Brisanter Service Die geheimen Treffpunkte der Stasi bei Google Maps

Erfurts Stadtplan ist übersät mit roten Punkten. Und jeder rote Punkt steht für einen Stasi-Treffpunkt. Akribisch haben die Macher von "Stasi in Erfurt" in Google Maps alle konspirativen Wohnungen der Stasi aufgedeckt. Die heutigen Bewohner sind von der Aktion nicht begeistert.

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Für Millionen von Internet-Nutzern in aller Welt ist das Spiel mit Google Earth und Google Maps ein großer Spaß: Das Programm erschließt die Welt aus der Vogelperspektive, und mit Vorliebe suchen die Menschen die eigenen Häuser. Weder Spiel noch Spaß dürfte es für eine ganze Anzahl Erfurter Bürger sein, dass man ihnen nun mit einer ganz speziellen Suchmaske aufs Dach sieht: Als rote Klötzchen im Stadtplan von Erfurt markiert, garniert mit Fotos der Häuserfronten, versehen mit brisanten Zusatzinformationen.

Denn da erfährt man, dass im Haus Nummer 39 in der Soundsostraße, die 3. Wohnung links von 1976 bis 1986 unter Codenamen wie "Biene", "Kombinat" oder "Radar" von der Stasi als konspirative Wohnung (KW) genutzt wurde. Die Webseite, die all diese Informationen sammelt, erläutert, was das heißt: Die sogenannten KWs wurden entweder vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) direkt angemietet, von Institutionen oder Behörden als Treffpunkte zur Verfügung gestellt oder aber von ganz besonders zuverlässigen Genossen. In solchen unauffälligen Räumen instruierten dann Stasi-Agenten ihre Informellen Mitarbeiter (IMs) und hörten sich deren Berichte an.

Rund 60 Prozent der 483 ehemaligen Stasi-Objekte in Erfurt, erklärt Joachim Heinrich, Initiator der Webseite Stasi-in-Erfurt.de, wurden dem MfS von Privatleuten zugänglich gemacht. Wie viele Altmieter, die durch die öffentlich gemachten Datensätze nun also als Stasi-Kollaborateure geoutet sind, noch in den Wohnungen sitzen, weiß auch er nicht. Es könnten noch so einige sein.

Das ist auch der Hauptgrund, warum sich Kritiker wie Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert über die Aktion nicht nur wundern. Weichert hält sie auch rechtlich für bedenklich: Zumindest in den Fällen, in denen sogar die Wohnungsnummern veröffentlicht werden, würden letztlich Persönlichkeitsrechte verletzt. Das Perfide daran, erklärte Weichert Reportern der "Thüringer Allgemeine" (TA), sei zudem, dass derjenige, der sich nun gegen den Stasi-Verdacht wehre, sich nun erst recht dem Stasi-Verdacht aussetze.

Die Regionaljournalisten beobachten und begleiten die Debatte um die konspirativen Wohnungen seit Jahren mit gemischten Gefühlen. Denn natürlich sind die nun per Web veröffentlichten Informationen nicht wirklich neu. Webseiten-Betreiber Heinrich selbst gab bereits im letzten Jahr zusammen mit zwei Co-Herausgebern einen regelrechten Stadtführer "Geheime Treffpunkte des MfS in Erfurt" in Buchform heraus. Buch wie Webseite beruhen auf der akribischen Analyse des Stasi-Datenmaterials, das bereits Anfang der neunziger Jahre veröffentlicht wurde. Heinrich sieht auch die lokale Presse in Erfurt als potentielle Bremser beim Täter-Outing.

Alte Daten, neue Wege

Die Debatte über Sinn und Unsinn des Täter- und Mitläufer-Outings kocht seit nun eineinhalb Jahrzehnten immer wieder hoch: Als erste hatte am 18. Juni 1990 die "taz" eine Sonderbeilage mit über 9000 ehemaligen Stasi-Adressen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR veröffentlicht. Doch auch, wenn viele Informationen also bereits in der Welt waren, verleiht Joachim Heinrichs Webseite ihnen eine völlig neue Dimension: Nie war es leichter, den Datenwust zu erschließen. Drei Klicks, und man weiß, was der Nachbar damals getan hat.

