Browser-Bilanz 2010 Chrome ist Gewinner des Jahres

Zum Jahresende zeichnet sich ab, wie es weitergeht im Browserland. Ein sehr eleganter Opera 11 ist soeben erschienen, die nächste Firefox-Beta steht bevor, der Internet Explorer wehrt sich nach Kräften gegen den Abstieg. Der große Gewinner 2010 aber heißt Google Chrome.

Browser: Vehikel für das WWW

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Spätestens seit Google den Chrome-Browser auf den Markt gebracht hat, spricht man wieder vom "Browser War": Der lange monopolisierte Markt der Webbrowser ist umkämpft wie seit den Neunzigern nicht mehr. Microsoft, das seit dem Niedergang von Netscape den Markt über Jahre fast unangefochten beherrschte und erst mit der Veröffentlichung von Firefox nach und nach Marktanteile verlor, gerät immer mehr unter Druck.

Während sich der Internet Explorer (MSIE) im Business-Bereich noch gut behauptet, ist er bei vielen Privatanwendern nur noch zweite Wahl. Microsofts Problem dabei: Was Leute zu Hause nutzen, ziehen sie auch im Büro vor - auch dort finden sich nun zunehmend Firefox und Co. In Deutschland ist Mozillas Firefox inzwischen mit knapp über 50 bis 60 Prozent ( je nachdem, wen man fragt)Mehrheits-Browser. Der MSIE verliert aber auch weltweit seit 2004 langsam, aber kontinuierlich an Boden.

Zu was für deutlichen Marktbewegungen sich das summiert, erkennt man erst, wenn man ein wenig Abstand nimmt. Globalstats, die als einer der größten Marktbeobachter gelten, bieten aktuelle grafische Aufarbeitungen auch solcher längerfristiger Trends an. Ihre Statistiken zeigen: Seit 2008 hat sich der Sinkflug des MSIE beschleunigt (siehe unten), obwohl Microsoft inzwischen erheblichen Aufwand treibt, den Marktanteil des Browsers zu stabilisieren.

Statcounter-Statistik der letzten zwei Jahre: Markttrend mit Abstand klar erkennbar
statcounter.com

Statcounter-Statistik der letzten zwei Jahre: Markttrend mit Abstand klar erkennbar

Seit der Programmversion 8 gilt der MSIE als leidlich zeitgemäß und hinkt der Konkurrenz etwas weniger langsam hinterher als in früheren Jahren. Die über das Jahr in mehreren Betaversionen auf den Markt gebrachte Version 9 soll am Ende dann sogar mithalten können.

Microsofts Problem: Noch ist das nicht soweit, und folgt man den Statistiken von Globalstats oder Net Applications, einem weiteren der führenden Web-Marktbeobachter, dann verpufften die bisherigen Stabilisierungshoffnungen weitgehend wirkungslos (siehe unten).

Auch den Statistikern von Net Applications zufolge musste der MSIE in diesem Jahr erneut rund 3,7 Prozent abgeben. Googles Chrome legte derweil 4 Prozent zu und ist nun mit einem Marktgewicht von knapp über 9 Prozent die Nummer Drei hinter Firefox.

Firefox schwächelt

Von dem fließen Chrome wohl auch noch ein paar Prozentpünktchen zu, denn Firefox hat über das Jahr erstmals seit Veröffentlichung des Programms leicht verloren: Alle Web-Statistiker registrieren, dass der Marktanteil des beliebten Mozilla-Browsers zumindest stagniert, wenn nicht sogar zurückgeht. Die Konkurrenz schläft eben nicht: Firefox 4 ist überfällig, die nächste Beta ist für diesen Dienstag angesagt.

Zu den Profiteuren der Marktverschiebungen gehört neben diversen Kleinbrowsern (in Statistiken meist als "Andere" bezeichnet) auch Apples Safari, der weltweit rund ein Prozent hinzugewinnt - der Effekt dürfte aber vor allem dem wachsenden Marktanteil von Apple-Rechnern und -Pads geschuldet sein. Weiter stagnierend ist dagegen Opera, dessen Marktanteil zwischen 2,2 und 2,4 Prozent oszilliert.

In Anbetracht der kontinuierlich hohen Innovationsleistung der Norweger ist das schon fast tragisch. Auch mit der Programmversion 11 legten die soeben wieder nicht nur einen ungewöhnlichen fixen und eleganten Browser vor, sondern auch einen, an dessen neuen Features sich die Konkurrenz in den Folgemonaten erst einmal abarbeiten darf.

