es möglich ist, vertrauliche Beziehungen zu haben, die nur im Netz existieren und wenig oder gar keine körperlichen Bestandteile aufweisen. Mir fällt auf, dass es sogar möglich ist, sich an komplexen sozialen Projekten zu beteiligen, wie z. B. Musik zu machen, ohne je die anderen Mitarbeiter zu sehen. Vom Wert dieser Veränderungen bin ich nicht überzeugt.

Mir fällt auf, dass die Vorstellung der "Gemeinschaft" sich verändert hat: Während dieser Begriff einst eine bestimmte physische und geographische Verbundenheit zwischen den Menschen bezeichnete, kann er jetzt "die Ausübung gemeinsamer Interessen" bedeuten. Mir fällt auf, dass ich jetzt zu Hunderten von Gemeinschaften gehöre - die Gemeinschaft der Leute, die sich für aktive Demokratie interessieren, die Gemeinschaft der Leute, die sich für Synthesizer, für Klimawandel, für Tommy-Cooper-Witze, für das Urheberrecht, für A-cappella-Gesang, für Lautsprecher, für die Philosophie des Pragmatismus, für die Evolutionstheorie etc. interessieren.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak, 10.09.2011
"Mir fällt auf, dass alles, was das Netz verdrängt, an einer anderen Stelle in modifizierter Form wieder auftaucht. Beispielsweise gingen Musiker gewöhnlich auf Tournee, um für ihre Schallplatten Werbung zu machen, aber seit Schallplatten oder CDs wegen illegaler Downloads nicht mehr viel Geld einbrachten, machen sie jetzt Schallplatten, um für ihre Tourneen zu werben. Buchhandlungen, deren Angestellte sich mit Büchern auskennen, und Plattenläden, deren Angestellte sich mit Musik auskennen, werden häufiger. Mir fällt auf, dass, je mehr das Netz kostenlose oder billige Versionen von etwas bereitstellt, die "authentische Erfahrung" - die einzigartige, unvermittelte Erfahrung - höher geschätzt wird. Mir fällt auf, dass die Urheber denjenigen Aspekten ihrer Arbeit mehr Aufmerksamkeit widmen, die nicht vervielfältigt werden können. Das "Authentische" hat das Reproduzierbare ersetzt." Das sollte mal die Plattenindustrie lesen UND verstehen. Insgesamt eine Fülle sehr interessanter Gedanken und Beobachtungen.
2. Als Musiker...
andreasoberholz 10.09.2011
Möchte ich dem Kollegen Eno sagen. Es gibt schon noch Leute die das Netz und die Digitalisierung, die sich in der Musikbrache zu Lasten der Urheber breit macht, auch gelassen sehen. Es gibt schon noch Leute die Wissen, das ein MP3 nicht so gut klingt wie eine CD. Leute die Musik bewusst genießen und nicht auf ihrem I-Pod. Das sind auch die Leute die ihr Handy abschalten, wenn die Arbeit vorbei ist. Es ist richtig die Digitalisierung macht uns oft zu Sklaven der Arbeit, nicht wir bestimmen das Tempo, sondern wir werden bestimmt von I-Phone und Co-KG... Alles soll sofort geschehen. Wer aber einen bewussten Umgang damit pflegt, wer weiß das ein Mensch nicht alles sofort und am besten gestern erledigen kann, der kann die Vorteile der Digitalisierung nutzen. In der Musik ist es schon schade, das Musiker nicht mehr als Menschen zusammen kommen, oder Toningenieur und Komponist sich seltener persönlich sehen; gar ganze Alben in Homestudios entstehen, ohne eine gemeinsames Erlebnis gehabt zu haben. Dabei ist eigentlich der soziale Aspekt beim Musik machen der die Kreativität weckt, sie erst aufkommen lässt. Da gebe ich Herrn Eno vollkommen recht, was hat es noch mit Musik - MACHEN - zu tun wenn man sich nie persönlich gesehen hat? Da kann man nur aufrufen und sagen: Liebe Kollegen alleine im Bedroomstudio wird man einsam und versauert. Tut Euch wieder zusammen; macht es wie früher und es macht dann auch mehr Spaß. Dem Endprodukt Musik wird dieser menschliche Faktor nicht schaden, im Gegenteil es wird ihm echtes Leben eingehaucht.
3. !
VPolitologeV, 10.09.2011
Besser die Veränderungen in uns erkennen, als sie zu leugnen.
4. Sehr angenehm
peeka, 12.09.2011
Eno schreibt über seine persönlichen Erfahrungen mit dem internet und verallgemeinert kaum. "Mir fällt auf, dass ich..." bedeutet, eine individuelle Sicht zuzulassen, ohne in eine Netzideologie einzutauchen, der Allgemeingültigkeit zugesprochen wird. Auch dass hier nur marginal Bewertungen erfolgen, macht den Text deutlich angenehmer als so einige Passagen von "Netzexperten". Aber diese - so Brian Eno - sind ja heutzutage auch deshalb Experten, weil sie eine Bewertung vornehmen können. Investigative Personen brauchen wir trotzdem, denn ansonsten würde der Netzinhalt verkümmern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • S. Fischer Verlag
    Wie hat das Internet Ihr Denken verändert? Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge renommierter Denker. SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Beiträge.
  • Zur Übersicht: Alle Beiträge
Zum Autor
Brian Eno, 63, gilt als Paradiesvogel der Kulturszene. Der Brite ist erfolgreicher Künstler, Musiker und Produzent. Unter anderem arbeitete Eno mit David Bowie, Genesis, Coldplay und U2 zusammen. Für seine ersten Musikexperimente nutzte er Bandmaschinen.

Gefunden in
  • John Brockman (Hrsg.):
    Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?
    Die führenden Köpfe unserer Zeit über das digitale Dasein.

    Deutsche Übersetzung von Jürgen Schröder.

    Fischer Taschenbuch Verlag; 256 Seiten; 10,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.