"Ich halte das für den richtigen Weg", sagt Heinrich. Sechs Jahre hat er in das Buch, in die Webseite, in das Thema konspirative Wohnungen investiert. Parallel zur Stasi-Suchmaske im Web läuft seit letztem Monat in Erfurt ein Kunstprojekt, das er mit initiiert hat: Die Videoinstallationen "Conspiracy Dwellings" der Künstlerin Pam Skelton sind noch bis Mitte November in Erfurt zu sehen, danach in Bracknell. Sie visualisieren die einst geheimen Räume, die Ausstellung ist flankiert von Veranstaltungen rund um das Thema - und gefördert unter anderem durch die Kulturstiftung des Bundes.

Auch Heinrichs Webseite erhielt eine kleine Förderung seitens des thüringischen Kultusministeriums. 2500 Euro, sagt Heinrich, seien geflossen und zum größten Teil in die Programmierung und "Georeferenzierung des Datenmaterials" investiert worden - die Zuordnung von Datensätzen auf Google Earth und Google Maps.



Forum - Stasi-Täter-Outing: Pranger oder Aufklärung?
insgesamt 303 Beiträge
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Seite 1
af1755, 11.10.2007
1. Überflüssig!!
Zitat von sysop17 Jahre nach der Wende werden die Strukturen der Stasi dank Web-Services immer transparenter. Doch die Outings sind umstritten: Sollte man die Erinnerung auf diese Weise wach halten?
Wen oder was interessiert das eigentlich?? Die Westdeutschen hat es nie, entgegen der Meinung auch des Spiegels (massenhaft Stasi-Geschichtchen), interesiert und der Rest wird wohl langsam auch genug haben.
hansgp-zind, 11.10.2007
2.
Zitat von sysop17 Jahre nach der Wende werden die Strukturen der Stasi dank Web-Services immer transparenter. Doch die Outings sind umstritten: Sollte man die Erinnerung auf diese Weise wach halten?
WARUM NICHT ??? Oder soll wieder alles totgeschwiegen werden? Oder soll wieder alles "vergessen" werden? Nur damit die ehemaligen Täter ihre "wohlverdiente Ruhe" haben???
Emil Peisker 11.10.2007
3. Akten zu - Geschichte tot
Zitat von af1755Wen oder was interessiert das eigentlich?? Die Westdeutschen hat es nie, entgegen der Meinung auch des Spiegels (massenhaft Stasi-Geschichtchen), interesiert und der Rest wird wohl langsam auch genug haben.
Hallo afi Es muss nicht alle Westdeutschen interessieren, aber besonders die Nachwachsenden sollten dies erfahren. Wenn ein beachtlicher Prozentsatz von Jugendlichen Walter Ulbricht für einen Rockbarden hält, scheint es wirklich zu früh, die Akten zu schließen. Es sind aber auch immer die Gleichen, die diese Forderungen aufstellen. Ich beobachte dies schon seit Jahren. Gruß Emil
Reziprozität 11.10.2007
4.
Zitat von Emil PeiskerHallo afi Es muss nicht alle Westdeutschen interessieren, aber besonders die Nachwachsenden sollten dies erfahren. Wenn ein beachtlicher Prozentsatz von Jugendlichen Walter Ulbricht für einen Rockbarden hält, scheint es wirklich zu früh, die Akten zu schließen. Es sind aber auch immer die Gleichen, die diese Forderungen aufstellen. Ich beobachte dies schon seit Jahren. Gruß Emil
Hallo Herr Peisker, glauben Sie ernsthaft, dass die von Ihnen genannten Jugendlichen sich das wirklich anschauen? MfG Rezi
Emil Peisker 11.10.2007
5. Zielgruppen
Zitat von ReziprozitätHallo Herr Peisker, glauben Sie ernsthaft, dass die von Ihnen genannten Jugendlichen sich das wirklich anschauen? MfG Rezi
Hallo Rezi Über die Schulen vielleicht, aber Sie haben sicher Recht, besonders optimistisch bin ich bei dieser Zielgruppe nicht. Gruß Emil
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