Features und Design: Trends für 2011

Generell lässt sich für alle Browser sagen, dass die Entwickler in drei Aspekte die größte Mühe stecken: Design, Geschwindigkeit und Features. An Opera 11 und Firefox 4 wird sichtbar, wohin die Reise geht: Browser werden großflächiger, Menüleisten und Navigations-Header zurückgefahren - Chromes Kargheit dürfte hier einen Trend gesetzt haben. Firefox 4 besitzt kaum noch so etwas wie einen Rahmen, an den die üblichen Funktionalitäten festgemacht wären. Wer Zugriff dazu sucht, braucht einen Kurzbefehl: Erst die "Alt"-Taste öffnet ein herkömmliches kleines Menü. Grundfunktionen lassen sich zudem über ein kleines Klappmenü oben links aufrufen.

Das letzte Woche vorgestellte Opera 11 regelt das ganz ähnlich, geht aber noch weiter. Dort stoßen die oberen Ränder der geöffneten Tabs direkt an den Bildschirmrand, nach oben gibt es nur noch diese eine Zeile. In der ist auch das Adress-Eingabefeld platziert, links daneben einige wenige Grundfunktionen als wirklich kleine Buttons: Vor und Zurück, "Home" und neu Laden.

Auch eine der neuen Funktionen, die Opera einführt und andere noch nicht haben, versteckt sich dort ein wenig: Neben dem üblichen Minus-Symbol für die Fensterverkleinerung steht rechts nun auch eine kleine Recycling-Tonne. Wer auf die klickt, kann sich die Links zu Browserfenstern, die er im Verlauf der aktuellen Nutzung geöffnet, inzwischen aber geschlossen hat, wieder hervorholen: Es ist eine Funktion, versehentlich geschlossene Seiten wieder aufzurufen. Sowas hat Firefox zwar auch, aber gut verborgen (unter "Chronik" -> "kürzlich geschlossene Tabs").

Neuer Browser: Opera 11 eröffnet die Innovationsrunde 2011

Die Verwaltung von Tabs, die Opera einst erfunden hatte, ist nach wie vor die größte Stärke des Browsers. Neu ist nun das "Tab Stacking" (also: "Tab-Stapeln"), eine Funktion, mit der man geöffnete Tabs einfach per Drag and Drop gruppieren kann - Klasse für gezielte Recherchen. Was da auf all den übereinanderliegenden Karteikarten zu sehen ist, welche also welche ist, das erfährt der Opera-Nutzer per Mouse-Over: Man zeigt auf einen Karteireiter und bekommt dann ein kleines Vorschaufenster. Blind stochern muss da keiner - das ist einfach und chic. Firefox 4 wird in seiner finalen Version wohl eine ähnliche Funktion anbieten.

Mit "Erweiterungen" läuft hingegen Opera den Entwicklern von Firefox ein wenig hinterher, die schon seit langem auf ein sehr modulares Konzept setzen. Jetzt bietet auch Opera Extensions, die über die schon seit Jahren bekannten Widgets (heute würde man "Apps" sagen) hinausgehen. Hier aber hat Firefox schon rein numerisch die Nase vorn: Knapp über 200 Erweiterungen bei Opera stehen fast 13.000 bei Firefox gegenüber.

Zur zusätzlichen Beschleunigung des Browsers bietet Opera weiter seine "Turbo" genannte Vorab-Herunterrechnung populärer Seiten an - im Grunde eine Art Proxy-Funktion, die dafür sorgt, dass vor allem Bilder stärker komprimiert ausgeliefert werden. Wer mobil surft, weiß das zu schätzen. Alle Browserentwickler haben in den letzten Monaten stark an ihren "Engines" gearbeitet, tendentiell werden alle immer schneller.

Die gerade wieder etwas aufgebohrte Beta von Firefox 4 bietet derweil wenig wirklich Neues, das Entwicklerteam scheint mittlerweile beim Feintuning anzukommen. So soll "Privater Modus" jetzt nicht mehr in einem Menü versteckt werden, sondern kommt nun als Knopf im Browserrahmen daher, um die Nutzung zu erleichtern. Der zunehmende Gebrauch von Html5 wird Firefox künftig durch Schützenhilfe von Microsoft erleichtert: Microsoft lieferte ein Update aus, das die Nutzung von mit dem H.264-Codec verpackten Videos unter Windows 7 und Firefox ermöglicht.

