Britischer Außenminister "Hacker sind gefährlicher als das Militär"

Hacker, glaubt der britische Außenminister Robin Cook, könnten Großbritannien "schneller als ein militärischer Angriff in die Knie zwingen". Die "Hacker-Bedrohung" wird auch im "UK" zunehmend als Rechtfertigung für die explodierenden Budgets der Geheimdienste genutzt.

Von


Robin Cook hat oder macht Angst vor Hackern
AP

Robin Cook hat oder macht Angst vor Hackern

Der Kalte Krieg ist vorüber. Ein halbes Jahrzehnt mussten sich die Geheimdienstler der westlichen Welt ernstlich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Selbst Spionage zu Gunsten der heimischen Wirtschaft wurde zum Beispiel von amerikanischen Geheimdiensten als neues, legitimes Tätigkeitsfeld entdeckt und umarmt.

Doch so etwas macht - wenn es herauskommt - böses Blut bei den Verbündeten. Wie aber rechtfertigt man ständig steigende Ausgaben für Profi-Schnüffler in einer Welt, der die Feindbilder ausgehen? Die Argumentation mit hypergefährlichen "Schurkenstaaten" entlockt - im direkten Vergleich mit der schönen, aber vergangenen Bedrohung durch das "Reich des Bösen" (Ronald Reagan) - selbst Experten oft nur ein schräges Lächeln.

Was für ein Glück, dass im Kielwasser des World-Wide-Web-Booms ab Mitte der Neunziger auch die Hacker-Szene boomte. Die Bedrohung von dieser Seite hat, glaubt man Geheimdienstlern, Verteidigungs- und Innenministern, längst staatserschütternde Dimensionen erreicht.

Nun hat auch der britische Außenminister Robin Cook entdeckt, dass man zur Rechtfertigung gestiegener Geheimdienst-Ausgaben eigentlich nur eines braucht: einen Angstgegner. Wenn der auch noch unsichtbar ist und sich an jedem beliebigen Ort der Erde verstecken könnte - umso besser.

Hacker: Universal-Argument für Budget-Erhöhungen?

Cook jedenfalls wählte den gestrigen Donnerstag für eine Rede über die Hackergefahr, in der er behauptete, Hacker könnten Großbritannien heute "schneller in die Knie zwingen, als das ein militärischer Angriff könnte".

Der Termin ist nicht zufällig gewählt, denn gestern wurde dem britischen Parlament auch eine Studie über die Budgets der diversen britischen Geheimdienste vorgelegt. Deren Ausgaben haben sich demnach seit Ende des Kalten Krieges mehr als verdoppelt - und das sind die offiziellen Zahlen. Die liegen für die Dienste MI5, MI6 und GCHQ bei insgesamt 803 Millionen Pfund (mehr als 2,5 Milliarden Mark) in diesem Jahr, mit einer geplanten Erhöhung bis auf 941 Millionen Pfund bis zum Jahr 2003 (rund drei Milliarden Mark).

Vision: Insbesondere die USA beschwören die Gefahr durch "Hacker-Soldaten" - und bilden selbst welche aus
USAF

Vision: Insbesondere die USA beschwören die Gefahr durch "Hacker-Soldaten" - und bilden selbst welche aus

Solche Zahlen ziehen so manchem Geheimdienst-Skeptiker schon die Schuhe aus, sind aber nichts gegen die Informationen, die Sir Gerald Warner, ein ehemaliger stellvertretender Direktor des MI6, dem "Economist" verriet: Er veranschlagt die wahren Kosten für die britischen Geheimdienste schon jetzt im Bereich von 2,5 Milliarden Pfund im Jahr - das wären rund 8 Milliarden Mark.

Selbst die Mitglieder des parlamentarischen Geheimdienst-Komitees kritisierten darum die Regierung offen, weil diese sich weigere, die Einzelbudgets der verschiedenen Geheimdienste en detail aufzuschlüsseln.

Cook schmetterte die Einwände mit einem leidenschaftlichen Verweis auf die Viren- und Hackerbedrohung ab: "Die Revolution im Bereich der Kommunikationstechnologie hat Bedrohungen geschaffen, denen sich die

...und Wirklichkeit: Hacker kommen als Idealisten, geldorientierte Datendiebe oder als Spaß-Guerilleros daher
AP

...und Wirklichkeit: Hacker kommen als Idealisten, geldorientierte Datendiebe oder als Spaß-Guerilleros daher

Geheimdienste stellen müssen." Die Bedrohung durch den "Cyberwar" wird zum Freibrief für Geheimdienst-Ausgaben. Nachdrücklich erinnerte Cook daran, dass es im letzten Jahr der Regierung nicht gelungen sei, Behörden, "kritische Infrastrukturen" und Bürger rechtzeitig vor dem "I Love You"-Virus zu warnen.

Aktuell und mit Nachdruck verwies er darauf, dass so etwas jederzeit wieder geschehen könnte. Das habe im Februar das "Kurnikowa"-Virus gezeigt. Vor dem habe man innerhalb einer Stunde warnen können.

"Kurnikowa" kursierte für etwa eine Woche und verursachte keinerlei Schäden. Das "Virus" war nicht viel mehr als ein selbst versendender Kettenbrief, mit dem ein computerbegeisterter Holländer grundsätzlich auf die anhaltende Gefahr durch Viren hinweisen wollte. Der Aktion verdankt Cook nun Munition im Streit um eine Erhöhung der Geheimdienstbudgets. Dem Holländer, der kein Hacker war, bringt "Kurnikowa" möglicherweise bis zu vier Jahre Knast ein.

Vielleicht befreit ihn ja ein dankbarer Geheimdienst.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.