Die Aussicht für 2011 scheint klar: Die Entwickler bemühen sich um schnelle, größerflächige, stärker multimedial orientierte Browser, bei denen Funktionalitäten eher über kleine Navigationselemente als über Menüs angesprochen werden. Im Grunde soll der Nutzer quasi im Vollbildmodus unterwegs sein, den Browser kaum noch als Programm wahrnehmen. Ansonsten gilt: Weniger ist mehr - und Geschwindigkeit ist alles. In Benchmark-Tests lassen sich kaum noch klare Sieger benennen - die eine Software kann das eine besser, die andere etwas anderes.

Abschreiben muss man im kommenden Jahr übrigens auch den MSIE noch nicht, zumal Stichproben in den Browser-Statistiken von SPIEGEL ONLINE zeigen, dass die Nutzung des Explorers momentan wieder zunimmt - möglicherweise ein Resultat des fortschreitenden Betriebssystem-Umstiegs auf Windows 7:

Browser Prozent Vergleich: Okt. 2010
Firefox 49,66 49,33
Internet Explorer 36,89 33,52
Safari 5,85 7,6
Opera 3,37 3,98
Chrome 3,12 3,08

Statistik: Vergleich Stichproben 4. Oktober und 20. Dezember

Version 9 verspricht erheblich mehr Geschwindigkeit als MSIE 8, vor allem ein optimiertes Zusammenspiel mit Funktionen von Windows 7. Die aktuelle Beta des Programms konnte zudem gerade in einem Test der NSS-Labs punkten: Die IT-Sicherheitsexperten behaupten, dass MSIE 8 und 9 im Vergleich zur aktuellen Konkurrenz die größte Sicherheit vor Malware böten.



insgesamt 59 Beiträge
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salamandrix 21.12.2010
1. Datenkrake Google
Wer mit Google im Internet und auf dem Desktop sucht, seine Mails mit Google-Mail verschickt, seine Bilder mit Picasa sortiert, der kann ruhig auch noch Chrome benutzen. Weiß Google nicht eh schon alles über ihn?
Medienkritiker 21.12.2010
2. ...
Chrome ist der mit Abstand schnellste Browser auf dem Markt, kein Wunder das er immer beliebter wird. Die älteren lahmen Krücken - Netbooks von Samsung mit Atom-Prozzi und Co. sind erst mit Chrome halbwegs beim surfen zu ertragen...
mod_x, 21.12.2010
3. Multitouch
Zitat von sysopZum Jahresende zeichnet sich ab, wie es weitergeht im Browserland. Ein sehr eleganter Opera 11 ist soeben erschienen, die nächste Firefox-Beta steht bevor, der Internet Explorer wehrt sich nach Kräften gegen den Abstieg. Der große Gewinner*2010 aber heißt Google Chrome. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,735639,00.html
Weder Chrome, Safari oder Opera unterstützen das Surfen mit einem Multitouchpanel. Nur IE und allen voran der Firefox sind dafür wirklich brauchbar. Beim Firefox baut man die Features für Multitouch noch weiter aus während fast alle anderen Hersteller dieses Thema gekonnt ignorieren.
Jakob Knoblauch 21.12.2010
4. Chrome ohne Google
Zitat von salamandrixWer mit Google im Internet und auf dem Desktop sucht, seine Mails mit Google-Mail verschickt, seine Bilder mit Picasa sortiert, der kann ruhig auch noch Chrome benutzen. Weiß Google nicht eh schon alles über ihn?
Man kann Chrome auch ohne Google benutzen. Es ist nämlich (wie Firefox) Open-Source und jeder darf es unter diesen Lizenzbedingungen verändern - und eben auch Googles Stasi-Funktionen amputieren. Deswegen nutze ich das da: http://www.srware.net/software_srware_iron.php Iron ist dasselbe wie Chrome, nur eben ohne Google.
meckes 21.12.2010
5. Irrationale Google Paranoia
Zitat von salamandrixWer mit Google im Internet und auf dem Desktop sucht, seine Mails mit Google-Mail verschickt, seine Bilder mit Picasa sortiert, der kann ruhig auch noch Chrome benutzen. Weiß Google nicht eh schon alles über ihn?
Völliger Quatsch. Was weiß Google über mich? Diese allgegenwärtige Google-Paranoia kann ich nicht im Ansatz nachvollziehen. Nur weil ich nach bestimmten Dingen, die mich interessieren oder die ich mir kaufen möchte, mit Hilfe von Google suche, weiß Google nicht alles über mich. Die wissen genau das von mir, was mir als Verbraucher oder Informationssuchender weiterhilft. Diese Behauptung ist für mich genauso abstrus, wie die unsägliche und irrationale Google Streetview Debatte. Ich nutze übrigens auch Chrome und bin sehr zufrieden mit der Leistungsfähigkeit des Browsers.
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